Horst Kaisers
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Auswahlmenü Kriegsende und amerikanische Gefangenschaft II./Artillerie Regiment 117
Kriegstagebuch Dezember 1941 bis Januar 1943 Chronik Mai 1943 bis zur
Vernichtung am 12. Mai 1944 ein Tagebuch von Brunhilde
Dallmann Familie Kaiser aus Prütznow und Labes Stammbaum der Familie Kaiser und Eitzen und Schwessiner-Treffen in
der Lüneburger Heide |
Die
III. Abteilung des Artillerie-Regimentes 117 (111.
Infanterie-Division) Eine Chronik
für die Zeit von Mai 1943 bis zu ihrer Vernichtung vor Sewastopol im Mai 1944 dargestellt
anhand von Feldpostbriefen des Abteilungs-Adjutanten Oberleutnant Siegfried
S. an seine Frau. Von Jörg
Gierschke (Email:
jgierschke@yahoo.de) Ich danke
Herrn Gierschke für die Genehmigung, diese Chronik, die Teil einer
Familienchronik ist, als Ergänzung zu
dem Kriegstagebuch der II./AR.117, das die Zeit
von Dezember 1943 bis zu ihrer Auflösung im Januar 1943 umfasst, zu
veröffentlichen Siegfried S. wird am 21. März 1912 in Halle/Saale
als erstes von vier Kindern geboren. Sein Vater Felix S. ist Kaufmann.
Siegfried besucht ab 1918 die neunjährige Knaben-Mittelschule in Halle, wo er
1927 die mittlere Reife erlangt.
1927 beginnt er eine Kaufmannslehre, sicherlich auf Wunsch des Vaters. Dazu besucht er bis 1928 die Städtische kaufmännische Berufsschule zu Halle. Dort wird ihm bescheinigt: „...dass er sich immer sehr gut geführt und
fleißig gearbeitet hat...“
Seine praktische Ausbildung erhält Siegfried S. in der Kefersteinschen Papierhandlung. Dort lernt er 1931 seine spätere Ehefrau M. kennen, welche in selbiger Firma als Kontoristin beschäftigt ist. Am 1. Mai 1933 tritt Siegfried S. im alter von 21 Jahren der NSDAP bei. Er erhält die Mitglieds-Nummer 2.255.323. Am 1. Juli 1939, genau zwei Monate vor Ausbruch des II. Weltkrieges, heiraten M. und Siegfried in Halle. Da von Siegfried S. mehr als 50 Feldpostbriefe erhalten sind, lassen sich seine Kriegserlebnisse zwischen 1940 und 1944 recht gut nachvollziehen und geben einen ziemlich genauen Aufschluss über seine Ansichten, Sorgen und Gefühlslagen. Sein Einberufungstermin zur Wehrmacht ist nicht mehr ganz genau zu ermitteln. Fest steht, dass er sich am 31. Dezember 1939 noch als Zivilist fotografieren lässt, aber bereits am 18. April des darauffolgenden Jahres einen Feldpostbrief an seinen Bruder R. schreibt, er folglich zwischen Januar und März 1940 seinen Militärdienst angetreten haben muss. Womöglich ist er aber auch schon zu Beginn des Krieges im September 1939 eingezogen worden. Ob sich Siegfried freiwillig zur Wehrmacht meldet ist nicht überliefert, auf Grund seiner politischen Überzeugung und seines relativ frühzeitigen Eintrittsdatum, jedoch gut vorstellbar. Möglicherweise möchte er seinem jüngeren Bruder, welcher bereits Leutnant ist, „im Schicksalskampf Deutschlands“ nicht nachstehen. Ausgebildet wird er zunächst in der 4. Batterie des Artillerie-Regiment 221.
Am Frankreich-Feldzug im Mai und Juni 1940 nimmt
seine Abteilung nicht teil, steht aber höchstwahrscheinlich als Reserve am
sogenannten Westwall in Kampfbereitschaft. Ein Jahr später, am 11. Mai 1941,
wird seine Tochter H. in Halle geboren. Am 22. Juni 1941 überschreiten Wehrmachtseinheiten die Grenze zur Sowjetunion, so auch Siegfrieds Artillerie-Regiment 221, welches nun der 444. Sicherungsdivision unterstellt ist. Folglich ist Siegfried zur Geburt seiner Tochter nicht zu Hause. Der Vormarsch verläuft zunächst planmäßig. Dazu in einem Brief vom 2. Juli 1941: „...Seit dem ersten Tag sind wir im Einsatz
und marschieren jetzt mit slowakischen Truppen auf die rumänische Grenze zu,
nachdem wir 4 Tage lang den russischen Widerstand bei Premysl (Przemysl)
brechen mussten. Die Gräuel der Russen sind unbeschreiblich. In Sambor fanden
wir 800 Leichen erschossener Ukrainer. Die Bevölkerung umjubelt uns in
unbeschreiblichen Formen, sie liegen uns förmlich zu Füßen...“ Das die deutschen Truppen zu jener Zeit tatsächlich oftmals von der ukrainischen Bevölkerung als Befreier empfangen werden ist historisch verbürgt, da diese sich nun einen von Russland unabhängigen Staat erhofft. Durch Hitlers Vernichtungspolitik in Osteuropa wird diese Hoffnung jedoch schnell zu Nichte gemacht. Wahrscheinlich nimmt Siegfried vorerst nur an den ersten sechs Wochen des Ostfeldzuges teil, da er mit Wirkung vom 1. August 1941 zur leichten Artillerie-Ersatz-Abteilung 221 nach Hagenau versetzt wird. Am 1. Februar 1942 wird Siegfried zum Leutnant befördert und am 24. Februar 1942 zum Lehrstab A der Artillerie-Schule 8 nach Jüterbog kommandiert, wo er eine spezielle Offizierausbildung erhält. Im Mai 1942 wird er wiederum zum Ersatztruppenteil seines ehemaligen Artillerie-Regiment 221 nach Hagenau versetzt, wo er nun seine praktische Offiziersausbildung bei der Truppe erhält.
Nach der ersten Niederlage des deutschen Heeres im Winter 1941/42 vor Moskau, mit der enorme personelle Verluste verbunden sind, wird nun dringend Offiziersnachwuchs benötigt, der die bereits immensen Fehlstellen an der Ostfront besetzen soll. Von seinen Jüterboger Ausbildern wird Siegfried wie folgt charakterisiert: „Gerade, frisch und
beweglich, heiter und unbeschwert. Versteht das Leben zu nehmen, macht sich
wenig Gedanken, ausreichendes Selbstbewusstsein. Auftreten vor der Front und
Kommandosprache sicher, besitzt Schwung, redet etwas viel...wird auch in
schwierigen Situationen nicht aus der Fassung kommen...fehlt im Auftreten
gegen(über) Vorgesetzte(n) manchmal das Fingerspitzengefühl.“ Anschließend wird Siegfried am 16. Mai 1942 zum
Artillerie-Regiment 298 versetzt, welches momentan im Rahmen der 298.
Infanterie-Division im Raum Charkow und im Juli und August am Donbogen
eingesetzt ist.
Sein dortiger Kommandeur schreibt später folgende Beurteilung über ihn: „Große schlanke Erscheinung mit guten
Umgangsformen und guten militärischen Auftreten. Offener anständiger
Charakter. Geistig sehr rege und körperlich gut veranlagt...im Kameradenkreis
beliebt. Einwandfreies Benehmen im Verkehr mit untergebenen Kameraden und
Vorgesetzten. Gute artilleristische Kenntnisse. Als Batterie- und
Ordonanzoffizier des Regiments auch im Einsatz voll bewährt. Sicheres
Auftreten vor der Front. Reiterliche Ausbildung muss noch gefördert werden.
Geeignet zum Batterie-Offizier...“ Nach fünf Monaten erneuten Front-Einsatz, gehört Siegfried S. ab dem 24. Oktober 1942 zur Stabsbatterie der II. Abteilung des Artillerie-Regiments 221, wird also wiederum in seine alte Einheit versetzt. Am 31. Januar 1943, zum Zeitpunkt der Kapitulation der 6. Armee in Stalingrad, wird er mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet. Einige Wochen später, im März 1943, wird Siegfried zum letzten Male versetzt. Nun in das Artillerie-Regiment 117, welches zur 111. Infanterie-Division gehört. Seine einstige Einheit wird offiziell aufgelöst. Jedoch wird er nicht als einziger versetzt, sondern die gesamte ehemalige II. Abt / AR 221, oder zumindest ein großer Teil davon, kommt nun zum AR 117, da die Kameraden die Siegfried namentlich erwähnt auch später immer wieder genannt werden.
Die 111. Division liegt seit Februar 1943 in Sambek, östlich von Taganrog in der Nähe des Asowschen Meeres in festen Stellungen.
Im April 1943 erhält Siegfried Heimaturlaub, den er natürlich in Halle bei seiner Frau und Tochter verbringt. Nach dessen Beendigung schreibt er am 3. Mai auf der Bahnfahrt an die Ostfront an seine Frau: „...langte ich heute in Jassinowakaja an. Die
Fahrt war etwas härter, auf Holz...schläft es sich eben doch nicht so schön.
Unterwegs wurde mir ein Wagen mit Mannschaften anvertraut, den ich, falls uns
Partisanen belästigen sollten, gegen den Feind zu führen beauftragt wurde. Wir
haben herrlich geschlafen genau so wie die Partisanen. Die Tage zuvor mussten
sie aber doch gewütet haben, man sah verschiedentlich entgleiste Wagen... ...Vielleicht ist es falsch immer und immer
wieder an vergangene Stunden zu denken, es macht den Abschied nur schwerer,
aber es waren doch wundervolle Tage gemeinsamen Lebens. Empfindest Du das
auch oder war ich in jeder Hinsicht zu faul? Nun weiß ich wieder für lange
Zeit wie Eurer Tagesstundenplan läuft...“ Und am 5. Mai 1943 an der Ostfront angelangt: „...4 Tage und 4 Stunden habe ich gebraucht
von Haustür zu Haustür. Leider ist mein Bunker noch nicht fertig, es mangelt
an Bauholz. Ich bin sehr lieb aufgenommen worden... ...Der Krieg ist herrlich ruhig, außer
Telefonaten stört einen nichts... ...Dadurch kann ich berechtigt hoffen in etwa
einem Jahr schon Euch wiederzusehen. Nimm das als Trost in dem
Abschiedsschmerz...“ Da sein Bruder R. vom 31. März bis 16. April 1943 ebenfalls Heimaturlaub erhält, muss wohl in jenen Tagen nachstehendes Foto beider Brüder in Halle entstanden sein.
Fünf Tage später, am 10. Mai 1943, schreibt Siegfried aus Taganrog an seine Frau: „...Trotzdem habe ich noch keine Zeit
gefunden mich in der Sonne zu aalen, während unsere meisten Männer
negerähnlich erscheinen... Am 2. Juli 1943 seine Frau: „...Die Woche verlief insofern
abwechslungsreicher, als wir mehr geschossen haben und dem Iwan mal tüchtig
eins aufs Dach gehauen haben. Heute Abend gibt’s wieder schwere Dresche,
unsere Wut ist grenzenlos. Vor einer Stunde ist unserer Doppelrumpf-Aufklärer
abgeschossen worden, der uns stets so prächtige Meldungen und
Aufklärungsergebnisse brachte... ...Letzten Sonntag war ich mit Hauptmann
Klose zum Feldgottesdienst... ...Ein hoffnungsvolles Ahnen hält uns seit
Tagen in Spannung. Mit Wissbegier hören wir die täglichen Meldungen. Wir sind
der Überzeugung, dass wenn auch nicht an unserer Front so doch irgendwo
anders ein großer Schlag geführt wird. Nach allem was man so hört speichert
sich unsere Kraft zusehends und wir sind der Überzeugung, dass bald die
Heimat wieder von deutschen Taten vernimmt. Es ist so, dass nach einem harten
Winter sicher ein erfolgreicher Sommer unsere Situation wieder bessern wird.
Dr. Goebbels hat ja auch entsprechende Andeutungen gemacht...“ In jenem Brief macht Siegfried möglicherweise Andeutungen über die seit Juni im Mittelabschnitt tobende Schlacht am Kursker Bogen. Die russische Frontlinie ragt hier seit dem letzten Winter balkonartig in die deutsche hinein. Für den deutschen Generalstab eine willkommene Vorlage die weit im Westen stehenden russischen Truppen nördlich und südlich abzuschneiden und einzukesseln. Der Angriff wird allerdings von Hitler von Woche zu Woche verschoben, da dieser das Eintreffen der neuen Panzermodelle „Tiger“ und „Panther“ abwarten will. Somit bleiben die deutschen Angriffsvorbereitungen der sowjetischen Abwehr nicht verborgen und der Roten Armee genug Zeit massive Gegenmaßnahmen einzuleiten. Der letzte Versuch der Wehrmacht die Initiative im Osten wiederzuerlangen schlägt fehl, da den deutschen Truppen lediglich unbedeutende Einbrüche von einigen Kilometern gelingt. In der größten Panzerschlacht des II.Weltkrieges bei Prochorowka verliert die Wehrmacht die Masse ihrer modernen Panzerwaffe. Am 17. Juli wird ein Großteil der 111. Infanterie-Division in aller Eile nach Norden zur dort beginnenden Schlacht am Mius verlegt. Nur ein Drittel der Division verbleibt in den Stellungen bei Taganrog. Das Siegfrieds III. Artillerie-Abteilung von der Verlegung nicht betroffen ist, beweißt sein Brief vom 12. Juli 1943: „...Mein Bursche ist auf Urlaub, sein
Vertreter ist noch mehr in Ordnung. Gestern Mittag gabs grünen Salat, abends
gekochte Aprikosen, heute Vormittag gefüllte Eierkuchen, heute Abend Pudding.
Wo der Kerl all diese Zusatzkost herholt weiß der Deibel... ...Vom Krieg ist wie schon erwähnt nichts zu
berichten. Die letzten drei Tage fiel kaum ein Schuss...“ Ähnliches schreibt er am 8. August 1943 an seine Frau: „...Heute Abend fährt Schindler in Urlaub und
hat sich erboten, Euch diese Zeilen zu übermitteln... Heute gab es in der
Marketenderware 200 Zigaretten, je eine Flasche Wein und Sekt. Diesen Alkohol
trinke ich noch allein, die nächsten Empfänge hebe ich für den Urlaub auf,
etwas anderes kann ich kaum mitbringen. Selbst Sonnenblumenöl fängt an knapp
zu werden. Heut ist der Tag der allergrößten Hitze. Selbst ich, der sonst in
dieser Hinsicht allerlei vertragen kann, bin blöd geworden. Im Krieg ist
nichts los. Dein Brieflein vom 30.7. kam vorgestern in meinen Besitz. Warum
nur diese Sorgen? Dein Alter mit seinen Dusel!...“ Seine Frau macht sich, in diesem Falle völlig unberechtigt, Sorgen um ihn. Aus den nächsten Monaten ist von Siegfried kein Feldpostbrief erhalten geblieben. Deshalb folgend Auszüge aus der Geschichte der Division im Lexikon der Wehrmacht: Am 18.August wird die 111.Infanterie-Division
zum Gegenangriff gegen die bei der 294.Infanterie-Division durchgebrochenen
russischen Truppen angesetzt. In schwersten Gefechten verteidigt sich die
Division gegen die immer wieder angreifenden Russen. Beim Artillerie-Regiment
117 fällt dabei der bewährte Regiments-Adjutant Hauptmann Seldte. Das XXIX.
Armeekorps wird bei den Kämpfen eingeschlossen, kann aber am 31. August
1943 handstreichartig mit der Masse der schweren Waffen nach Westen
durchbrechen. Dabei gelingt es die Masse der pferdebespannten Batterien des
Regiments nach Westen mitzuführen. Im Rahmen der planmäßigen Absetzbewegung
der 6.Armee
vom Mius zum Dnjepr geht die 111.Infanterie-Division
nördlich des Asowschen Meeres an Mariupol vorbei zurück. In ständiger
Feindberührung werden meist tagsüber die Stellungen gehalten und nachts
marschiert. Zwischen dem 1. und dem 20.September 1943 werden hierbei
zahlreiche Feindpanzer vernichtet, so am 3.September bei Pawlowo. Ostwärts
Melitopol erreicht die 111.
Infanterie-Division die Kriemhildstellung an der Molotschnaja und
gliederte sich zur Abwehr im Rahmen der von der 6.Armee befohlenen
Wotan-Stellung, die hart am Ostrand der Stadt verläuft. Ende September
versammelt sich die Rote Armee mit Panzern und Infanterie zum Angriff. Ihre
Vorstöße werden abgewiesen, doch am 9.Oktober 1943 bricht die Rote Armee bei
der 336.Infanterie-Division, dem rechten Nachbarn, ein und steht im Südteil
von Militopol. Bis zum 23.Oktober dauern die erbitterten Kämpfe um die Stadt,
die dann geräumt werden muss. Hart wird noch am Westrand der Stadt gekämpft,
bis der Feind mit Panzern in die Tiefe durchstößt und das XXXXIV. Armeekorps
aufsplittert, so dass ein Absetzen zum Dnjepr notwendig wurde. Die 111.Infanterie-Division
wird ab dem 1. November 1943 im Brückenkopf Nikopol, ostwärts den Dnjepr,
eingesetzt, den die Armeegruppe Schörner mit zwei Armeekorps in drei Abwehrschlachten
im November und Dezember 1943 und im Januar 1944 erfolgreich verteidigt. Am 6. Dezember kündigt Siegfried einen bevorstehenden Heimaturlaub an: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, ich
komme gegen den 18.12. hereingeschneit.“ Nach Beendigung seines Urlaub schreibt Siegfried S. am 14. Januar 1944 bei einem Zwischenaufenthalt auf der Rückfahrt an die Front an seine Frau: „...Morgen geht die Fahrt mit Gewissheit los.
Allerdings nicht in den Brückenkopf, aus dem unsere Division Gott sei Dank
heraus gelöst worden ist, sondern in die Gegend zwischen Winniza und Uman.
Ich hoffe die Division ist schon dort, damit ich um den anstrengenden Marsch
herum komme...So trete ich die Abreise von hier in einigermaßen guter
Stimmung an, wenn nur die Wut nicht wäre, dass ich die 5 Tage dauernde
Wartezeit nicht daheim verbracht habe... ...Meine Gedanken eilen zu Euch Ihr meine
Liebsten, mögt Ihr vom letzten Tagangriff verschont geblieben sein und möge
Euch auch fernerhin der liebe Gott vor den Fliegern verschonen, damit wir uns
gesund wieder finden...“ Mittlerweile werden fast täglich deutsche Städte von den alliierten Luftstreitkräften, die längst die Luftherrschaft über dem „Reich“ errungen haben, bombardiert. Halle ist auf Grund seiner Nähe zu den kriegswichtigen Chemie-Werken und Raffinerien besonders gefährdet. Einen Tag später am 15. Januar und noch immer während der Bahnfahrt in Richtung Ostfront: „...Eben traf ich Oberleutnant Benecke., der
mir sagte die Truppe sei weiterhin in Nikopol, ich fahre also dorthin.
Außerdem teilte er mir mit, ich sei Oberleutnant geworden... ...Das Gepäck ist bereits im Zug verladen.
Ich sitze zum Abschieds-Abend-Essen im Kasino und werde 21 Uhr gen Odessa
rollen, um von da aus in den Brückenkopf Nikopol zu gelangen. Die Fahrt nach
O. wird voraussichtlich vier Tage dauern. Was mich bewegt, heute Euch diesen
Brief zu schreiben, ist die große Sorge um Euch. Der Wehrmachtsbericht
meldete Angriffe auf Mitteldeutschland und ich weiß nicht ob Ihr noch wohlauf
seid... ...Bitte warte mit der Fahrt ins Erzgebirge
keinen Tag länger, allen Schwierigkeiten zum Trotz. Ich muss Euch in
Sicherheit wissen sonst vergehe ich in Sorgen um Euch. Welche Vorwürfe habe
ich mir schon gemacht, Eure Umsiedlung nicht selbst betrieben zu haben, wie
vieles besser hätte ich den Urlaub benutzen können...“ In einem unscheinbaren Aktenvermerk des Militärarchiv Freiburg ist Siegfrieds Beförderung bereits auf dem 1. Oktober 1943 datiert, woraus sich schließen lässt, dass diese wohl rückwirkend stattgefunden hat.
Am 22. Januar1944 schreibt er von der Ostfront an seine Frau:: „...Soeben am Bestimmungsort eingetroffen und
offiziell zum Oberleutnant befördert, gedenke ich Euer. Morgen früh fahre ich
in die Stellung um vorläufig wieder meinen Posten zu übernehmen. Vorgesehen
bin ich als Batterie-Chef...“ Und am 26. Januar 1944 von der Ostfront an seine Frau:: „...In Odessa lernte ich einen Hauptmann
kennen, der auch zum Brückenkopf fuhr. Die Unterhaltung ergab, dass es sich
um meinen neuen Kommandeur handelte. Ein in meinen Alter stehender sehr
ruhiger Offizier, mal sehen ob es so bleibt. Überall wurde dann der
frischgebackene Oberleutnant mit großem Hallo empfangen, viele Hände
streckten sich mir zum Glückwunsch entgegen. Unser Gefechtsstand ist an alter
Stelle. Durch einen Einbruch des Russen ist er allerdings wesentlich näher an
die HKL herangerückt, wodurch lebhafter Eisenregen um uns liegt. Widerliches
Tauwetter hat die Welt ringsum in Schlamm verwandelt. Ich wohne in einem
recht ordentlichen Bunker mit dem Kommandeur und Leutnant Schreiber und habe
so wenigstens eine trockene Heimat. Vorläufig bleibe ich noch Adjutant, der
Stern verpflichtet aber und so werde ich wohl demnächst mit einer Batterie
rechnen müssen... Siegfried gehört weiterhin zum Stab der III. Abteilung des Artillerie-Regiment 117. Sein neuer Kommandeur ist Berufsoffizier und heißt Dieter Westphal. Er stammt gebürtig aus Bad Harzburg, wohnt aber derzeit in Fürth. Siegfried ist dessen Adjutant, also seine rechte Hand bei der Führung der Abteilung und wird diese Funktion auch beibehalten. Seine Sorge bald den weit gefährlicheren Posten eines Batterie-Chefs übernehmen zu müssen ist also unbegründet. Der erwähnte Leutnant Schreiber dürfte der Ordonnanz-Offizier der Abteilung sein. Das Schicksal dieser beiden Offiziere, mit Schreiber ist Siegfried wahrscheinlich sehr gut befreundet, wird in den nächsten Wochen eng mit seinem eigenen verwoben sein. Am 30. Januar 1944 schreibt er von der Ostfront an seine Frau: „...Sonntag ist`s, soeben haben wir die Rede
des Führers gehört und warten nun auf den Hasenbraten... ...nach wie vor ist bei uns alles ruhig,
unheimlich ruhig möchte man fast sagen, aber sicherlich bereitet der zähe und
dicke Schlamm auch dem Russen wenig Freude und hindert seinen Nachschub. Mein
neuer Kommandeur und Jahrgang 1916 und aktiver Soldat, scheint einer
Pfarrers-Familie zu entstammen. Er tut den ganzen Tag kaum den Mund auf und ist für Scherz und Humor wenig empfänglich.
Was Wunder wenn wir keinen Kontakt miteinander bekommen... ...Gestern habe ich die erste Laus im neuen
Jahr gefunden. Obwohl es ein liebes Tierchen war, musste es sein Leben
lassen. Die Läuseplage ist ziemlich doll, da Wasser zur Zeit eine sehr rare
Angelegenheit ist. Dafür aber gibt es täglich Bier, soviel, dass wir es ab
und zu zum Händewaschen benutzen... Und nur zwei Tage später am 1. Januar 1944 antwortet seiner Frau:: ...Unsere
Front ist immer noch ruhig, nur ab und an rauscht einmal ein Geschoss über
uns ins Hinterland... ...Mit
meinem Kommandeur bin ich noch nicht sehr warm geworden, ich glaube, er fühlt
sich uns alten Knöppen gegenüber, Schreiber ist an die Stelle von Schindler
getreten, etwas befangen. Der ist als Ostpreuße etwas stur, aber hat
Qualitäten, gegen Dietrich ein weltweiter Unterschied...“ Mit seinem neuen Kommandeur, Hauptmann Westphal., der gar kein Ostpreuße ist, scheint Siegfried zunächst nicht besonders gut auszukommen. Anfang Februar 1944 kommt die Front im Südabschnitt langsam wieder in Bewegung. Die Rote Armee greift den deutschen Brückenkopf im Raum Nikopol an, der Frontabschnitt ist auf Grund der weit unterlegenen deutschen Truppen schnell akut gefährdet. Am 3. Februar 1944 schreibt Siegfried an seine Frau: „Liebstes Haseli und
Töchterlein! Ein Urlauber, als einzig mögliche Postbeförderung, soll Euch
wieder einen Gruß von mir bringen. Obwohl die Wegverhältnisse derart schlecht
sind, dass man selbst als leichter Fußgänger kaum vorwärts kommt, liegt ein
Marsch in der Luft. Also bitte nicht gleich ängstlich sein, falls ich nicht
regelmäßig zum Schreiben kommen sollte...“ Und fünf Tage später am 8. Februar 1944 sehr flüchtig an seine Frau: „...Der Wehrmachtsbericht wird Euch wohl
schon bekannt gemacht haben, dass es bei uns mal wieder stinkt. Aber genau
wie vor einem Jahr hoffen wir doch noch auf einen glücklichen Ausgang. Ich
bin ein armer Mann geworden, alles Gepäck ist zum Teufel. Aber trotz Dreck,
Verlausung und wildem Aussehen ist der Mut ungebrochen. Es lebe der
Frieden!...“ Zum ersten Mal redet, bzw. schreibt Siegfried vom Frieden! Seine Erlebnisse des Rückzuges lassen ihn nun weit nachdenklicher werden, was auch sein Brief vom 16. Februar anschaulich belegt: „Liebstes Haseli und Töchterlein! Am 1.2.
fand ich letztmalig Gelegenheit Euch ein Lebenszeichen zu geben. Seither
musste ich das Traurigste und Schwerste miterleben, was einem Soldaten außer
der Gefangenschaft passieren kann, nämlich alles zu verlieren. Die Räumung
unseres Brückenkopfes ging ohne Feinddruck von statten. Maßgebend war ein
Einbruch westlich des Dnjepr tief in unserer Flanke, der uns einzuschließen
drohte. So machten wir uns dann auf die Strümpfe, um den vorbereiteten Kessel
zu entgehen. Aber das Wetter war gegen uns. Tagelang vorher schon
einsetzender Regen hatte die sogenannten russischen Straßen fast unpassierbar
gemacht. Ein Viertel Meter hoher zäher Schlamm machte ein Vorwärts
marschieren unmöglich, Geschütze und Fahrzeuge versanken bis an die Achsen,
die Pferde fielen um wenn sie tief im Morast steckend die Beine heraus ziehen
wollten, uns lief nicht nur der Schlammbrei in die Stiefel, nein häufig blieb
auch mal ein Stiefel stecken und wir alle haben so manche unbeabsichtigte
Morast-Wanderung gemacht. Trotzdem haben wir Tag und Nacht geschuftet...um
unsere Geschütze mitzubringen. Vergebens. Nach und nach haben wir alle Rohre
sprengen müssen, mussten alle Fahrzeuge stehen lassen und konnten nur unser
und unser Pferde nacktes Leben retten. Der Trost, dass das fast der ganzen
Armee so ging, macht uns zwar nicht glücklich, es rechtfertigt uns aber.
Dreckig, verlaust und abgerissen, mit der Möglichkeit rechnend Infanteristen
zu werden, erreichte uns heute der Befehl, dass wir zur Auffrischung in die
Gegend von Nikolajew heraus gelöst werden. Morgen rücken wir ab und hoffen
unser Marschziel in 2-3 Tagen zu erreichen. Falls ich Dir Sorgen gemacht
habe, darfst Du für die nächste Zeit mit meinem Wohlergehen rechnen. Alles in
allem wundere ich mich sehr über mich selber, dass ich diese unglaublichen
Strapazen so gut überstanden habe. Alles zu Fuß, durchnässt bis auf die Haut,
vor Schlamm von einer feldgrauen Uniform nichts mehr zu erkennen, mit 20
Landsern des Nachts in Panjebuden auf mageren Stroh. Ihr hättet nur manchmal
sehen müssen wie man so vegetiert. Doch Schluss mit diesen traurigen Bericht,
hoffentlich sind wir recht bald wieder Schläge austeilende Soldaten... ...Gebe Gott der Rummel ginge bald zu
Ende...Innigst Euer ferner Vati...“ Auch hier wieder der Wunsch nach einem baldigen Ende des Krieges und die Beschreibung des chaotischen Rückzuges, der mit Sicherheit noch beschönigt ist um seine Ehefrau nicht allzu verstören. Und das relativ unverschlüsselt in einem Feldpostbrief. Für einen Offizier schon fast defätistische Aussagen, für welche er offiziell geäußert durchaus kriegsgerichtlich hätte belangt werden können. Meiner Meinung nach hat er zu diesem Zeitpunkt noch keinesfalls den Glauben an eine Wende des Krieges oder an seine Führung verloren, doch ist mittlerweile deutlich eine Wandlung in Siegfried zu erkennen, die unweigerlich mit seinen negativen Fronterlebnissen zusammenhängen. Dazu wiederum ein Auszug aus der Geschichte der 111. Infanterie-Division, welcher sich mit Siegfrieds Feldpostbrief deckt: Im Winter, bei Eis und Schnee, wird endlich
der Brückenkopf in der Zeit vom 1. bis zum 16.Februar 1944 geräumt. Es war
dabei aber unmöglich, die im Schlamm steckenden Geschütze zu bewegen, so dass
diese gesprengt werden mussten. Am 19. Februar 1944 schreibt Siegfried aus nun rückwärtigen Gebiet an seine Frau: „...Wir sollen hier Zeit finden uns, unsere
Kleidung, und alles was uns noch verblieben ist, in Ordnung zu bringen.
Quartiermäßig haben es wir ausgezeichnet getroffen. Wir wohnen in einem
deutschen Dorf, dessen Einwohner evakuiert worden sind. Im Gegensatz zu den
Panjebuden sind die im Schwarzwälder Stil gehaltenen Bauernhäuser
Luxusquartiere. Der gestrige letzte Marschtag war körperlich gesehen der
schwierigste. Früh 5 Uhr bestiegen wir bei Dauerregen unsere Pferde (unser
PKW ist auch mit hochgegangen). Der Regen hielt an bis wir völlig durchnässt
waren und wandelte sich dann in ein Eishageln wie ich es noch nie erlebt
habe. Jeder Regentropfen kam als Stecknadelgeschoss ins Gesicht. Die Sache
voll zu machen stieg nachdem noch ein einstündiger Schneesturm, der jede
Orientierung raubte. Völlig durchgedreht erreichten wir gegen 14 Uhr unser
Quartier...“ Zu wirklicher Ruhe kommt Siegfried zunächst nicht, am 22. Februar 1944 schreibt er aus Nikolajew an seine Frau: „...Euer Vati ist mal wieder auf Reisen. Mein
Kommandeur hat mir die Ruhepause nicht gegönnt und mich mit einem Kommando
nach Nikolajew geschickt um hier zu organisieren. Seit zwei Tagen bin ich nun
hier und habe mancherlei aufgetrieben, was uns zu unserer Auffrischung verhilft.
Nur noch keine Geschütze, die Gefahr der Auflösung hängt somit noch immer als
scharfes Schwert über uns. Doch beim Kommis macht man sich über das „Morgen“
keine Gedanken. Man lebt so gut es geht und ich muss sagen, es lässt sich
hier leben. Gestern war ich im Kino „Altes Herz wird wieder jung“ mit
Jannings hat mir sehr ordentlich gefallen. Heute will ich mir den
Bettelstudenten im Operettentheater ansehen, Text allerdings russisch... ...Die Sorge um die Heimat aber lastet weiter
auf mir. Zwei schwere Angriffe auf Leipzig bzw. Mitteldeutschland drücken
aufs Gemüt... ...Hoffen wir auf ein baldiges Kriegsende und
auf den Neubeginn unseres Glücks!...“ Und zwei Tage später, am 24. Februar 1944 wiederum aus Nikolajew an seine Frau: „...Erfolgreicher als gedacht ist unsere
Arbeit hier verlaufen. Sogar acht neue Geschütze konnten wir einkaufen und
stehen damit wieder ausgerüstet unseren Mann. Das Wetter hier ist winterlich,
seit fast einer Woche liegt eine dicke Schneedecke auf den Straßen, ein
kalter Wind tut das übrige. Gestern waren wir im Stadttheater und erlebten
einen bunten KdF-Abend. Man könnte meinen im Frieden zu leben, nur müsste das
Essen besser sein...“ Siegfried beschreibt seine Tage in Nikolajew als recht angenehm und genießt natürlich auch alle Vorzüge die einem deutschen Offizier in der Etappe geboten werden. Am 26. Februar 1944 schreibt „Siggi“ von der Ostfront an seine Frau: „...Ich bin nun wieder aufs Land
zurückgekehrt und genieße mit der Abteilung die letzten Ruhetage. Bald wird
uns die Eisenbahn die neuen Geschütze bringen und dann sind auch wir wieder
dabei. Auch bei uns ist seit etwa acht Tagen der Winter noch mal eingekehrt.
Wunderbarer Sonnenschein über unendlich weiter weißer Fläche macht einen
Mittags-Spaziergang zum Genuss...“ Zur geplanten Auffrischung der Division im Raum Alexanderstadt kommt es allerdings nicht, denn am 4. März 1944 schreibt er relativ melancholisch: „...Die beschaulichen Wochen der Ruhe neigen
sich ihrem Ende zu. Manch schöne Stunde liegt in ihnen eingeschlossen. Sogar
als Jäger habe ich mich betätigt und eine Treibjagd auf Hasen mitgemacht. Nur von Ferne vernehmen wir das Grollen der
Front und nehmen es uninteressiert zur Kenntnis. Auch wir hatten ab Mitte
Februar noch einmal richtigen Winter mit stahlblauen Himmel und warmer Sonne.
Auf unseren Schlittenfahrten erwischten wir schon recht ordentliche Bräune.
Nun ist das Stadium des Packens eingetreten, in den nächsten Tagen geht für
uns eine größere Reise los. Sei aber nicht beunruhigt, wenn ich mich in der
nächsten Zeit nicht regelmäßig melde, ich werde schon nicht ertrinken.
Verbessern tun wir uns jedenfalls nicht, wenn auch die Landschaft etwas
südlichere Züge trägt...Zwei Monate bin ich nun schon wieder von euch fort,
noch sechs Monate und ich darf wieder bei euch sein. Ach wie so die Zeit
vergeht, wenn nur der Rummel bald ein Ende finden würde. Was macht unser
H.-Kind? Nach und nach entschwinden bei mir die bildhaften Erinnerungen und
die Sehnsucht bleibt zurück...In Sehnsucht und Liebe grüße und küsse ich
Euch, herzinnigst Euer Vati...“
Das Artillerie-Regiment 117 gliederte sich im Frühjahr 1944 wie folgt:
Gliederung der 111.
Infanterie-Division im Herbst 1943: ·
Grenadier-Regiment
50, Grenadier-Regiment
70, Grenadier-Regiment
117 · Artillerie-Regiment 117, Divisions-Füsilier-Bataillon 111, Panzerjäger-Abteilung 111 ·
Divisions-Nachrichten-Abteilung 111, Divisions-Nachschubführer 111 Aus der Geschichte der 111. Infanterie-Division: Zur beabsichtigten Auffrischung der 111.
Infanterie-Division im Raum Alexanderstadt kam es nicht. Statt dessen
wurde die Division auf die damals schon eingeschlossene Krim überführt. Vom
2. März bis Anfang April 1944 erreichten in fast täglichen Transporten über
See mit Marine-Fährprähmen und mit der Luftwaffe etwa 5.000 Mann der Division
die Krim und wurden im Raum Dshankoi versammelt und gegliedert. Das 117.
Artillerie-Regiment war zu diesem Zeitpunkt noch in zwei leichte und eine
schwere Abteilung gegliedert. Die II. leichte Abteilung verblieb in Rumänien.
Sie wurde durch Hauptmann der Reserve Johann geführt. Bei der Überführung
stürzte eine Messerschmidt
323 "Gigant" mit 80 Angehörigen der III. Abteilung (jene
von Siegfried!) ab.
Keiner der Insassen überlebte.
Am 5. März 1944 schreibt Siegfried voller Sorge, da die Verlegung der Division auf die Krim bereits feststeht, an seine Frau: „...Zwei glückliche Urlauber wollen sich noch
in Sicherheit bringen bevor unsere Bahnfahrt zur Krim steigt. Heute sollen
wir nach Odessa verladen werden, aber anscheinend schenkt man uns noch eine
Gnadenfrist. Nun weißt Du alles, drück beide Daumen, dass wir gesund hinüber
und später wieder herüber kommen...“ Und am 10. März 1944 aus Odessa an seine Frau und wie immer beschwichtigend: „...noch einmal hat uns das Schicksal eine
Atempause zugebilligt. Vorgestern angekommen, sind wir zur beginnenden
Seefahrt in der Nähe von Odessa untergebracht und hatten Glück insofern wir
als Quartierraum ein völlig deutsches Dorf zugewiesen erhielten. Weiße
Betten, heimatliche Sprache und Landsleute, die uns alle Wünsche an den Augen
ablesen. Eben habe ich Wein eingekauft, wir werden uns die Tage bis zur
Ungewissheit noch recht gemütlich machen. Über das Kommende denken wir wenig nach,
es kommen doch keine zuversichtlichen Gedanken zustande. Im Waschbecken üben
wir schon die Blasenbahn feindlicher Torpedos und haben für alle Fälle unsere
Badehosen im Rucksack oben auf gepackt... ...Vielleicht erlebe ich meinen Geburtstag
gerade auf hoher See. Macht Euch um
mich aber bitte keine Sorgen...“ Dazu am 11. März aus dem Kriegstagebuch der 17. Armee: Seezuführung: 171 Mann mit Geschützen für 111. ID. (gemeint ist Siegfrieds III. Abteilung). Am 14. März 1944 nach der Überfahrt auf die Krim an seine Frau: „...Schneller als gedacht kam ich in Genuss
der Seefahrt. Inmitten eines fröhlichen Sonnabend-Abends, für den ich
reichlich Rotwein edelster Sorte besorgt hatte, platzte unser Verladebefehl.
Sonntag 16 Uhr stießen wir in See. Unsere Kameraden von der Kriegsmarine
brachten uns ohne jeden Zwischenfall bei sehr schönen Wetter und ruhiger See
übers Schwarze Meer in ein Gebiet, dass der Riviera klimatisch entspricht.
Warmer Sonnenschein, grün-blaues wunderbares Wasser, blühende Blumen im Hintergrund
des noch schneebedeckten Jaila-Gebirge machen unseren augenblicklichen
Aufenthalt in Eupatoria (Jevpatorija) zu einem Ferien-Erlebnis... ...Es waren keineswegs „Hurra-Gedanken“ mit
denen wir auf diesen verlassenen Posten gegangen sind und es müsste ein
Wunder geschehen, sollte unsere Rückkehr zum Festland eine ebenso glatte und
vollständige sein als unsere Ankunft hier. Hoffen wir das Beste, eine Portion
Glück gehört nun mal zum Soldatenleben... ...Ansonsten geht es mir gut, mein neuer
Kommandeur liebt ausgedehnten Schlaf und gutes und reichliches Essen, was mir
nur zusagt. Im Allgemeinen ist er rechthaberisch und starrköpfig, anscheinend
glaubt er so am besten sich uns gegenüber durchzusetzen. Nun ich komme mit
ihm aus, das ist die Hauptsache...“ Einerseits ist Siegfried, nach langen Wochen auf dem winterlichen Festland, nun von der mediterranen Landschaft der Krim angetan. Andererseits weiß er auch ganz genau, dass die Truppe auf dieser Halbinsel, welche bereits eingeschlossen ist, wie in einer Mausefalle sitzt, und ist über diese Situation wenig angetan. Nach wie vor kommt er auch mit seinem Kommandeur nicht besonders gut zurecht. Über den Absturz von 80 Kameraden seiner III. Abteilung steht in seinen Briefen in die Heimat natürlich kein Wort. Die 17. Armee unter ihren Oberbefehlshaber General Jaenecke mit 13 Divisionen, sieben davon sind rumänische, wartet nun einerseits auf den Angriff der Russen und andererseits auf einen baldigen Räumungsbefehl. Die 111. Infanterie-Division wird zunächst als Armeereserve zurückgehalten. Am 15. März 1944
von der Krim an seine Frau (mittlerweile fügt er seinen Briefen öfters
kleine getrocknete Blumen bei): „...Heute
Abend geht unsere Reise weiter Richtung Perekop zu, wer weiß ob ich dann so
schnell zum Schreiben wieder Gelegenheit habe. Nachdem gestern der Russe in
dem Nachrichtendienst den Zwischenruf brachte: „Die Krim ist das größte
Gefangenenlager der Welt“ will ich weiterhin die recht gute Postverbindung
aus der Gefangenschaft recht gut ausnutzen, Helmut ist da ja schwerer dran... ... wir lassen uns deshalb aber nicht
einschüchtern, unser einziger Schritt in die Resignation ist unser neuer
Wahlspruch: Was die Welt morgen bringt, ob sie uns Sorgen bringt, Freud oder
Leid, komm was kommen mag, morgen ist auch ein Tag, heute ist heut...“ Mittlerweile ist Siegfried anzumerken, dass er sich
immer mehr, ob der nun anbahnenden aussichtslosen Situation, in Sarkasmus und
Humor flüchtet. Am 18. März 1944 in einer Mischung aus Hoffnung, Depression und Sehnsucht von der Krim an seine Frau: „...Wir sind wieder ein Stück nach NO weiter
gegangen
(die Division liegt
nun wie bereits erwähnt als Reserve im Raum Dshankoi – Anm. d. Verfassers)
und
liegen bescheiden aber doch für Kriegsverhältnisse gut untergebracht in einem
armseeligen aber sauberen Dorf und
harren unseres baldigen Einsatzes. Fast möchte ich sagen desinteressiert
vernehmen wir die Hiobsbotschaften von der übrigen Ostfront, das scheint ja
ein wenig erfreulicher Heimmarsch ins Reich zu werden, hoffentlich geschieht
doch noch ein Wunder. Wir fühlen uns seit unsere Kameraden der Luft sehr rege
und in Massen über unseren Köpfen brausen, nicht mehr so verlassen wie
anfangs und haben nur den einen Wunsch, dass unsere Groß-Festung der
Ausgangspunkt für eigene Operationen sein möge... ...Viel bin ich in Gedanken bei Euch, auch
meine Träume beschäftigen sich mit Euch. Ach würde alles bald wieder
greifbare Tatsache, vier Jahre Trennung reißen doch große Lücken in unsere
beste Zeit...“ Am 23. März 1944 von der Krim an seine Frau: „...Am
19.3. war ich mit meinem Kommandeur im Einsatz-Raum und hörte mal wieder das
alte längst vertraute Granaten-Heulen. Die russische Artillerie ist hier sehr
fleißig und wird uns wohl manchmal mit der Nase in den Dreck zwingen.
Anscheinend verbirgt der Iwan aber damit seine sonstige Schwäche in unseren
Abschnitt. Geländemäßig sieht es trostlos aus. Die Fahrt auf einem offenen
LKW bekam mir, obwohl ich mir wieder einen prima Gummi-Mantel beschafft habe,
sehr schlecht. Ich musste mich am Abend hinlegen und stellte 39,8 ° Fieber
fest, worüber ich dann auch entsprechend erschrak. Am 20.3. früh waren es
dann nur noch 38,4°, am Mittag 37,4° und am Morgen des „Trauertages“ 36,7°.
Ich war also kerngesund als ich die Pforte zum neuen Lebensjahr durchschritt... ...Von keiner mündlichen oder schriftlichen
Gratulation behelligt, verlebte ich den Vormittag in noch immer gekrampfter
Festtagsstimmung still für mich in Gedanken an Euch und in der Hoffnung, dass
der nächste Geburtstag totsicher in Eurer Mitte verlebt wird. Doch sehne ich
den nächsten Geburtstag keineswegs herbei. Man kommt so sachte in ein Alter,
wo es einen vor dem nächsten Jahr graut und man keineswegs mehr stolz ist
wieder ein Jahr männlicher geworden zu sein. Um die Mittagszeit herum fiel plötzlich
meinen Kommandeur mein Geburtstag ein, mit 20 Zigaretten und einem Fläschchen
deckte er während einer kürzeren Abwesenheit meinen Geburtstagstisch. Beim
gemeinsamen Mittagstisch brachte der Stabs-Veterinär die Rede auf meinen
Geburtstag, der doch demnächst sein müsse und erbot sich einen Kuchen zu
spendieren. Dabei kam der Schwindel dann heraus. Der Nachmittag verlief wie
alle anderen, doch halt anders insofern als er uns nach drei Wochen die erste
Post brachte... ...Am
Abend gab ich dann mein „Fest“. Zu Kartoffelsalat und warmen Schinken gab es
Grog, anschließend Rotwein-Punsch. Da verschiedenen Kameraden vom Tage vorher
noch der Kopf rauchte, ging es recht ruhig zu und als gegen 22 Uhr die Wogen
etwas höher schlugen kam ein Anruf der dem Fest ein jähes Ende bereitete.
Unsere Batterien mussten zu Übungen sofort ausrücken. Ich selbst legte mich
schlafe und träumte ins neue Lebensjahr hinein... Und am 25. März 1944 von der Krim an seine Frau: „...Mutti
und Töchterlein sollen nur ja nicht traurig sein, ob meiner neuen Heimat.
Vati kommt sich bestimmt die Zöpfchen von H. ansehen...“ Ein Brief vom 31. März 1944 von der Krim an seine Ehefrau zeigt, dass Siegfried die negative Gesamtlage recht gut einzuschätzen vermag und mit Sicherheit auch mit seinen engeren Offizierskameraden darüber diskutiert: „...Euer
Päckchen habe ich abgeschrieben, da uns die Nachricht zuteil wurde, dass ein
ganzer Kahn mit Päckchen-Post von Russen topediert worden ist. Mit gemischten Gefühlen hören wir die
betrüblichen Nachrichten vom Süden der Ostfront. Wenn das Tempo des
russischen Vormarsches so weiter anhält, ist Iwan um Pfingsten herum in
Breslau. Wir können uns zwar nicht denken, dass das Ende unseres heldischen
Kampfes im Osten so aussehen wird, fragen uns aber andererseits immer wieder,
wo wird der Führer die Armeen hernehmen um die wilde Flut einzudämmen, bzw.
was uns in unserer Lage alleinig interessiert, wo kommt die große deutsche
Offensive, die uns Entsatz bringt und unser Hiersein einzig und allein
rechtfertigt. Denn wenn uns der Russe hier zusammenhaut gibt’s kein Entrinnen
mehr. Du siehst, unsere Gefühle über unseren Einsatzort sind sehr
wechselseitig. Trotzdem ist Trübsal oder Grübelei keineswegs unsere Parole!
Mit angewohnter Sturheit leben wir den Tag und lassen uns vom Morgen
überraschen. Bis morgen währt noch unsere ruhige Zeit mit fast heimatlichen
Garnisonsdienst. Morgen fahren wir in Richtung Faules Meer in Stellung, die
aber auch ruhig zu werden verspricht... ...Vor
vier Tagen fiel Schnee in hochwinterlicher Menge, was seit Menschengedenken
hier nicht vorgekommen ist. Jetzt scheint wieder die warme Sonne und
bodenloser Matsch wird unser Begleiter beim morgigen Abmarsch sein... ...Macht Euch wegen mir keine allzu großen
Sorgen, ist doch bisher alles gut gegangen. Warum solls nicht weiter
klappen?...“ Siegfrieds Beurteilung der Lage, insbesondere aber der eigenen immer aussichtsloser werdenden Situation, wird nun immer kritischer. Er zweifelt mittlerweile an seinem Führer und an der Berechtigung der Verteidigung der Krim, die ja strategisch völlig sinnlos ist, aber auf der völlig inkompetenten Meinung Hitlers beruht, keinen Meter feindlichen Bodens preis zu geben und diesen „bis zum letzten Mann und bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen“. Mit der Annahme, dass die neue Stellung auch ruhig zu werden verspricht, irrt er sich entweder gewaltig, wahrscheinlicher jedoch handelt es sich wieder um eine seiner typischen „Beruhigungsfloskeln“ bzw. „Verharmlosungen“ damit seine Frau nicht noch mehr Anlass zur Sorge hat. Er weiß als Adjutant des Abteilungskommandeurs, der ja ständige Verbindung zum Regiment hat, sicherlich ganz genau welche enorme Übermacht mittlerweile bereits nur wenige Kilometer weiter nördlich angriffsbereit steht. Am 5. April 1944 schreibt Siegfried von der Krim an seine Schwägerin I. in Schneeberg zum 4. Jahrestag der Hochzeit mit seinem jüngeren Bruder: „Wiedereinmal
jährt sich Euer Hochzeitstag und ich möchte nicht versäumen, Euch dazu meine
herzlichen Glückwünsche zu übermitteln, verbunden mit der Hoffnung auf
weitere glückliche und vor allem gemeinsame Jahre. R. bitte ich von Dir aus
meine Wünsche zu übermitteln. Ihm selbst zu schreiben hat keinen Zweck, er
reagiert auf meine Briefe sowieso nicht, ich glaube fast vor lauter „Arbeit“
kommt er gar nicht zum Lesen der Post, außer natürlich Deiner Briefe. Von L.
und Mutter...weißt Du gewiß von meinem derzeitigen Aufenthalt Regen und
Schnee-Schauer bringen das Faule Meer fast zum Überlaufen.“ Sowie am selben Tag an seine Frau wieder etwas hoffnungsvoller: „...Zwar
fernab vom großen Kriegsgeschehen, sind wir in unseren Erdteil nun auch
wieder den Kanonendonner näher gerückt. Der Krieg ist ruhig, wie es sich halt
für einen Nebenkriegsschauplatz gehört. Nur macht uns das Wetter den
Aufenthalt wenig angenehm, Schneesturm und Regen wechseln miteinander ab. Das
Faule Meer wird bald überlaufen. Post haben wir einige Tage lang nicht
erhalten, ich kann mich diesmal nicht für ein kleines Brieflein von Euch
bedanken. Ich
bin mal wieder auf einen Bekannten gestoßen, Fritz Peters., mit dem ich in
Hagenau zusammen wohnte, sitzt als Leutnant und Batterie-Führer ganz in
meiner Nähe... ...Im
Übrigen fühlen wir uns wohl als Robinsone fernab vom Weltgeschehen,
hoffentlich dreht sich die Welt bald wieder in unseren Sinne...“
Zum weiteren Verlauf der Kämpfe auf der Krim Paul Carell in seinem Buch „Verbrannte Erde“: Der
erwartete Großangriff der Roten Armee an der Nordfront der Krim beginnt am
9.April gegen 9 Uhr. Die
4.Ukrainische Front unter Armeegeneral Tolbuchin tritt mit zwei Armeen an.
Ein Panzerkorps mit fast 500 Panzern und achtzehn Infanterie-Divisionen
stürmen nach starker Artillerievorbereitung gegen die Stellungen der drei
Divisionen des 49.Gebirgs-Korps. Die
50.Infantrie-Division hält ihre Stellung am sogenannten „Tatarenwall“ und
bereinigt mit Teilen der 111. Infanterie-Division im Gegenangriff sowjetische
Einbrüche.
Auch
die sächsische 336. Infanterie-Division an der Westseite der Front hält.
Allerdings weicht die 10. rumänische Division, die von der ganzen Wucht des
Panzerstoßes aus dem Brückenkopf am Siwasch getroffen wird, zurück. Somit besteht die Gefahr, dass die sowjetischen
Truppen im Rücken der an der Perekop-Enge kämpfenden Truppen angreifen. Die
Armeeführung beantragt nun bei der Heeresgruppe den Beginn der Operation
„Adler“, einen seit langem ausgearbeiteten Rückzugsplan der Armee auf die
Festung Sewastopol und der damit verbundenen anschließenden Evakuierung aller
Einheiten per Schiff oder Flugzeug nach Rumänien. Dem Antrag wird
stattgegeben, zumal am 10. April Odessa, und damit der Nachschubhafen der
17.Armee auf dem ukrainischen Festland, genommen wurde. Weiter aus „Verbrannte Erde“: Ein dramatisches „Wettrennen“ beginnt nun.
Kaum lösen sich die deutschen Kampfverbände, drängen die Sowjets nach, da die
Absetzbewegung nicht geheim gehalten werden kann. Verschuldet durch nervöse
und zum Teil schon disziplinlose Truppenteile der Rumänen, aber auch der
deutschen Luftwaffe und Marine, welche die befohlene Funkstille nicht
einhalten, Restmunition sinnlos verschießen und Unterkünfte und Vorratslager
in Brand stecken. Im Ostteil der Krim eine ähnliche Situation. Als die
letzten Teile der fechtenden Truppe zu den befohlenen Zeiten die Stellungen
bei Kertsch verlassen, folgt ihnen die Rote Armee dichtauf. Eine
hoffnungslose Absetzbewegung der durch den langen Stellungskampf
marschungewohnten deutschen Truppen, die weitestgehend nur mit Pferden
bespannt sind, und sofort von den viel schnelleren motorisierten russischen
Einheiten verfolgt werden, beginnt. Die 73.ID und die 98.ID erreichen aber
doch, wenn auch unter erheblichen Verlusten, bis zum 12.April die
„Parpatsch-Stellung.
Seit dem 12.April erfolgt die planmäßige Evakuierung durch Schiffe der Kriegsmarine. Rückwärtige Dienste, Trosse, Ost-Legionäre, Kriegsgefangene und nichtkämpfende Truppen werden ständig nach Rumänien abtransportiert. Am 20.April sind es bereits 67.000 Mann, der Transport verläuft reibungslos und ohne Verluste. Die bezogenen Abwehr und Riegelstellungen im Festungsgürtel können nach Ermessen der Armeeführung noch zwei bis drei Wochen gehalten werden, genug Zeit alle Truppen durch die Kriegsmarine, welche bis dato eine Transportleistung von 7.000 Mann pro Tag geschafft hat, sicher zu evakuieren. Zumal noch alle im Festungsbereich verbliebenen Feldflugplätze gegen sowjetisches Artilleriefeuer gesichert sind und damit die Luftwaffe den Abtransport noch schützen kann. Die 17.Armee könnte gerettet werden. Doch am 12.April fasst Hitler wieder einmal einen seiner unbegreiflichen (und der Truppe gegenüber verbrecherischen) Entschlüsse: „Sewastopol wird auf Dauer verteidigt, es werden keine Kampftruppen abtransportiert.“ Damit beginnt die vermeidbare Tragödie von sechs tapferen deutschen Divisionen. Der Versuch der deutschen Generalität Hitler von seinem sturen Haltebefehl abzubringen gelingt nicht. Spätestens jetzt befindet sich auch Siegfrieds Abteilung in harten Rückzugskämpfen, welche er nur mit sehr viel Glück überlebt. Darüber schreibt er zwar offener als zuvor, um eine genaue Vorstellung zu bekommen muss man aber weiterhin „zwischen den Zeilen lesen“. Am 14. April 1944 berichtet er seine Frau, vermutlich nun schon aus Sewastopol: „...Ich
will keine großen Worte machen, aber das ich noch lebe ist ein Wunder
ohnegleichen. Nur der Tüchtigkeit meines Kradfahrers, der mich mit Vollgas
zwischen zwei russischen Panzern hindurchjagte, verdanke ich die Möglichkeit
noch ein Lebenszeichen geben zu können. Nun sitze ich im südlichsten Teil am
Hafen und warte per Wasser oder per Luft abtransportiert zu werden. Wenn auch
die Chancen nicht 100 prozentig sind, so glaube ich doch, dass nach dem
bisherigen Glück auch weiterhin mir die Sonne scheint. In der festen Hoffnung
das nächste Lebenszeichen aus Rumänien geben zu können, schließe ich diese
Zeilen, die ein heute zum Abtransport vorgesehener Verwundeter mit rüber
nimmt. Herzinnige Grüße und Küsse und Auf Wiedersehen, Euer Vati...“ Dazu auch Musculus, Friedrich:
Geschichte der 111. Infanterie-Division 1940-1944, entnommen dem Buch
„Sewastopol-Krim“ von Hans-Rudolf Neumann: 10.4.44 Das
Gelände ist eben wie ein Brett. Um 16.15 Uhr erscheint auf der Höhe 14,2 der
Feind (im 1. Treffen 1000 Mann und zehn schwere Panzer KW I, dahinter mehr). Er
greift in breiter Front an. Es kommt zum Duell zwischen unseren
Sturmgeschützen und den feindlichen Panzern, die nach 1 ½ Stunden Kampf
abdrehen, während die eigene Infanterie sich in Löcher eingräbt. Um 19.
00 Uhr werden die Sturmgeschütze auf Befehl der Gruppe Adam in die Gegend
Nowo-Alexandrowka abgezogen. Die Panzerabwehr besteht jetzt noch aus 6 Pak
und vier 8,8-cm-Flak-Geschützen der eingetroffenen Flak-Batterie-Barthels. Nachrichtenverbindung
zur rumänischen 10. ID und der III./AR 117 (Führer Hauptmann Westphal) kommt
zustande. Diese Abteilung mit Feuerstellungen bei Höhe 13,9 hat keine eigene
Infanterie vor sich, harrt aber in bewundernswerter Ruhe und Ordnung aus... (es handelt sich um
Siegrieds Abteilung – Anm. d. Verfassers) ...Am
11.4. rückt die Flak-Batterie-Barthels auf Befehl ab. Wieder ist die
Panzerabwehr des Regiments geschwächt. 4.30 Uhr. Feld-Ersatz-Bataillon 125
trifft ein und wird 200 m vor die Feuerstellungen der III./AR 117 befohlen. Am
11.4. – 5.00 Uhr: Schweres russisches Artilleriefeuer bis 5.30 Uhr. 150
feindliche Panzer, in der Masse KW I mit aufgesessener Infanterie, quellen
aus der Enge von Tomaschewka und stellen sich bereit. Dahinter folgt
motorisierte Infanterie. 70 KW I fahren schräg vor unserer Front vorbei nach Osten Richtung Utschastok. Sie halten
außerhalb der Reichweite
unserer Pak. Starker
Gefechtslärm bei Baissary lässt auf russische Panzerangriffe dort schließen. 5.45
Uhr: 50 KW I greifen von Norden die gesamte Front des Regiments an. Nach
heftigem Feuer von 10 Minuten Dauer kommen sie mit hoher Geschwindigkeit (60
km/h) auf uns zu und überrollen gegen 6.00 Uhr die HKL. Die
Geschütze des AR 117 und die Pak der 1./Pz-JägAbt 336 eröffnen das Feuer auf
die Panzer, die Infanterie auf die aufgesessenen feindlichen Schützen. Das
Hauptkampffeld ist von den Ketten der Panzer bis einem Kilometer hinter dem
Regimentgefechtsstand in dichten Staub gehüllt. Die Panzer fahren mit hoher
Geschwindigkeit hin und her. Die Schützenlöcher im Lehmboden werden
eingeebnet. Aus den Panzern zucken die Strahlen von Flammenwerfern gegen
unsere Schützen in den Löchern. Ein Panzer wird durch Faustpatrone erledigt.
Unsere Leute suchen sich ein neues Loch statt des eingewalzten, benutzen den
einen Panzer als Deckung gegen den anderen. Der Pak-Zug des Leutnant Pöhler
feuert aus den Ruinen des Viehhofs erfolgreich nach allen Seiten. Ein KW I
rammt eine Pak und vernichtet sie. Die
Batterie des Leutnant Baumann (III/AR 117) wehrt sich im Direkten Richten
vorbildlich. Als sie ihre Panzergranaten verschossen hat, feuert sie mit
Sprenggranaten, die wirkungslos abprallen, bis ihre Geschütze überwalzt sind (gemeint ist die 6.
Batterie aus Siegfrieds Abteilung). Kampfweise
der feindlichen Panzer, für die das Gelände wie geschaffen ist: Anfahrt mit
Höchstgeschwindigkeit, Überwalzen des Gegners beim Geringen Verbrauch der
Kanonen. Bekämpfung der Panzer mit Nahkampfmitteln scheidet wegen der hohen
Geschwindigkeit aus. 7.00
Uhr tritt Ruhe ein. Der Staub legt sich. 15 KW I liegen abgeschossen im
Gelände, einzelne brennen, andere mühen sich beschädigt nordwärts. 2 km
ostwärts lauert unbeweglich eine endlose Kette von Panzern. Das feindliche
Artilleriefeuer hat aufgehört, nicht aber die Angriffe der Schlachtflieger... Der Ia der 111.
Infanterie-Division, Oberstleutnant Franz, gab anlässlich des
Divisionstreffens im März 1966 in Hannover den folgenden zusammenfassenden
Bericht: „Die
Division sammelte nach der Überführung vom Festland im Raum Nemezko-Dshankoj.
Die Einheiten wurden aufgefrischt, erhielten Waffen, Gerät und Kraftfahrzeuge
von den Divisionen, die seinerzeit aus dem Kuban-Brückenkopf gekommen und
dann ausgeflogen waren und ihr Gerät nicht hatten mitnehmen können. Wir haben selten so
reichlich und so gutes Material gehabt wie damals, so viele Funkgeräte zum
Beispiel. Divisions-Führer war Oberst Adam. Es wurde ausgebildet, es wurden
Kompanien besichtigt, wir unterstanden dem rumänischen Kavallerie-Korps, bzw.
der Gruppe Konrad. Ostern kam heran. Unsere Infanterie-Regimenter, wieder
gefechtsbereit, lagen als Korsettstangen an verschiedenen Stellen der
Krim-Fronten. In diesem unglücklichen Augenblick, als wir auf drei Stellen
verteilt waren, kam der Großangriff der Russen. Die
Krim war bereits 5 Monate von der deutschen Gesamtfront in Russland
abgeschnitten. Als ich später im Gefängnis mit dem russischen
Vernehmungsoffizier in Moskau darüber sprach, machte er folgende makabre
Äußerung: „Die Krim war Stalins größtes Gefangenenlager. Die deutschen
Gefangenen verpflegten sich selbst, sie bewachten sich selbst, sie fuhren
sogar auf Urlaub nach Deutschland und kamen freiwillig zurück.“ Der
Russe griff beim XXXXIX. Gebirgs-Armeekorps an, am Tatarengraben und bei den
Rumänen. Diese liefen kompanieweise mit weißer Fahne zu den Russen über... Die
111. ID konnte mit Mühe ihre Regimenter wieder sammeln und kämpfte sich in
tagelangen schweren und oft dramatischen Gefechten in die Festung Sewastopol
zurück. Motto: am Tage halten, nachts nach Kompass querbeet fahren,
Sturmgeschütze und 2-cm-Flak voraus. Der Russe war meist schon vor uns in der
Stellung, die wir den nächsten Tag halten sollten. Hinauswerfen und 180°
kehrtmachen, halten, nächste Nacht wieder zurück, so ging es tagelang,. Dabei
war unsere Ostflanke immer offen, da das V.Armeekorps von Kertsch, dass bei
Simferopol zu uns stoßen sollte, nicht kam, sondern an der Küste entlang
ging, so kämpften wir bis in die Festung...Nun stand die 111.ID im Raum der
sogenannten Festung Sewastopol, die auf den Ausläufern des Jaila-Gebirges
liegt. Es fällt im Süden und Westen 20, ja sogar bis zu 100 m steil zum Meer
ab. Unmittelbar nördlich der Stadt befindet sich die große Sewernaja-Bucht,
im Westen und an der nach Südwesten vorspringenden Halbinsel Chersones eine
weitere Anzahl kleiner Buchten, von denen die Kasatscha und die Kamyschewaja
die bedeutendsten sind. Der Naturhafen, an den Docks, Werften und Kasernen
angrenzen, teilt die Stadt, deren östlicher Hauptteil amphitheatralisch
emporragt...Die Stadt wird im Südosten von den langgestreckten, kahlen, bis
240 m hohen Sapunhöhen überragt... Am 15. April schreibt Siegfried an seine Schwester L.: „...Gnade
uns Gott wenn wir den Russen nicht zum Stehen kriegen...“
Am 16. April 1944 immer noch in der Hoffnung auf eine Evakuierung von der Krim an seine Frau: „...Heute gehen die ersten normalen
Transporte unserer großen Einheit und nehmen Dir das Lebenszeichen mit. Wir
selbst hoffen in acht Tagen an der Reihe zu sein, hoffentlich klappt es.
Unser Traum ist anschließend auf Urlaub zu kommen bevor unser neuer Rummel losgeht,
aber es wird wohl ein Traum bleiben, außerdem liegt auch noch ein Wasser
zwischen uns und der Heimat. Aber wie schon erwähnt , haben wir am 11.4.
derart viel Glück gehabt, dass man annehmen kann das Glück ist unser
dauernder Begleiter...“ Genau seit diesen Tag kämpft die 17. Armee bereits im Gebiet der alten Festungsanlage von Sewastopol, welche schon zur Zeit der Krimkriege im 19. Jahrhundert erbaut und im Verlaufe der nächsten Jahrzehnte von zaristischen Pionier-Ingenieuren, als auch in den 30er Jahren unter Stalin ständig ausgebaut und erweitert wurde. Im Jahre 1942 wurde Sewastopol, nach langen und sehr hartnäckigen Widerstand der Roten Armee, von deutschen Truppen eingenommen. Nun sind die Deutschen die Verteidiger des Festungsringes. Die letzten Absetzbewegungen deutscher Truppen in die Festung werden am 16. April unter anderen von Batterien der 111. Infanteriedivision bereits aus der Festung heraus gedeckt. Jenem Tag an dem Siegfried erstaunlicherweise noch zum Schreiben vorstehenden Briefes kommt. Weiter aus „Verbrannte Erde“: Die rumänischen Verbände sind mittlerweile
der Auflösung nahe, die deutschen Divisionen nur noch verstärkte Regimenter.
Die Gefechtsstärke der Armee beträgt an jenem Tag nur noch 19.500 Mann. Die
Verpflegungsstärke der 17.Armee ist von einst 225.000 Mann auf 124.000
zurückgegangen. Vier Tage später, am 20. April 1944 schreibt Siegfried in einer Mischung aus Pathos und Sarkasmus von der Krim an seine Frau: „...Führers Geburtstag und der Russe hat
prophezeit uns heute aus Sewastopol herauszuhauen, natürlich ohne uns in
Rechnung zu setzen. Wenn auch die Festung inzwischen recht heißer Boden
geworden ist und Artillerie und Luftwaffe uns reichlich zusetzen, so ist die
Lage für uns durchaus noch zu überblicken, sie ist hoffnungslos aber
keineswegs ernst. Hoffen wir dass uns die Krim ein baldiges und gutes Ende
bringt. Wie ich heute beim Regiment hörte, bin ich zum EK I eingegeben worden
und das möchte ich Euch doch auch gesund vorführen...“ Sowie am 22. April 1944 aus der Festung Sewastopol an seine Frau: „...Zunächst ein Lebenszeichen aus unserer
Sommerfrische, die sich noch immer an alter Stelle befindet. Die Front hat
sich gefestigt, nur mit Artillerie und Flieger sucht Iwan uns den Aufenthalt
unbequem zu machen, doch sind unsere Ausfälle in den letzten Tagen gering.
Trotzdem schielen wir mit einem Auge zu Flugplatz und Hafen, in der festen
Überzeugung dass uns ein guter Absprung glückt. Das wichtigste aber das zum
Schreiben reizt ist ein neuer Orden an meiner Brust. Am 20.4. abends wurde
mir durch meinen Kommandeur das EK I angeheftet. Die Freude war groß mein
Ziel dieses Krieges erreicht zu wissen. Nun habe ich noch den einen Wunsch,
Euch mich mit meiner neuen Dekoration bald vorzustellen. Mit einer Flasche
Rotwein habe ich mit meinem Kommandeur die Feier begangen, in einem schmalen
Erdloch liegend, das mit Schilf abgedeckt ist. In nächster Nachbarschaft
liegt das Skelett eines Russen, der 1942 fiel, die Beinknochen stecken noch
in den gut erhaltenen Stiefeln. Das Gruseln kann man hier restlos verlernen,
denn Hunderte derartiger Skelette liegen wirr in der Gegend. Die Sonne brennt
heiß und erbarmungslos in dem wildzerklüfteten Felsgelände. Den ersten
Sonnenbrand habe ich gut überstanden...“ Aus Gründen der Verleihung des Eisernen Kreuzes I. Klasse zu Hitlers Geburtstag scheint sich Siegfrieds Gemütszustand nun vorübergehend zu bessern. Er hat „sein Kriegsziel“ erreicht. Die Verleihung jener Auszeichnung ist für jeden Offizier Prestigesache. Scheinbar kann er sich nun auch die Gunst seines Kommandeurs sicher sein, wie man schon zu seiner Geburtstagsfeier merkt. Dessen Anerkennung ihm wohl, allen Trotzreden zuwider, sicherlich sehr wichtig. Am 24. April 1944 berichtet Siegfried wieder von den schweren Abwehrkämpfen aus Sewastopol: „...über leibliche Genüsse können wir nicht
klagen. Schokolade, Bonbon, Konserven soviel wir haben möchten. Ich trinke
täglich abends in meiner Höhle eine Flasche Wein. Braun sind wir auch schon
wie die Neger...“ ...Granaten
und Bomben aller Kaliber pfeifen einen nur so in den Ohren und jeden Abend
legt man sich dankbar über das Wunder schlafen, dass man noch heile Knochen
hat. Wie
schon beschrieben hause ich mit meinem Kommandeur in einer 1 Meter hohen
Höhle im unbewachsenen Karstgebirge, zu meinen Füßen die Sewernaja-Bucht, und
damit das Schwarze Meer...Gestern wurden bei uns 53 Panzer, heute schon
wieder 19 Panzer abgeschossen. Innerhalb einer viertel Stunde fielen mir vier
russische Flugzeuge vor die Füße und doch werden es täglich mehr...“ Die nun überdurchschnittlich gute Verpflegung weißt darauf hin, dass nun alle Lebensmittelvorräte und Magazine zum Verbrauch freigegeben werden. Kein gutes Zeichen. Ratlosigkeit über die immer größere materielle Überlegenheit der Sowjets macht sich bei Siegfried ebenfalls bemerkbar.
Am 26. April 1944 trotzdem wieder sehr zuversichtlich aus Sewastopol an seine Frau: „...Trotz
eisenhaltiger Luft geht es mir nach wie vor gut. Wir hatten in den letzten
Tagen schöne Erfolge...“ Am 28. April 1944 antwortend auf einen scheinbar sehr sorgenvollen Brief (der letzte den er erhält) seiner Ehefrau: „...Gestern erhielt ich Euren Brief vom
21.4.44 und war erschüttert, ... besonders aber über den Umschwung der
Gefühle über mein Schicksal. Da scheinst Du ja ein besonderes Todesahnen mit
Dir herumzuschleppen und warst doch früher stets so zuversichtlich über ein
gesundes Wiedersehen. Na ich für meinen Teil habe weiterhin die feste
Hoffnung, dass auch diese derzeit missliche Lage ein gutes Ende finden wird
und mir noch viele schöne Jahre beschieden sind. Unser
anfängliches Hoffen auf eine baldige Seereise ist durch allerhöchsten Befehl
zunichte gemacht worden, wir werden weiterhin die ostwärtigsten Kämpfer
bleiben. Mit gewisser Erwartung sehen wir den nächsten Tagen entgegen, sicher
wollen die Bolschewisten unsere Festung Väterchen Stalin als Geschenk zum 1.
Mai vermachen. Allgemein ist die Front etwas ruhiger geworden, heute
vertauschen wir unser primitives Erdloch mit einem Felsenkeller. Seit unserem
Hiersein haben wir ein wahrhaftes Sommerwetter, die Bräune meiner Haut ist
augenblicklich mindestens ebenso intensiv wie nach drei Wochen Mittenwald. O
seelige Zeit!... ...Köpfchen hoch, an ein Wiedersehen fest
geglaubt. Spätestens November dürft Ihr Euren dekorierten Vati stolz
spazieren
führen...“ Der Haltebefehl ist demnach nun auch bei Siegfried angekommen.
Am 1. Mai 1944 aus Sewastopol an seine Frau: „...Ich
kann zwar nicht von froher Maifeier berichten, derweil uns der Alkohol
ausgegangen ist. Aber nicht weit von mir pruzelt eine Leber und
Milchschokolade versüßt mir die Arbeit des Briefeschreibens. Auf meiner
Felsenterasse „Seeblick“ weht heute eine steife Brise, trotzdem schreibt
sich’s mit dem Blick über unendliche Wasserweiten besser als in der
vorhergegangenen Felsenhöhle. Gedielter Fußboden, richtige Betten, sogar
komfortable Nachttischchen habe ich in Sewastopol besorgt. Der
Krieg ist ruhig. Der erwartete Sturm ist ausgeblieben. Freund Iwan hat
scheinbar nach den letzten Aderlässen eine größere Atempause notwendig... ...Deswegen
brauchst Du nun nicht aber auch Weiße Mäuse zu sehen, ich habe Euch
versprochen wieder zu kommen, und das hält er auch!... Am 4. Mai 1944 schreibt Siegfried aus Sewastopol, man möchte sagen relativ fröhlich: ...Bei uns ist es jetzt ganz ruhig geworden,
die wunderbarsten Blumen gedeihen in unseren Bergen, drei große Sträuße
Pfingstrosen stecken in geborstenen Granaten und zieren meine Arbeitsplätze
deren ich jetzt drei habe. Erstens die Weinstube „Felsenkeller“, eine in den
Felsen hinein gesprengte bombensichere Grotte ca. 4 x 6 Meter, in der ich auf
organisierten Betten mit meinem Kommandeur die Nächte verbringe, zweitens das
Terrassen-Cafe „Seeblick“ ein planiertes von blühenden Büschen umgebenes
Sonnenplätzchen auf dem ein Tisch und vier Stühle stehen und drittens ein
tadellos erhaltener ehemaliger Funkwagen mit Schreibtisch, Lederbänken und
drehbaren Fenstern, den wir, da ohne Räder, mit 35 Mann auf unseren Fels ca.
30 Meter hoch geschleppt haben... ...Ich
habe eine Badewanne aufstellen lassen, kann uns noch etwas fehlen? Hätte das
Meer Balken, wir fühlten uns wie am Westwall... ...Gestern
bin ich übrigens durch eigene Waffen leicht verwundet worden, der Verband ist
aber schon wieder ab. Zu Streichen aufgelegt, habe ich vor mein
Geschäftszimmer einen Nebelbehälter geworfen um die Brüder auszuräuchern. Das
Ding ging nicht los, ich sprang hinzu und in dem Augenblick explodierte das
Ding und einige Glasscherben blieben mir an der Stirn stecken. Zum Heimflug
mit einer Sanitäts-Ju hats also noch nicht gereicht. In Deinem Antwortbrief
sehe ich heute schon Deinen drohenden Finger. Herzinnigste Grüße und Küsse.
Euer ferner Vati...“ Sein letzter Brief der die Heimat erreicht, ich bin mir sicher er hat auch in den nächsten Tagen noch Briefe geschrieben, ist wiederum absolut konträr zur derzeit schlechten und hoffnungslosen Lage in Sewastopol. Ist Siegfried wirklich solch ein unverbesserlicher Optimist oder möchte er verständlicherweise seine Frau mit schlechten Nachrichten nicht „unnötig“ belasten? Einen Tag später beginnt der letzte Akt der Tragödie. Zum weiteren Verlauf der tragischen Ereignisse auf der Krim nochmals Paul Carell in seinem Buch „Verbrannte Erde“: Am 5.Mai 1944 um 9 Uhr 30, beginnt der Angriff
der Russen. 800 Geschütze eröffnen die Schlacht, aber am 7. Mai hält die
Nordfront der 336.ID noch immer. Doch nun schlägt Marschall Jeremenko auch
gegen die Süd und Ostfront los. 200 Geschütze pro Kilometer hämmern auf die
deutschen Stützpunkte und Batterien los. Die Front der 73.ID wird
aufgerissen, bei der 111.ID werden tiefe Einbrüche erzielt. Um 18 Uhr abends
betragen die deutschen Verluste an beiden Fronten 5.000 Mann. Die Einheiten
kämpfen an den alt bekannten Brennpunkten, in der Pionier-Schlucht(Lageplan
kann hier abgerufen werden), am englischen Friedhof und vor allem auf den
Sapuner Höhen, bekannt schon aus dem Krimkrieg 1855. Das seit 1942 zerstörte
Fort Maxim Gorki II dient als Feldlazarett. In langen Reihen liegen die
Verwundeten. Jammer und Gestank. In die Steilküste ist ein Graben geschlagen,
um die Verwundeten an die Anlegestellen zu bringen und abtransportieren zu
können. Am 8.Mai brechen die Russen auf den Sapuner Höhen durch. Alle
Versuche, den Einbruch aufzufangen und die Höhen mit dem berüchtigten Weingut
Nikolajewka , sowie den Friedhof wieder zu nehmen, schlagen fehl. Hauptmann
Dr.Finke gelingt es zwar, sich mit dem II.Bataillon Grenadierregiment 282
wieder auf den Höhenkamm vorzuarbeiten, muss aber nach kurzer Zeit weichen
und fällt dabei. Da kein Räumungsbefehl erfolgt, werden von der Armee neue
Angriffe zur Verteidigung Sewastopols befohlen. Ohne die Sapuner Höhen ist
dies jedoch nicht möglich. Nach deren Verlust rafft die 17.Armee, bzw. was
von dieser noch übrig ist, nochmals alle Reserven zusammen und tritt zu einem
letzten verzweifelten Angriff auf die Höhen an. Es gelingt, trotz aller
Tapferkeit der Truppe, nicht mehr diese enorm wichtige Riegelstellung zu
besetzen. Nun kann die Rote Armee ungehindert die Festung mit Artillerie
beschießen. Und aus der Geschichte der Division im Lexikon der Wehrmacht: Langsam wurde die Division auf die Festung
Sewastopol zurückgedrängt. Dabei waren die drei Abteilungen des
Artillerie-Regiments 117 den einzelnen Grenadier-Regimentern (50;70;117)
zugeteilt. An der Festung Sewastopol wurden die noch von der Roten Armee
stammenden Feldstellungen an den Sapunhöhen besetzt. Am 7.Mai 1944 begannen
die russischen Angriffe auf die Stellungen der Division. Weiter aus „Verbrannte Erde“: Am 9.Mai um 2 Uhr morgens hält der
Befehlshaber der Armee General Allmendinger, (Jaenecke wurde
bereits abgelöst),
Hitlers Räumungsbefehl in den Händen. Die Armee geht sofort auf ihren letzten
Rückzugspunkt, die Chersones-Stellung (Reste einer antiken
griechischen Siedlung) auf dem westlichen Küstenzipfel zurück. Am Abend setzen sich die letzten
Kampfgruppen aus den Trümmern von Sewastopol ab, dabei fällt der
Festungskommandant Oberst Betz. Die Chersones-Stellung war zweckmäßig
angelegt und gut ausgebaut. Die Hauptkampflinie bildete ein durchgehender
Schützengraben. Es gab betonierte Unterstände für die Soldaten, Munition und
Verpflegung. Die Sowjets drangen sofort nach und wollten den letzten
Brückenkopf der Armee durchstoßen. Dies gelang trotz einer riesigen Übermacht
zunächst nicht. Doch nun lag der letzte Flugplatz auf Chersones unter
gezieltem Artilleriefeuer der Russen, die von den Sapuner Höhen exakten
Einblick auf die Landzunge hatten. Als der Flugplatz am Abend des 9. Mai nur
noch ein Trichterfeld war, wurden die letzten 13 deutschen Jagdflieger abgezogen.
Trotzdem landen noch bei Nacht, auf der letzten behelfsmäßigen Piste JU-52
Piloten, um Verwundete zu bergen und sogar noch einzelne Soldaten
einzufliegen. Noch in der Nacht des 10. Mai werden auf diese Weise 1.000
Verwundete ausgeflogen.
Als Hitler die Räumung genehmigt hatte,
gingen die ersten Geleite von Rumänien. Am 10.Mai erscheinen die beiden
Transporter „Totila“ und „Teja“ vor der Krim und verhalten zwei Seemeilen nördlich
der Landspitze, weil sie sonst in das Feuer der feindlichen Artillerie
geraten könnten. Fähren und Pionierboote besorgen die Einschiffung. Beide
Schiffe nehmen 5.000 bzw. 4.000 Mann an Bord. Dann werden beide Schiffe von
sowjetischen Schlachtfliegern angegriffen. Eine deutsche Jagdabwehr existiert
bekanntlich nicht mehr. Beide Schiffe sinken, 8.000 Soldaten finden den Tod,
nur knapp 1.000 können von anderen Schiffen gerettet werden. Somit ist die
Lage für die noch an Land verbliebenen Truppen fast aussichtslos. In der
Nacht vom 10. auf den 11. Mai soll sich nun der Rest der verbliebenen Truppe
der Chersones-Stellung, immer noch 30.000 Mann, einschiffen. Die Marine sagt
zu, Dönitz schaltet sich persönlich ein. Über 190 deutsche und rumänische
Kriegs- und Handelsschiffe, mit einem mehr als ausreichendem Fassungsvermögen
von 87.000 Mann, werden jetzt auf See geschickt. Doch plötzlich verschwor
sich der Himmel gegen die Krim-Armee. Windstärke 8. Viele Geleite müssen
umkehren oder verhalten. Andere Geleite verzögern sich. Bald wird klar, dass
die Schiffe erst in der Nacht vom 11. zum 12.Mai vor Chersones eintreffen
können und somit die Stellung 24 Stunden länger gehalten werden muss. Auch am 11.Mai setzen die russischen
Truppen ihre Angriffe fort. Um 20 Uhr wird das Feuer auf die Anlegestellen
zusammengefasst. Im Verlaufe des Tages erreicht alle verbliebenen Einheiten
der Befehl, sich um 23 Uhr zu den einzelnen Anlegestellen abzusetzen und sich
dort während der Verladung örtlich zu sichern. Gleichzeitig wird befohlen,
für den Fall dass die Schiffe an den zugewiesenen Verladestellen nicht
ankommen, sich andere Einschiffungsmöglichkeiten zu suchen. Ein notwendiger
Befehl, angesichts der Lage, der aber auch Panik und Chaos Tür und Tor
öffnet. Die Evakuierungsflotte liegt draußen auf Reede, findet aber nicht an
die Küste. Die Seeoffiziere machen an der Küste Nebelschwaden aus. Zum
Schrecken aller handelt es sich um künstlichen Nebel, der sich immer mehr
verdichtet. Weiß und dick wogt ein künstlicher Schleier von der Halbinsel her
der See entgegen. Die Marine hat in den letzten Monaten eine
Vernebelungsanlage mit einigen hundert Nebeltonnen um die Hafenanlagen und
Buchten ausgelegt. Bei Angriffen feindlicher Luftwaffenverbände sollten die
militärischen Objekte, insbesondere die Liegeplätze und Landungsbrücken durch
Einnebelung der Sicht des Gegners entzogen werden und gezielte Bombenabwürfe
unmöglich machen. Nun waren diese Nebeltonnen durch russisches
Artilleriefeuer in Gang gesetzt worden. Überrascht und erfreut über den
künstlichen Sichtschutz hatten darauf hin einzelne Truppenteile die noch
intakten Nebelfässer ausgelöst, um sich vor gegnerischer Sicht zu schützen,
nicht ahnend was sie damit anrichten würden. Somit fahren viele Schiffe bei
Tagesanbruch leer nach Constanta zurück. So kam das große Unglück für die
letzten 10.000 Mann, die bis zuletzt gekämpft hatten.
General Reinhardt fand durch Zufall fünf
Siebelfähren an einer einsamen Küstenstelle, deren tapfere Kommandanten diese
flachliegenden Gefährte an das Ufer bugsiert hatten, dazu noch zehn kleine
Geleitboote. Durch Zurufe und Meldegänger brachte er seine Division und alle
greifbaren Einheiten des Grenadierregiments 117 und der 111. ID auf diese
Schiffe. Den letzten Prahm hielt der General fest und befahl den Kommandanten
erst abzulegen, wenn er selbst an Bord sei. Er ging nicht an Bord, da er dort
keine Kommandogewalt mehr hatte, aber so lange wie möglich warten wollte in
der Hoffnung, dass immer noch einzelne Versprengte kommen könnten, die auch
kamen. Um 3 Uhr ließ Reinhardt ablegen. An anderer Stelle sammelte der Chef
des 49. Korps, Oberst Haidlen, mit einem Oberarzt letzte Nachzügler. Um 3 Uhr
30 ging auch ihr Prahm in See. Von dem Drama an den Anlegestellen der
50.ID berichtet die Divisionsgeschichte in nüchterner Sachlichkeit. An der
Verladestelle von Grenadierregiment 123 lag nur eine einzige Fähre, sie
konnte jedoch nur einige hundert Mann aufnehmen. Noch eine Fähre kam. Die
Männer stellen sich in Doppelreihe an und gingen an Bord. Noch ein paar
Verwundete werden dazugeladen, dann ist Schluss. Major Teschner befiehlt alle
Offiziere wieder von der Fähre herunter. Schweigend und selbstverständlich
kamen sie alle. Und dann führte der Major alles was zurückblieb zum letzten
Kampf. Mit dem Rücken zum Wasser bildetet die kleine Kampfgruppe eine
Abwehrstellung und kämpfte noch sechs Stunden, dann wurde sie überwältigt. Und die 111.Infanterie-Division? Was war
mit den Regimentern, die im März zur Verstärkung auf die Krim geworfen wurden
waren? Ausgerechnet diese Division traf das Schicksal am schwersten. Kein
einziges Schiff von den 60 Transportern, die draußen auf Reede in Dunkelheit
und Nebel kreuzten, fand den Weg an die Anlegestellen der Division. Keines! Der 12.Mai dämmerte herauf. Blauer Himmel. T34 greifen den letzten Sicherheitsschleier vor den Verladestellen an. Die Männer haben nur noch Gewehre und ein paar MG. Die schweren Waffen sind bereits vernichtet. Oberstleutnant Franz, der Ia der Division, verbrennt am Strand befehlsgemäß die Geheimsachen. Panik bricht aus. Oberleutnant Gottlieb, der Adjutant des Artillerie-Regiments 117, greift sich eine Planke und springt ins Wasser, um in die freie See zu paddeln. Unter den Kugeln eines Bord-MG eines sowjetischen Jägers versinkt er. Es sind keine vier Wochen her, da hat dieser junge Offizier seinen gefallenen Bruder aus feindlichem Feuer geholt (Hans Werner Gottlieb, gefallen am 13.April 1944 bei Sewastopol im Alter von 19 Jahren) und hinter der Front beerdigt. Die russische Artillerie schießt auf den
Strand. Immer wieder. 25 Meter breit ist das Stückchen Erde zwischen
Steilufer und Wasser. Und ein paar tausend Mann pressen sich auf ein paar
Quadratmetern Erde zwischen Geröll und Dreck und an die Felsen. Dann rollen
die Panzer langsam heran. Luken offen. General Gruner (der
Divisionskommandeur)
geht aufrecht dem T34 entgegen. Bellend kracht dessen Kanone. Der General
sinkt langsam zusammen. Die sowjetischen Infanteristen, die mit den
Panzern kommen, sind wütend. Sie schreien, schießen, schlagen. Ein deutscher
Feldwebel will sich das Deutsche Kreuz in Gold nicht abnehmen lassen und wird
erschossen. Offiziere werden herausgesucht und weggeführt. Man hört Schüsse
und Schreie. Der Melder Fritz Niedszwedski packt zusammen mit dem Ia-Fahrer
Sepp Prötzner Oberstleutnant Franz und reißt ihn in eine Gruppe Soldaten. Sie
nehmen ihn in ihre Mitte und verstecken den Offizier mit Generalsstreifen vor
den Augen der Russen.“ Auch der Kommandeur des Artillerie-Regiment 117 Oberstleutnant
Christoph kommt in jenen letzten Stunden zu Tode. Die genauen Umstände sind
nicht geklärt. Siegfried S. wird laut Information der
Wehrmachtauskunftsstelle Berlin
bereits seit dem 9. Mai 1944
als vermisst geführt, wie vermutlich alle Angehörigen seiner Einheit, da wohl
an jenem Tag die Verbindung zur höhergestellten Einheit, in dem Falle wohl
die Heeresgruppe Südukraine, abgerissen sein muss. Erst am 4. Juni 1944, 22
Tage nach jenem schicksalhaften Tag, erreicht jene Vermisstenmeldung die
Familienangehörigen. Siegfried`s Ehefrau ist natürlich um Aufklärung bemüht und ergreift nach Kriegsende selbst die Initiative. Sie schreibt ehemalige Kameraden von Siegfried an und bittet diese um Auskunft über den Verbleib ihres Mannes. Am 20. November 1949 schreibt ihr der ehemalige Wachtmeister Wilhelm Voß. aus Hamburg folgenden Brief: Sehr geehrte Frau S., wenn mir die traurige
Aufgabe zufallen soll, Ihnen Aufklärung zu geben, dann muss ich offen
gestehen, fällt sie mir sehr schwer. Ich bin bemüht, Ihnen den Ablauf der
entscheidenden Stunden vom 12. Mai 1944 im Ergebnis so klar zu schildern, wie
es mir aus der Erinnerung möglich ist. Ich selbst war mit
Ihrem Gatten lange Zeit in der gleichen Batterie gewesen, bei Hauptmann
Klose. Wir haben uns damals etwas näher aneinander geschlossen. Als ich 1942
auf die Kriegsschule kam, trennten sich unsere Wege vorübergehend. Nach
meiner Rückkehr zur Einheit war Siggi Adjutant der III. Abteilung geworden.
Anfang 1944 wurde ich verwundet und kam erst im April an die Front zurück.
Das ganze Regiment war, bis auf die Trossteile und eine kleine Einheit, mit
den Gefechtsteilen der Division auf der Krim. Am 09. Mai wurde ich mit etwa
12 anderen Kameraden, darunter auch Heinz Schreiber, nach Sewastopol
eingeflogen. Da ich meine Batterie und Abteilung in dem Wirrwarr des
Rückzuges nicht finden konnte, meldete ich mich am Abend des 10. Mai bei der
III. Abteilung und zwar bei Hauptmann Westphal, dessen Adjutant Ihr Gatte
war. Wir haben zu Zweit eine kurze Wiedersehensfeier gehabt. Siegfried war
zuversichtlich und trotz der Lage lustig und aufgeräumt, er war so wie er
immer war. Entgegen den Befehlen meines Kommandeurs blieb ich bei Siegfried,
in der Batterie von Heinz Baumann und erhielt von Siegfried einen
Spezialauftrag. Auf diese Weise traf ich erst am Morgen des 12.Mai um 2 Uhr
nachts wieder bei der Einheit ein. Wir setzten uns ab und sollten uns am Ufer
sammeln. Gegen 6 Uhr traf ich dort ein. Es war inzwischen offensichtlich
geworden, dass uns keine Schiffe abholen würden. An der Stelle an der
Steilküste gab es keine Möglichkeit zur Verteidigung. Es war uns klar, uns
stand die Gefangenschaft bevor. Viele Kameraden zogen von sich aus die
Konsequenzen. Auch Heinz Schreiber wollte seinem Leben ein Ende machen. Wir
verhinderten das. Ich selbst versuchte auf dem Sande, in Deckung der
Steilküste, die Bucht zu verlassen, um auf die gegenüberliegende Landzunge zu
kommen. Unterwegs stellte ich fest, dass das ziemlich aussichtslos war. Daher
kehrte ich um, damit ich wieder zu meinen Kameraden stoßen konnte. Das war
gegen 6 Uhr 45. auf diesem Weg traf ich Siggi mit seinem Kommandeur, an einer
Stelle wo die Steilküste aufhört und in ein flaches Ufer auslief und damit
vom Gegner unter Beschuss lag. Ich hatte es eilig, eben wegen des Beschuss.
Wir warfen uns nur einige Worte zu, die im Lärm der Detonation aufgesogen
wurde. Als ich mich noch einmal umdrehte, sah ich Siggi mit der Pistole in
der Hand sich neben seinen Kommandeur setzen. Gleich darauf hörte ich einen
Schuss. Eine neue Salve zwang mich so schnell wie möglich in Deckung zu
kommen. Dort kam ich in einen Strudel der mich mit fortriss. Ich habe Siegfried nie
wieder gesehen, weder tot noch lebend. Ich bin der festen Ansicht, dass er
sich selbst das Leben genommen hat und damit wahr machte was er mir vorher
schon klar zum Ausdruck brachte, dass er nicht lebend in die Gefangenschaft
gehen würde. Selbst wenn Sie diese
Möglichkeit ausschließen, besteht kaum Aussicht dass Siegfried lebend
herausgekommen ist. Einmal weil der Beschuss dort sehr stark war, zum anderen
weil sehr viele Kameraden, die nicht bei der Masse zum Gegner in
Gefangenschaft gingen, erschossen wurden. Nur wenige Verwundete kamen damals
in Gefangenschaft. Darunter war Siegfried nicht, wie ich von einem Kameraden
erfuhr, der später wieder zu uns stieß und kurze Zeit im Gefangenenlazarett
war. Es wird kaum möglich
sein, dass Sie jemanden ausfindig machen, der Ihnen klar bestätigen kann:
„Ich habe Siegfried gesehen als er nicht mehr unter den Lebenden weilte.“ Ich habe Ihnen nach
bestem Wissen und Gewissen berichtet, ohne dass ich Ihnen Trost oder Hoffnung
geben kann. Es wäre niemand
glücklicher als ich, wenn Sie eine freudige Gewissheit haben könnten. Ich
weiß welche Bedeutung diese Zeilen für Sie haben. Doch ich muss in Gedenken
an den Kameraden offen sprechen. Ich selbst fühle mit
Ihnen und nur schwer konnte ich mich überwinden, Ihnen den Bericht zu geben.
Wenn ich das endgültig erlösende Wort nicht aussprechen konnte, dann weil die
Verantwortung es zu tragen mir zu schwer wäre. Mit tiefen Mitgefühl
verbleibe ich Ihr Wilhelm Voß.
Kurz darauf, am 7. Dezember 1949, meldet sich dann auch der ehemalige Leutnant Heinz Schreiber, mit welchen Siegfried ein inniges Verhältnis verband. Er wohnt in Leipzig und hat Siegfrieds Frau schon zuvor in Halle aufgesucht, anscheinend aber damals nicht den Mut gefunden ihr die volle Wahrheit über Siegfrieds Schicksal zu berichten. Sehr geehrte Frau S., Ihre Zeilen vom 1.
Dezember und insbesondere die Ausführungen des Kameraden Willy Voß verlangen
nunmehr auch von mir, als langjährigen Kameraden Ihres Gatten, mit dem ich
gemeinsam so viele Stunden der Freude und des Leides im Kriegsgeschehen
geteilt habe, das zu bejahen, was mir von dem schicksalhaften 12. Mai noch in
Erinnerung ist. Wenn der Kamerad Willy
Voß davon spricht, dass Ihr Gatte
schon früher zum Ausdruck gebracht habe, niemals lebend in Gefangenschaft zu
gehen, so muss ich das bejahen. Diese seine Einstellung beruhte wohl mehr
oder weniger auf dem Fluidum, was unser Kommandeur in dieser Hinsicht auf uns
ehemalige Offiziere ausstrahlte. Auch ich vertrat seinerzeit diesen
Standpunkt. Als wir an jenem 12.
Mai 1944 früh gegen 6 Uhr an der Steilküste von Sewastopol standen, brachten
mir, außer dem damaligen Wachtmeister Voß, auch noch ein Oberwachtmeister F.
die Meldung, dass Ihr Gatte gemeinsam mit dem Kommandeur den Freitod gewählt
hatte. Ich habe das selbst nicht geglaubt, da wir doch noch vor einer knappen
halben Stunde zusammen gesprochen hatten. Auch ich wollte das gleiche
Schicksal teilen, doch haben die Kameraden mich davon abbringen können.
Wenige Minuten später traten wir den weg ins Ungewisse an. Von keinem dieser
Abteilungsangehörigen habe ich bisher ein Lebenszeichen erhalten. Die vorangegangenen
Stunden, insbesondere die bittere Enttäuschung, dass uns kein Schiff von
diesem Stückchen Erde, dass mit so viel Blut getränkt war, entführte, hatte
unser seelisches Gleichgewicht in einem Ausmaß erschüttert, dass sich schwer
in Worte gleiten lässt. Dazu noch die nagende Ungewissheit, welches Schicksal
die einzelnen Kameraden nun wirklich ereilt hat, weil man eben nicht in der
Lage war sich selbst vom Geschehenen zu überzeugen, bzw. man die Kameraden
aus dem Auge verloren hatte. Wenn ich Ihnen, sehr
geehrte Frau S., im vergangenem Jahre bei meiner Anwesenheit in Halle nichts
darüber verlautbart hatte, so nur aus dem Grund heraus, dass auch ich noch
immer im tiefsten Inneren die Hoffnung hegte, dass all das, was mir die
Kameraden in jener schicksalsschweren Stunde berichteten, nicht die bittere
Wahrheit sein konnte. Ich weiß, eine Frau
und Mutter gibt die Hoffnung noch viel weniger auf als ein Mann. Wenn Sie mir
in Ihren Zeilen zum Ausdruck brachten, dass mich sicher ein innigeres Band der
Kameradschaft mit Ihren Gatten verband, als mit Willy Voß, so kann ich das
nur aufrichtigen Herzens bejahen. Ich habe in diesen Jahren keinen besseren
Kameraden gehabt als Siegfried. Betrachten Sie bitte
meine Worte nicht als einen billigen oder leeren Trost. Kameradschaft, in der
Gefahr des Lebens zusammen geschweißt, bleibt unter Männern stets heilig und
unvergessen. Nehmen Sie bitte die
Versicherung aufrichtiger Anteilnahme von mir und insbesondere meiner Frau
entgegen. Ihr Heinz Schreiber Wie lässt sich Siegfrieds Handeln nach mehr als 63 Jahren heute erklären? Ist es seine „Offiziersehre“ die ihn zu jenem folgenschweren Schritt veranlasst? Oder spielt jenes „Fluidum“ seines Kommandeurs eine entscheidende Rolle, wie es Heinz Schreiber später schildert? Ich persönlich bin der Meinung, dass diese beiden Komponenten sicherlich mit einwirken, aber nur eine untergeordnete Rolle spielen. Man stelle sich Siegfrieds psychologische Verfassung vor. Seit 1941 befindet er sich, mit kurzen Unterbrechungen, an der Ostfront. Seit über einem Jahr auf strapaziösen Rückzugskämpfen. Dann das Himmelfahrtskommando Krim und das Erlebnis der verlustreichen Kämpfe der letzten Tage in Sewastopol. Wie viel Grauen muss er ertragen, wie viele Kameraden sieht er sterben? Auch wenn Wilhelm Voß beschreibt: „Siegfried war zuversichtlich und trotz der Lage lustig und aufgeräumt, er war so wie er immer war“, wird er wohl, und das ist nicht ganz untypisch für ihn, nach außen hin männliche Gelassenheit zur Schau stellen. Spätestens aber an jenem Morgen des 12. Mai 1944 realisiert er jedoch, dass er und seine Kameraden von Hitler, von seinem Führer den auch er verehrt hat, sinnlos geopfert wurden. Er befindet sich an der Steilküste von Chersonnes, hinter sich das Schwarze Meer und vor sich die immer näher rückenden russischen Soldaten, hinzukommend der nervenaufreibende, mörderische Artilleriebeschuss. Eine Evakuierung ist nicht mehr zu erwarten und somit begreift er sicherlich nun schmerzlich, dass auch seine Anstrengungen und Entbehrungen, sowie die Trennung von Frau und Kind, in den letzten Jahren völlig umsonst, ja sinnlos gewesen sind. Sein bis dato gelebter und von vielen gelobter Optimismus wird spätestens jetzt wie ein Kartenhaus zusammenbrechen. Hinzu kommt die Angst vor der Gefangenschaft und den Racheakten der Sowjets, was wohl für seine Entscheidungsfindung die wichtigste Rolle gespielt haben dürfte (die Schilderungen mehrerer Zeitzeugen von willkürlichen Erschießungen einzelner Offiziere wurden bereits erwähnt). Ich bin der Überzeugung, dass sehr viele Menschen, in solch einer „Extremsituation“ in der Siegfried sich befand, ähnlich gehandelt hätten und ja auch gehandelt haben. Fakt ist auch, dass sein Freitod zwar einen gewissen
Automatismus unterlag (viele Soldaten, insbesondere aber Offiziere wählten
diese Option), jedoch auf absoluter Freiwilligkeit beruhte, da Siegfrieds
Kommandeur diesen Schritt zwar sicherlich von ihm erwartete, ihm aber
keinesfalls den Befehl dazu geben
konnte. Hinzu kommt, dass sein Freitod nicht spontan erfolgte, also
keinesfalls als eine Art Kurzschlussreaktion bezeichnet werden kann, sondern
laut der Kameraden von ihm lange vorher angekündigt wird und demzufolge nicht
ausschließlich als ein Ergebnis einer schlechten seelischen Verfassung
verstanden werden kann. Im Standesamt Fürth wird bereits 1948 auf Grund
einer eidesstattlichen Kameradenaussage bekannt, dass sich „Hauptmann
Dieter Westphal am 12. Mai 1944 in einem Feldbunker bei Sewastopol selbst
erschossen hat.“ Aufgeschrieben von Jörg Gierschke im November 2007. Über jeden Kontakt freut sich: jgierschke@yahoo.de
Über die letzten Tage der Deutschen Wehrmacht bei Sewastopol habe ich unter http://www.godenholm.de/3.Ebene/text/damianweb2.htm Tagebuchaufzeichnungen gefunden, die die Zustände dort beschreiben. Ich empfehle, dort zumindest die Tage ab dem 5. Mai 1944 zu lesen. Außerdem gibt es einen erschütternden Bericht über
den Umgang der Russen mit den Lazarett-Insassen bei der vorübergehenden
Eroberung des Ortes Feodosia http://forum.balsi.de/index.php?topic=295.0
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