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DER GROSSE KREBS IM ENZIGSEE

 

In Pommerns Seen hat es früher viele Krebse gegeben, und wer Verlangen trug nach einem Gericht der rotgesottenen Panzerritter, der ging hinaus mit Kescher und mit Kienspanleuchte an den See und fing sich da in dunkler Nacht einen ganzen Sack voll Krebse. Die kamen dann so häufig auf den Tisch, daß sich an manchen Orten das Gesinde ausbedang, es dürfe nicht öfter als zweimal in der Woche Krebse geben.

 

Die Nörenberger aber haben von einem Krebs in alter Zeit einmal ganz großen Schaden genommen. Wenn sie so ihren Kirchturm betrachteten, da wollte ihnen dünken, der werde mit jedem Tage niedriger. Darüber erhob sich ein großes Verwundern in der Stadt. Doch wurde das Unheil noch größer, als sich eines Morgens fand, daß ein ganzes Stück der Stadtmauer abgetragen war, und keiner wußte, wie das hatte geschehen können; denn man fand nicht Stein noch Mörtel bei der Lücke liegen. Da berieten sich die Ratsherren der ehrbaren Stadt Nörenberg und dachten nichts anderes, als der Feind habe ihnen diesen Schaden getan. Sie schärften also ihrem Nachtwächter ein, In den nächsten Nächten die Augen gut aufzuhalten und Alarm zu blasen, wenn der Feind wirklich komme. Der Nachtwächter war ein unerschrockener Mann und hatte manches Nachtgespenst tapfer in die Flucht geschlagen. Was er aber in der nächsten Nacht zu sehen kriegte, das ließ ihm alle Haare auf dem Rückgrat hochgehen, Denn da kam es angekrochen vom Enzigsee her viel größer als ein Elefant, ein Ungeheuer von Krebs, wie ihn bis dahin noch kein Mensch gesehen. Der kroch mit seinen Panzerfüßen, dicker als ein Krokodil, über die Stadtmauer auf den Kirchturm zu und begann ganz gemütlich von dem Turm zu speisen, und dicke Mauersteine und Ziegel krachten unter seinen Scheren, als wenn unsereiner Nüsse knackt, und verschwanden in dem Riesenmaul. Das dauerte wohl eine Stunde lang, dann kroch der Riesenkrebs zurück zu seinem Schlupfwinkel im nahen See, und seine Stielaugen blitzten dabei höhnisch im Mondenschein.

 

Als der Nachtwächter diese böse Mär dem Bürgermeister berichtete, hielt der mit seinen Ratsherren einen ganzen Tag lang schweren Rat. Daß gegen solches Ungeheuer in seinem Panzer Schwert und Beil nicht nütze, war ihnen leider allzu klar, und manche meinten gar, man solle mit Sack und Pack die Stadt verlassen, ehe der Unhold alles fresse. Doch wollten sie wenigstens einen Versuch wagen, das Ungeheuer festzumachen. So hießen sie dem Schmied die dickste Eisenkette zu schmiedem, und als es wieder Nacht wurde, standen alle wehrfähigen Bürger an der Mauerlücke und paßten auf des Krebses Wiederkehr. Da kam er wahrhaftig, angekrochen wie ein wandernder Berg, daß selbst den Tapfersten das Herz in die Hosen sank. Der Bürgermelster aber rief, "Vorwärts, Mannen. Da stießen die drei stärksten Männer der Stadt dem Krebs eine eiserne Stange entgegen, in die biß er hinein mit seiner Riesenschere daß es Funken sprühte, und hielt sich zu fest daran, als wäre er angeschmiedet. Da sprangen aber alle Nörenberger hinzu und zerrten an der Stange den Krebs hin zur Schmiede, wo der Schmied gerade das letzte Kettenglied glühte. Das warf er ihm um eines seiner Beine, daß es brutzelte und spritzte, und schmiedete zu. Am andern Ende der Kette aber hing ein schwerer Schiffsanker; den fuhren sie nun auf Kähnen hinaus auf den Enzigsee und schleppten den Krebs hinterher. Da unten liegt er nun an einem Anker angeschmiedet und kann der Stadt Nörenberg keinen Schaden mehr tun.

 

Das alles ist zwar nun so lange her, daß keiner mehr recht weiß, ob es wahr ist, Doch sind die Nörenberger nie ganz die Furcht losgeworden, die eiserne Kette könne einmal durchgerostet sein, und dann würde der große Krebs hervorkommen und ihre ganze Stadt mit Stumpf und Stiel verspeisen.