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Die Familie K A I S E R aus Prütznow und Labes

 

von Horst Kaiser

 

Quellen: Urkunden (Ahnenpass), Westpreußisches Geschlechterbuch, 1. Band 1960 Seite 16 und 69, und mündliche Überlieferungen.

 

Diese Darstellung wurde schon vor einigen Jahren geschrieben, besonders für die Familie Kaiser,  und jetzt – Februar 2002 und Mai 2005 – überarbeitet. Sie ist daher sehr ausführlich und ins Einzelne gehend. Seit der Erstellung sind bei den Personen der dritten und vierten Generation Veränderungen (Tod, Heirat, Kinder usw.) eingetreten, die hier nicht eingearbeitet wurden.

 

Die Darstellung beginnt mit den Großeltern des Verfassers Reinhold Kaiser und Elise geb. Behrend.

 

 

Die Vorfahren der Kaiser stammen aus der Gegend südöstlich von Nordhausen am Harz. 1794 heiratete in Hamma Johann Christoph Keyser Johanna Maria Magdalena Schmiedin (Geburtsurkunde: Schmidt). Es sind die Urgroßeltern von Reinhold. Die Mutter von Christoph K. Katharina Magdalena Keyserin starb 1802 in Auleben. Weitere Orte in den Urkunden: Urbach und Görsbach.

Der Vater von Reinhold, Andreas August Leberecht Kaiser geb. 22.9.1817 in Hamma, Schmiedegesell, später Schmiedemeister, heiratete am 19.12. 1847 in Dankerode/Harz die dort geborene Johanne Christiane Wieprecht, deren Vorfahren alle in Dankerode ( ca. 10 km südlich von Harzgerode) ansässig waren. Sie hinterließ 1885 6 lebende Kinder. Ingrid und Kerstin haben bei einer Nachforschung im Kirchenbuch von Dankerode folgende Geburten des Ehepaars beurkundet gefunden:

·        Johanne Louise geb. 28.03.1848 6 Uhr morgens

·        Wilhelm August geb. 19.11.1850 abends 6 Uhr

·        Gottfried Adolf geb. 22.04.1853 morgens 5 Uhr

·        August Gottlieb geb. 17.05.1856 morgens 6 Uhr, gestorben lt. Grabstein 12.04.1929

·        Friedrich Hermann geb.28.03.1860 nachmittags ½ 1 Uhr

·        Reinhold Emil geb.03.07.1862 morgens ½ 4 Uhr.

Auf einem noch vorhandenen Grabstein sind außerdem verzeichnet Sergeant Wilhelm Kaiser (22.10.1881 – 13.12.1913) und Berta Kaiser geb. Einecke (27.11.1853 - 07.04.1928).

 

Nur einmal ist eine Frau in Rotha, ca. 10 km südlich von Dankerode, geboren. Älteste Urkunde ist aus dieser Linie eine Geburtsurkunde 1711 in Dankerode.

 

Die Vorfahren der Familie Behrend (auch Boehrend, Berendt ) stammen aus der östlichen Weichselniederung. Sie werden als Lichtkamper Ast der Familie bezeichnet. Lichtkampe ist identisch mit Stutthöfer Kampe und liegt ca. 2 km südlich von Stutthof.

Der Hof muß dicht an einem Weichselarm gelegen haben. In einem Tagebuchfragment unserer Großmutter wird von „unserer Weichsel“ gesprochen. In den Urkunden und dem Tagebuch treten folgende Ortsnamen auf:

Lichtkampe (Geburtsort unserer Großmutter); Pfarramt Steegen, Stutthof Tiegenort, Tiegenhof, Hornkampe, Rehwalde, Hinterthor, Holm, Niedere Scharpau, Groß Lesewitz, Fürstenau, Neustädter Ellerwald, Jungfer, Ladekopp,Neuteich, Heckars Kampe, Wernersdorf (südl. von Marienburg), Schönau, Stadtfelde, Groß Mausdorf, Ladekopp. Alle diese Orte liegen ‑ soweit ich sie finden konnte ‑ zwischen Steegen‑Stutthof und ca. 20 km südwestlich Marienburg.

 

Die Eltern von Elise Behrend:

Gottfried August Behrend, geb. 2.4.1839 in Hornkampe, gest. 7.4.1909 in Danzig, Hofbesitzer in Lichtkampe bei Stutthof, ab 1889 (Opapa Kaiser lebte zu der Zeit in Danzig, und Emil wurde 1889 dort geboren) Rentier in Danzig. Sohn von Johann Daniel Behrend, geb. 5.4.1800 Hinterthor, gest. 1.9.1877 Hornkampe (Altersschwäche) Hofbesitzer in Hornkampe, und Anna Christine Dengel geb. 15.4.1810 Holm, gest. 4.8.1875 Hornkampe (Todesursache: Ruhr). Heirat am 5.3.1863 in Tiegenort Hanna Eleonore Aline Kleineisen, geb. 26.1.1843 Tiegenort, gest. 31.12.1889 in Lichtkampe. Tochter von Martin Kleineisen, Kaufmann in Tiegenort, geb. 5.4.1797 Gr. Lesewitz, gest. 6.5.1847 Tiegenhof, am 6.11.1834 Heirat mit Eleonore Albertine Ens geb. 17.3.1806 Tiegenhof, gest. 26.3.1853 Tiegenhof.

Kinder:

   1. Emilie Justine Eleonore                                   geb. 25.01.1865       gest. 04.01.1889

   2. Rudolf August                                                             09.05.1866                25.12.1872

X3. Elise Aline                                                                 29.05.1867                24.09.1934

   4. Julius Gottfried                                                           10.10.1868                25.01.1869

   5. Eduard Gottfried                                                        03.12.1869                04.01.1873

   6. Otto Hermann                                                             03.03.1872                10.01.1873

   7. Robert August                                                            09.10.1873                11.05.1874

   8. Meta Clara                                                                  11.06.1877                26.03.1880

   9. Bertha Helene                                                            05.12.1878                22.02.1879

10. Adolf Heinrich                                                              14.07.1880                18.01.1888

11. Franz Albert                                                                 25.12.1881                     ca. 1946

12. Paul Friedrich                                                              19.08.1883                           1966

 

                                               

                                                 

 

 

 

                                     

 

 

Reinhold Kaiser und Elise geborene Behrend als junges und altes Paar und das Wappen der Familie Behrend

 

Reinhold Emil Kaiser, geb. 3.7.1862 in Dankerode heiratete am 6.9.1888 in Stutthof Elise Aline Behrend, geb. am 29.5.1867 in Lichtkampe, Pfarramt Steegen.

Reinhold Kaiser war Postsekretär in Stettin. Noch in der Geburtsurkunde von Herbert (1894 in Danzig) ist sein Beruf mit Telegraphen-Sekretär angegeben. Zumindest in seinem letzten Lebensjahr hat er laut Pflegschaftsabrechnung von der Deutschen Reichspost ein Ruhegehalt von 63,00 RM monatlich erhalten. Dazu bekam er eine Militärrente von 14,60 RM monatlich.

Er soll beim Bau der Straßenbahnen in Köslin, Stolp und Zoppot (Danzig?) mitgewirkt haben und dabei auch ein Patent bekommen haben.

Die Straßenbahn in Köslin wurde von Frühjahr bis Dezember 1911 gebaut, m.E. zu spät für seine Mitwirkung. Andererseits hat man in der Familie gesagt, in seinem Todesjahr (18.12.1936) wäre auch der Betrieb seiner Kösliner Straßenbahn eingestellt worden (Stillegung 1.2.1937). Dass er schon an der vorher gebauten Dampfkleinbahn Köslin - Großmölln (1913 elektrifiziert), die 1938 stillgelegt wurde, mitgewirkt hat, halte ich für unwahrscheinlich, da er Elektriker war.

In Stolp könnte er mitgewirkt haben; dort ist 1900 Reinhard geboren, aber es ist auch möglich, dass Omama nur zur Geburt nach Stolp ins Krankenhaus gegangen ist. Es gibt darüber keine Informationen. Baubeginn war aber erst im Frühjahr 1910, also 10 Jahre später. Aber die Planung begann schon früher. Inbetriebnahme September 1910.

In Danzig war seit Mai 1872 eine Pferde-Straßenbahn in Betrieb, die im Oktober 1894 von der AEG in Berlin gekauft wurde mit dem Ziel, sie zu elektrifizieren. Erste Probefahrt am 26.6.1896. Hier kann er mitgewirkt haben.

Am 19.9.1894 ist in Danzig mein Vater Herbert geboren, vorher schon 1889 Emil, 1890 Ella und 1891 Walter. In Zoppot hat es 1894 nur eine Pferde-Straßenbahn gegeben, die aber pleite gegangen ist.

In Danzig hat die AEG ein Patent bekommen für die Fahrstromversorgung an den 4 Klappbrücken. Es wurden besondere Schwenkbalken‑Konstruktionen angeordnet. Sie waren in Gelenken drehbar und hielten bei geschlossener Brücke die Fahrleitung gespannt. Wurde die Brücke aufgezogen, so legten sich die Schwenkbalken gegen das Geländer der Brückenklappen und wurden von diesen mitgenommen. Die durchhängende Fahrleitung war dann stromlos. Das Patent wird aber als AEG‑Patent bezeichnet; der Name Reinhold Kaiser erscheint nicht.

 

Beruflich wurde er stark durch die Freimaurer gefördert.

 

So kam er auch wohl als Direktor zur Stuhlfabrik in Gossenthin bei Neustadt/Westpreussen. Von hier aus muss auch noch Verbindung zu einer Straßenbahn bestanden haben, denn mein Vater erzählte, sie hätten schon mal auf dem Betriebshof eine Straßenbahn fahren dürfen.

Zur Stuhlfabrik in Gossenthin habe ich folgende Informationen gefunden:

Gossenthin war ursprünglich ein Gutsdorf. Mitte des 19. Jahrhunderts begann man die Wasserkraft der Gossentin zu nutzen, zuerst mit einer Stärkefabrik, dann mit einer Cellulosefabrik und danach mit einer Stuhlfabrik. Ende des 19. Jhd. hatte die Stuhlfabrik einen großen Aufschwung genommen, so dass Gossentin 1900 bereits 799 Einwohner bei 63 bewohnten Häusern und 116 Haushalten hatte. Nachdem die Cellulosefabrik eingegangen war, wurde auf Veranlassung des Oberpräsidenten v. Gossler die Stuhlfabrik zur Verarbeitung des heimischen Buchenholzes eingerichtet. Die ganze Fabrik beschäftigte ca. 500 Arbeitskräfte und durch Heranziehen geschulter Arbeiter (vor allem aus der Provinz Sachsen kommend) und durch Anlegung einer eigenen Kolonie mit Schule, wirkte diese Gossentiner Fabrik zugleich als germanisierend für den ganzen Distrikt. (Quelle: Franz Schultz 1907 „Geschichte der Kreise Neustadt und Putzig“).

Eine andere Stuhlfabrik soll es im Harz gegeben haben, zu der er später auch von Prütznow noch mehrmals gefahren ist, nachdem Gossenthin schon stillgelegt war. Nach seinem Tod gingen Verkaufserlöse  für Maschinen aus Lauterberg ein, und der Testamentsvollstrecker ist einmal nach Lauterberg/Harz gefahren.

Die Gossenthiner Stuhlfabrik hatte eine Niederlassung in Labes (siehe Buch Labes III Seite 207/208 - Kopie am Ende der Ausarbeitung). Nach Stilllegung dieser Niederlassung wurden die restlichen Stuhlbeine und ‑Leder auf dem Boden des Wohnhauses in Prütznow gelagert.

Vermutlich durch diese Verbindung nach Labes bekam er auch Verbindung zu der Getreidemühle in Prütznow, dessen Besitzer ein Westphal war. Ob dieser mit dem Bauern Westphal, dessen Hof links von dem Weg zur Mühle lag, verwandt war, ist nicht bekannt. Dem Müller soll er einen Generator zur Stromerzeugung verkauft haben. Später hat er dann die Mühle gekauft. Der Antrieb erfolgte mit Wasserkraft der aufgestauten Rega. Ein Wassernutzungsrecht und ein Fischereirecht sind in den Bilanzen aufgeführt.

Zu der Mühle gehörte eine Landwirtschaft, die er weiter betrieb. Er legte die Getreidemühlen still; die Mühlen blieben aber ungenutzt stehen. Während des letzten Krieges wurde hier schon mal „schwarz“ Getreide gemahlen, und die Mühlen wurden auch in den ersten Nachkriegsmonaten von den in Prütznow verbliebenen Deutschen nach Berichten von Brunhilde Dallmann zum Mahlen von Getreide genutzt. Jetzt (1989) sind sie abgebaut, aber das Elektrizitätswerk wird noch zur Stromerzeugung genutzt. Die kleinere Ersatzturbine ist demontiert; es läuft nur die größere Turbine. Der Generator, der noch aus der Anfangszeit stammte, wurde von den Russen demontiert, und die Polen mussten ihn zum Bahnhof schaffen. Als er dort ankam, soll er auseinander gefallen sein, wie mir ein Pole, der 1939 nach Prütznow kam und heute (1991) noch dort lebt (Stacho), berichtete. Es wurde ein neuer Generator, der auch aus einem deutschen Betrieb stammt, installiert, und der Strom wird ins öffentliche Netz geliefert.

Der Kauf der Mühle durch Reinhold muss kurz vor der Jahrhundertwende 1800/1900  erfolgt sein. Es gibt ein Bild, auf dem an der Stelle des späteren Wohnhauses, das Reinhold errichtet haben muss, noch ein Schuppen steht. Davor stehen kleine Mädchen, ca. 6 Jahre alt. Es sollen Käte Kaiser (geb. 13.2.1906) und ihre etwa gleichaltrige Freundin Käte Dallmann sein. Erna Zietlow berichtet, ihr Vater hätte gesagt, Prütznow hätte schon vor dem ersten Weltkrieg von Kaisers Strom bekommen. Leider ist in der Familie kein Datum bekannt.

Er baute die Stromversorgung in Prütznow auf und legte Leitungen nach Labes. Mit der Stadt Labes schloss er zum 1. November 1898 einen Stromliefervertrag über 30 Jahre. Dort baute er ebenfalls die Stromversorgung auf eigene Rechnung auf, d.h. das Leitungsnetz gehörte ihm. 1929, also nach Ablauf der 30 Jahre, wurde die Stromversorgung an die Stadt verkauft (vgl. Buch Labes I Seite 99 und 105, hier heißt es :“Von erheblicher Bedeutung war für die Stadt die Übernahme der Elektrizitätsversorgung ab 1. April 1929, die nach der Durchführung einer Schiedsmanns- und Feststellungsklage der Stadt gegen den Kaufmann Reinhold Kaiser, Prütznow, wirksam wurde. Der Stromliefervertrag war am 1. November 1898 abgeschlossen und hatte eine Laufzeit von 30 Jahren. Der an Kaiser gezahlte Kaufpreis konnte durch den Reingewinn eines einzigen Geschäftsjahres erwirtschaftet werden.“). Der Rest des Netzes wurde an die Überlandzentrale in Belgard verkauft. Der Strom wurde dann an die Überlandzentrale verkauft. Bis 1929 hat er auch die Straßenbeleuchtung in Labes betrieben. Das Umspannwerk soll bis in die 60er Jahre gestanden haben. Er besaß auch 3 Wohnhäuser für Angestellte in der Baustrasse 42/43 und Lindenstrasse 8. ‑ In Prütznow wurde die Landwirtschaft von ihm weiterbetrieben, die nach seinem Tod von seinem Sohn Herbert zusätzlich zu dessen Geflügelzucht übernommen wurde.

Die Familie blieb aber noch in Gossenthin wohnen und ist erst später, vielleicht kurz vor dem ersten Weltkrieg nach Prütznow gezogen, denn sowohl Käte (1906) und Erich (1912) sind in Gossenthin geboren.

An der Mühle in Prütznow hat er ‑ wie schon erwähnt ‑ ein großes neues Wohnhaus errichtet, das seine Familie (Ella, Käte und Erich wohnten s.Zt. noch zu Hause) bewohnte. Nach dem Tod des Ehepaares war das Haus zeitweise Landjahrheim. An ihm war ein großer Verandavorbau aus Holz, in dem Herbert anfangs seine Kükenaufzucht in der unteren Etage betrieb. Darüber war der Wintergarten mit vielen Grünpflanzen, über diesem befand sich ein Balkon, der von Kätes Zimmer durch das Fenster betreten werden konnte. Er wurde später in den 30er Jahren überdacht. Heute steht zwar das Haus noch, der Verandavorbau ist aber abgerissen. Von außen sieht man noch, wo er war.

Neben dem Haus stand der alte Getreidespeicher, der kaum noch genutzt wurde. Innen ging nur eine fest montierte Leiter bis zum Dachboden, auf dem ein Taubenschlag war. Der Speicher hatte mehrere Böden und einen Sackaufzug. Der Speicher soll bei Kriegsende einen Granattreffer bekommen haben. Er besteht nicht mehr.

Außerdem baute er in Prütznow noch ein „Leutehaus“ für seine Arbeiter, das den Prütznowern als „Schabernack“ bekannt ist, weil es angeblich dem Nachbarn, Major Henniges, dessen Hof nach dem Krieg von Stacho übernommen wurde, zum Schabernack dorthin gebaut worden war. Es steht heute noch.

In Labes kaufte er zwei Landmaschinenfabriken, eine gut gehende und eine kleinere, die fast pleite war. Walter und Reinhard konnten sich je eine aussuchen, und Walter übernahm als Älterer die gut gehende als Landmaschinenfabrik Kaiser & Co. Reinhard musste die kleinere nehmen mit der Auflage, sie nicht als Landmaschinenfabrik als Konkurrenz zu Walter zu betreiben, sondern die dort vorhandene Draht‑ und Schmiedezaunherstellung auszubauen. Bei Walter blieb Reinhold mit 9.500 RM Teilhaber (Kaiser & Co), und von dort aus wurde auch die Stromabrechnung für die Labeser Abnehmer gemacht. Bei Reinhard (R. Kaiser KG) wurde er mit 8.000 RM Kommanditist. Beide Anteile wurden nach seinem Tod im Rahmen der Erbauseinandersetzung auf Walter bzw. Reinhard übertragen und auf deren Erbe angerechnet. Das Wohnhaus, das zur Drahtfabrik gehörte, ist ca. 1900 gebaut worden.

 

Aus einem Bericht, den Reinhard 1944 geschrieben hat, entnehme ich folgende Teile::

 

Kurz will ich den Werdegang der Firma R. Kaiser schildern: Im Jahre 1926 wurde der Betrieb, der solange als Landmaschinenfabrik A. Lüssen, lief und Pleite machte. aus Konkurrenzgründen von meinem Vater, der damals die Firma Kaiser & Co besaß, an der mein Bruder Walter der Form halber beteiligt, war, aufgekauft und als Drahtgeflecht‑ und Drahtzaunfabrik eingerichtet. Hierzu nahm man sich einen Fachmann, Herrn Walter Kos­sowski aus Frankfurt/Oder, der dort mit mehreren Brüdern zusammen ein ähnliches Unternehmen betrieb und nicht leben und sterben konnte. Als Werkmeister wurde ein Herr Franz Roy gewonnen, der auch von dieser Firma aus Frankfurt kam. Im Jahre 1927 lief der Betrieb an  Er erhielt sich eben recht und schlecht. Überschüsse wurden nicht erzielt. Die Hauptsache war ja auch zunächst, zu verhindern, dass ein anderes Landmaschinenunternehmen nach Labes kam und Kaiser & Co Konkurrenz machte.

Im Sommer 1928 wurde ich bei der A E G in Stettin arbeitslos und kam mit meiner Frau, die ich am 30. März 1928 geheiratet hatte, nach La­bes. Mein Vater beschäftigte mich in der Drahtfabrik um mich dort einzuarbeiten. Meine Absicht war es damals, da ja die beiden Unter­nehmen Landmaschinenfabrik und Drahtgeflechtfabrik unter einer Firma liefen, mit meinem Bruder Walter zusammen zu arbeiten dergestalt, dass er die kaufmännische Leitung und ich die technische Leitung haben sollte. Gott sei Dank. dass hieraus durch den Widerstand meines Bru­ders nichts geworden ist! Im Gegenteil mein Bruder behauptete, dass in Labes nur für einen Kaiser Platz wäre, und da er der ältere sei, ich zu verschwinden hätte. Ich war in der Drahtfabrik beschäftigt, jedoch war mein Bruder nicht mein Vorgesetzter, sondern mein Vater leitete sie allein.

 

Am 1, Januar 1929 wurde die Firma R. Kaiser von der Firma Kaiser & Co auch äußerlich getrennt und so die Drahtfabrik von der Maschinenfabrik geschieden. Mein Vater hatte es  meinem Bruder freigestellt ob er die Maschinenfabrik oder die Drahtgeflechtfabrik haben wollte. Er entschied sich für die erste.

 

Nach einigen Monaten erhob die Industrie- und Handelskammer in Stettin gegen die Firmenbezeichnung Einspruch, da bei einer Einzelfirma der Vorname ausgeschrieben sein muss.  Da eben erst die Firma geändert worden war, trat ich entschieden für die Beibehaltung des Namens R. Kaiser ein. So wurde durch formellen Eintritt meiner Mutter als Kommanditistin aus der Firma eine Kommandit‑Gesellschaft und der Name R. Kaiser konnte gehalten werden, zumal Preislisten und Reklame, Briefbogen etc. bereits fertig und in Gebrauch waren.

 

Mein Vater ließ mir völlig freie Hand und, kümmerte sich um die Drahtgeflechtfabrik herzlich wenig. Ihn beschäftigte mehr das Elektrizitätswerk in Prütznow, Ausbau des Flusslaufes, Ausbau der Gebäude, Ausbau der Landwirtschaft. Alles Spielereien, die ihn eine Unmenge Geld kosteten und nichts einbrachten. Er war eben schon zu alt geworden und hatte in seinem Leben auch genug geleistet! Ich will mir’s, für mein Alter merken, dass man wohl mit 60 Jahren den Höhepunkt seines  Lebens überschritten hat, und sich auf dem absteigenden Ast befindet. Damals war ich gerade 30 Jahre alt und fing an und wollte vorwärts. Seine Lebenserfahrungen hätte er mir aber zur Verfügung stellen können, aber auch das tat er aus mir unverständlichen Gründen nicht, zumal es sich doch um seinen Betrieb und seinen Geldbeutel handelte. Er hatte wohl nicht mehr die Lust und den Willen sich mit Problemen zu beschäftigen, die an ein junges und aufstre­bendes Unternehmen herantreten. Wenn ich ihn um irgendwelche Entscheidungen bat, wich er stets aus.  "Wenn es richtig ist, mach es, wenn es falsch ist, laß es sein" war die Quintessenz seiner Weisheit. Damit konnte ich nichts anfangen und war ge­nau so schlau wie vorher.

 

 

In Prütznow finanzierte er Herbert eine Geflügelzucht. Er zeigte mir mal, dass mein Vater Herbert ihm 20.000 RM schuldete. Dieser Betrag wurde später soweit er nicht getilgt oder auf die Geschwister übertragen worden war und es sich um Schulden gegenüber dem Privatvermögen handelte, bei der Erbteilung verrechnet.

 

Walter und Reinhard haben ihre Fabriken auch von ihm kaufen müssen. Hieraus und aus den Darlehn an Herbert bestanden am Todestag noch Forderungen von rd. 68.000 RM, die bei der Erbteilung verrechnet wurden. Diese Forderungen wurden bis dahin verzinst. Aber Walter und Erich hatten auch Schulden an die GmbH, Walter Ende 1943 25.200 RM und Erich 5.000 RM.

 

Reinhold, unser „Opapa“ Kaiser, war ein Selfmade‑Mann, der sich sein Wissen durch Selbststudium erworben hat. Wie man sieht, hat er es von einem Postsekretär zu einem angesehenen Unternehmer gebracht, und er hat ein ansehnliches Vermögen geschaffen.

 

Gerichtlich bestellter Pfleger war in den letzten Jahren, zumindest ab 1.3.1936 der Steuerberater Nern aus Labes, der später auch Testamentsvollstrecker war. Unterlagen über die Pflegschaft, die Erbauseinandersetzung  (mit einer von mir gefertigten Zusammenstellung)  und Bilanzen des E.-Werkes sind erhalten.

 

Am 24. September 1934 starb unsere „Omama“ Kaiser in Stettin im Krankenhaus an Darmkrebs. Am 19.9.34 war sie noch zu Herberts Geburtstag bei uns, musste sich aber hinlegen und kam dann ins Krankenhaus. Sie hatte schon 1-2 Jahre vor ihrem Tod in Stettin einen künstlichen Darmausgang bekommen und danach geäußert, dass das Leben damit doch reichlich mühsam und beschwerlich sei. Sie konnte damit nicht mehr heben und tragen, wollte aber nicht auf ihre geliebte Gartenarbeit verzichten und zog die Gartengeräte darum im Handwägelchen hinter sich her. Sie war 67 Jahre alt.

Am 18. Dezember 1936 starb unser Opapa Kaiser in Prütznow. Er war 74 Jahre alt. Die Todesursache ist mir nicht bekannt. Ich weiß, dass er nach dem Tod seiner Frau im Hochspannungsraum an eine Leitung gekommen und von der Leiter gestürzt ist. Danach war er längere Zeit bettlägerig. Beide wurden auf dem Friedhof in Wurow beigesetzt. Die deutschen Gräber dieses Friedhofs wurden von den Polen eingeebnet, die Grabsteine beseitigt. Auf dem Friedhof liegen heute nur Polen.

Nach Fräulein Zink, der langjährigen Sekretärin zunächst des „Alten Herren“ (Opapa), später von Walter und dann viele Jahre beim „Chef“, (Reinhard), bestanden in den 20er Jahren Verbindungen zu einer Stuhlfabrik  Kaiser & Nora  in Lauterberg/Harz. Zu ihr wäre er von Prütznow aus häufiger gefahren.

Mit 25 RM monatlich unterstützte er aus Liebe zu seiner Frau deren Bruder Ohm Franz Behrend, der keinen Beruf ausübte. Dieser erschien alle paare Jahre mal in Prütznow und blieb einige Wochen. Er lebte in Kahla/Thüringen – Löbschütz. Was er sonst tat, ist mir nicht bekannt. Er ist wohl nach dem Krieg gestorben. Noch aus der Bilanz zum 31.12.1943 ist zu entnehmen, dass diese Unterstützungen von der Erbengemeinschaft weiter gezahlt wurden.

Auch Käte wurde unterstützt. 1936 wurden vierteljährlich  RM 90,00 an Aufrichtig-Kalter in Hamburg überwiesen für Hyp. Zinsen Malente.

 

Das Elektrowerk hatte in den Jahren 1936/1938 Erlöse aus dem Stromverkauf in Höhe von rd. RM 21.700,00 bzw. 23.200,00, 1936 einen Verlust von 4.500,00 RM, 1938 einen Gewinn von 10.800,00 RM. Die Überlandzentrale hat dann den Preis für den Strom erheblich gedrückt, sodass die Erlöse 1942 nur noch 8.500,00 RM und 1943 7.600,00 RM betragen haben. Diese Erlöse haben die Kosten nicht gedeckt. Aufgrund von Mieten und Pachten, denen auch Kosten gegenüber standen, und Zinseinnahmen konnten trotzdem klägliche Gewinne ausgewiesen werden, 1941 115,00 RM und 1943 350,00 RM.

 

Aber es hat wohl auch Misserfolge gegeben, z.B. die erwähnte Stuhlfabrik in Lauterberg/Harz. Wohl im Zusammenhang mit ihr bestand am Todestag noch eine uneinbringliche Forderung. Außerdem ist in der Bilanz des Elektrowerkes zum 31.12.1943 eine Hypothekenschuld in Höhe von RM 11.175,00 zu Gunsten der von-Borcke-Stiftung, Regenwalde, aufgeführt, die wohl im Zusammenhang steht mit einem notleidend gewordenen Engagement bei einer Pelztierzucht, die ein Mitglied der Familie von Borcke betrieben hat.

 

 

Die Abkömmlinge von Reinhold und Elise Kaiser geb. Behrend

 

Emil geb. 17.2.1889 in Danzig, gestorben am 26.3.1944 in Berlin (Freitod ? Er wurde laut Todesurkunde um 18 Uhr tot in seiner Wohnung aufgefunden.). Zum Stolz. seines Vaters wurde er aktiver Offizier, für Kinder aus “einfachem“ Haus etwas Besonderes. Im 1. Weltkrieg war er in russischer Gefangenschaft. Er sprach russisch. 1919/20 wurde er in den Kaukasus (Georgien ?) geschickt, um die Aufständischen gegen die Roten zu unterstützen. Dort erhielt er einen „Elefanten Orden“, ein seltenes Stück. Im letzten Weltkrieg war Emil Kommandant (?) von Kriegsgefangenenlagern, was ihn wohl zur Verzweiflung brachte. ‑ Er war zwischen den Kriegen Reichsbankbeamter (Reichsbankinspektor) in Berlin. Er starb ledig.

 

Ella geb. 12.4.1890 in Danzig, gestorben 3.5.1946 in Malente/Holstein an Lungenentzündung und Entkräftung. ‑ Sie hatte keinen Beruf, war aber im Weltkrieg als Krankenschwester tätig. Sie lebte zunächst bis zu deren Tod bei ihren Eltern in Prütznow, später in Labes, zuletzt in der Wangeriner Chaussee.

 

Walter geb. 6.3.1891 in Danzig, gestorben am 15.11.1964 in Monheim/ Rheinland. Am 12.10.1923 heiratete er in Labes Hildegard Knetschke, geb. am 29.12.1901., die in Monheim verstorben ist. Die Ehe war kinderlos.

Er übernahm die von seinem Vater gekaufte Landmaschinenfabrik in Labes (Kaiser & Co). Wohngebäude mit Büro und anschließender Fabrik befanden sich an der Mühlenstrasse, ein Teil der Fabrik an der angrenzenden Nordstrasse.

Gegenüber dem Wohnhaus war an der Mühlenstrasse ein Geschäft, ursprünglich die Werkstatt der Stromversorgung, in dem später hauptsächlich Elektrowaren und ‑bedarf verkauft wurden. Außerdem gehörte die Tankstelle an der Gabelung der Regenwalder Chaussee/Stramehler Chaussee dazu. Der gesamte Besitz ist zerstört.

Durch einen Bericht in einem Rundbrief der Heimatgemeinschaft der Labeser wurde ich daran erinnert, dass er jährlich im Pommerschen Hof eine Weihnachtsfeier für seine Belegschaft veranstaltete. Zweimal war ich auch eingeladen und bekam wie jeder andere ein kleines Geschenk.

Er hatte nach der Flucht in Malente eine kleine Vertretung für Landmaschinen und wurde ab 1952 bei seinem Bruder Reinhard (siehe dort) in der Drahtfabrik in Burg/Dithmarschen, später Monheim angestellt, die er nach dem Tod von Reinhard einige Jahre leitete.

 

Herbert, mein Vater, geb. 19.9.1894 in Danzig, gestorben am 18.6.1950 in Heidelberg an Lungenkrebs. Er war verheiratet seit 11.10.1921 (Trauung in Labes) mit Elisabeth geb. Müller, geb. 11.3.1900 in Labes als Tochter von Kaufmann Franz Müller (Eisenwarengeschäft in Labes am Markt) und seiner Frau Auguste geb. Straube. Sie starb am 12.6.1974 in Mülheim/Ruhr (Diabetes, Nierenversagen). Er hat am ersten Weltkrieg teilgenommen, wurde verschüttet, und später wurde er durch einen Granatsplitter schwer am linken Oberarm verwundet. Er wurde als Leutnant entlassen. Er war staatlich geprüfter Landwirt.

Sie haben in Prütznow zunächst auf der Landwirtschaft des Vaters eine Hühnerzucht aufgebaut, die später in die neu errichteten Gebäude (Wohnhaus und Speicher mit Großviehstall) und 6 hölzerne Hallen für je 500 Legehühner sowie mehrere Zuchtvieh‑ und Kükenaufzuchtställe verlegt wurde. Meine Eltern wohnten zunächst im „Schabernack“ und bezogen später die Wohnung über den Turbinen. Unser Schlafzimmer lag direkt über den Turbinen, an deren Geräusche wir uns so gewöhnt hatten, dass wir nicht schlafen konnten, wenn die Turbinen wegen Reparaturarbeiten mal standen. Weihnachten 1928 zogen wir um in das neue Wohnhaus.

Zunächst wurde ausschließlich Hühnerhaltung betrieben. Der Betrieb war als Herdbuch- und Vermehrungszucht anerkannt. Es bestand eine Brutkapazität mit elektrischen Brutschränken für mehrere tausend Eier. Küken wurden nicht nur aus eigenen Eiern erbrütet, sondern auch aus zugekauften Eiern aus 8 anerkannten bäuerlichen Vermehrungsbetrieben. Eier wurden hauptsächlich per Bahn nach Berlin geliefert, später an die Firma Puchstein in Labes. Küken wurden an viele Abnehmer verschickt, im Wesentlichen in Ostpommern. Außerdem wurden Zuchthähne verkauft. Zeitweise war es mit über 3000 Hühnern die größte Geflügelzucht in Deutschland. Legebetrieb in Batterien wie heute gab es seinerzeit noch nicht. Überall wurde das Legevieh im Freiland gehalten. Außerdem wurden Enten zur Vermehrung gehalten, vorübergehend auch mal Puten, Perlhühner und Gänse. Das Futter wurde teilweise im eigenen Betrieb erzeugt, aber auch in nicht geringem Umfang zugekauft.

Über 50 % des Umsatzes von rd. 51.000 RM = rd. 27.000 RM wurden durch den Verkauf von Eintagsküken erzielt. Unterlagen wie Bilanzen, Steuerbescheide, Versicherungspolicen u.ä. sind  erhalten. Nach dem Tod seines Vaters übernahm Herbert in Pacht die Landwirtschaft, wobei aber die Anzahl des Großviehs verringert wurde. Es wurden 2 Pferde, ca. 5 Kühe und einige Schweine, letztere für den Eigenbedarf gehalten. Die Tiere wurden in unseren Stall übernommen. Die Pacht betrug 785,00 RM jährlich. Es wurde Land vom Gut Wurow dazu gepachtet für 134,00 RM jährlich. Die Ställe an der Mühle (Elektrowerk GmbH) blieben leer; sie wurden bei Kriegsende von Granaten getroffen und brannten ab.

Es bestand eine direkte Stromleitung zum Elektrowerk, damit die Stromversorgung der Brutapparate bei Ausfall der öffentlichen Stromversorgung sichergestellt war. Ich kann mich aber an einen solchen Notfall nicht erinnern.

Das Wohnhaus ist heute Schule, der Speicher wird teilweise als Büro für ein dort errichtetes Betonsteinwerk genutzt. Die Hühnerställe sind nicht mehr vorhanden. Auf den Wiesen an der Rega zwischen der Geflügelzucht und dem Elektrowerk wurden Fischteiche angelegt.

Zu unserer Geflügelzucht  (nicht  „Geflügelfarm    meine  Eltern  legten  Wert  auf diesen Unterschied: Farm und Zucht sind verschiedene Sachen) ist folgendes zu sagen: Unser Hof erstreckte sich von der Straße, die zum Bahnhof Wurow und nach Wurow führte, bis zu dem Wäldchen, an dem jetzt die Asphaltfabrik steht, und vom Bahndamm bis zur Rega. Der Weg am Bahndamm entlang gehörte uns nicht, war aber Zufahrt zu einem Feld dort hinten. Der jetzige Schulhof war unser Gemüsegarten; er ging bis zum Weg.  Wenn man vor dem Haus steht und auf das Haus sieht, standen links 6 Legehallen für je 500 Hühner mit dem vorgeschriebenen Freiauslauf. Dort wo die Asphaltfabrik ganz hinten steht, war ein Wäldchen und davor noch ein Feld.

Hinter dem Haus war zunächst unser Ziergarten und anschließend bis zur Rega die Ställe für die Zuchtstämme der Hühner und 3 Ställe für Junghennen. Rechts, dort wo heute die Betonsteinfabrik steht, waren die Aufzuchtställe für Küken, in denen brikettbeheizte Öfen mit Schirmen die Wärme für die Küken gaben. Diese Öfen mussten mehrmals täglich nachgefüllt werden, letztmals um 22 Uhr, bei der oft klirren­den Kälte nicht gerade zum Vergnügen der Hühnermädchen. 

Außerdem gab es dort zwischen Haus und Strasse noch ein Feld.

Weitere Felder und Wiesen (auch die, in denen jetzt die Fischteiche sind, die von der Eisenbahnbrücke durch einen Stichkanal mit Wasser versorgt werden), hatten wir vom Elektrowerk und jenseits der Bahnlinie vom Gut Wurow zugepachtet. An der anderen Seite, also links vom Haus, neben den Legehallen, hatten wir noch eigene und gepachtete Wiesen.

Im Speicher waren unten  und  in  der  ersten  Etage  Geräte  und  Futtermittelvorräte,  im  Keller Kartoffeln. Außerdem war unten die Futterküche und eine Werkstatt ‑ später Wohnraum für den kriegsgefan­genen Arbeiter. An der Seite zur Strasse hin war der Stall für das Großvieh: Pferde, Kühe und Schweine. Heute ist dort ein Büro.

Im Haus waren im Keller die Bruträume mit Apparaten für mehr als 10.000 Eier, der Vorratskeller, der Keller für die Wasserpumpe und die Heizung sowie der Eierkeller.  Parterre waren dann das Elternschlafzimmer, unser Kinderzimmer (später auch Brutraum oder Esszimmer) und das Damenzimmer. Diese 3 Räume sind heute zur Turnhalle zusammengefasst, die Zwischenwände sind raus. Unser sehr großes Ess‑ und Wohnzimmer ist heute ein Klassenraum, das Herrenzimmer der zweite. Die Küche in die man vor der Treppe ins Obergeschoss kam, ist heute zusammen mit der Speisekammer und unserem Büro der 3. Klassenraum. Das, was heute Lehrerzimmer ist (wo 1 Tisch mit 3 Stühlen steht) war Eingangsflur für die „Besuchstür“. Der normale Hauseingang war von der Hofseite aus.

Oben waren 9 kleinere Zimmer (etwa eine Fensterbreite) für die Hühnermädchen. Von diesen Zimmern hatten Karl‑Heinz und ich je eins. Außerdem gab es noch 2 größere Zimmer für Besuch und als Bügelzimmer, von denen später auch eins für 2 Küchenmädchen benutzt wurde. Auf dem Boden war dann noch ein Mädchenzimmer.

Die Hühnerställe waren aus Holz mit Doppelwänden, in denen Torf zur Isolierung war. Sie standen auf Betonfundamenten und hatten ein Holzdach mit Teerpappe. Die Fenster waren aus einfachem Glas, teilweise aus Kunstglas (eine Art Fliegengitter, das wohl durch eine durchsichtige Masse gezogen war). Entsprechend kalt war es dort drin im Winter. Das Trinkwasser für die Hühner fror ein, wenn es nicht mit Petroleum geheizt wurde. Auch die Wasserleitung zu und in den Ställen fror oft ein.

Abkömmlinge von Herbert und Lisa: 

Horst geb. am 29.7.1923 in Prütznow (in der Wohnung über  den Turbinen, wie auch die beiden anderen Kinder), heiratete  am 29.12.1951 in Malente (kirchliche Trauung am 31.12.1951  in Bad Driburg) Leonore geb. Eitzen, geb. am 29.11.1925 in  Schwessin bei Köslin. Er hat in Kiel studiert, ist Diplom‑Volkswirt und war fast  35 Jahre lang bei einer Essener Maschinenfabrik als Leiter  des Rechnungswesens und der Datenverarbeitung tätig; seit  dem 1.1.1989 im Ruhestand. Tochter: Andrea geb. am 11.8.1952 in Kettwig. Diplom‑Mathematikerin,  ledig.

Hans Jürgen geb. 20.7.1925, gest. am 8.8.1925 in Prütznow.

   Karl‑Heinz geb. am 3.8.1926 in Prütznow,  gestorben  am  5.4.1990 an Lungenkrebs. Er

hat am 1.12.1951 in Ziegelhausen bei Heidelberg Erika geb. Kleinert, geb. am 22.5.1927 geheiratet. Er war Buchhalter bei der Wetzlarer Zeitung). Zunächst hatte er Geflügelzucht gelernt, musste dann aber aus gesundheitlichen Gründen den Beruf wechseln. Kinder: Peter geb. 18.11.1950 in Neukirchen.-Vlyn, gestorben 1996, Hartmut geb. 2.8.1952 in Nordeck bei Giessen und Bernd geb. 8.4.1959 in Londorf. Beide wohnen in oder in der Gegend von Rabenau. Hartmut ist verheiratet und hat einen Sohn, Bernd ist geschieden; er hat eine Tochter.

 

 

Nach dem Krieg war Herbert einige Wochen in Holstein in einer Geflügelzucht tätig. Später übernahm er die Führung einer Geflügelzucht in Sandhatten bei Oldenburg i.O. und danach in Wilhelmsfeld bei Heidelberg. Diese Zucht führte seine Frau nach seinem Tod als Geflügelzuchtmeisterin weiter. Sie wechselte dann ab 15.8.1951 bis 30.9.1954 in gleicher Funktion nach Wethen bei Waldeck und zuletzt vom 6.10.1954 bis 30.6.1961 auf den Rittnerthof in Karlsruhe‑Durlach. Mitte 1962 zog sie zu Horst.

 

Reinhard geb. 23.2.1900 in Stolp, gest. 3.8.1953 in Monheim/Rhld. Er heiratete am 30.3.1928 in Labes Käte geb. Müller, geb. 30.10. 1902 in Labes, Schwester von Elisabeth, der Frau von Herbert. Sie starb am 12.3.1972. Beide sind in Monheim/Rhld. beerdigt.

Reinhard war Diplom‑Ingenieur.

Zunächst war R. in Stettin als Angestellter tätig. Ca 1929 übernahm er die von seinem Vater gekaufte Landmaschinenfabrik (siehe oben). Diese war sein Eigentum, und er führte sie bis zur Flucht. Das Ehepaar wohnte zunächst in einem Wohnhaus in Labes an der Schönwalder Strasse, zog aber später in das auf dem Fabrikgelände stehende Wohnhaus um (ca. 1900 gebaut). In der Fabrik wurde hauptsächlich Drahtgeflecht mit handbedienten Maschinen und Automaten sowie Stacheldraht hergestellt, dazu bis ca. 1936 Matratzen (Holzrahmen, Sprungfedern). Es wurden komplette Zäune hergestellt und montiert, in sehr großem Umfang für Kasernen und Truppenübungsplätze. Weiter wurden in Dörfern Elektroinstallationen durchgeführt, aber ohne Installationen in den Häusern. Das große Geschäft wurde aber das von ihm entwickelte Knotengitter für Weidezäune und Wildgatter aus Stahldraht. Die Knoten wurden manuell mit normalem Draht gemacht. Es war immer sein Bestreben, diese Arbeit zu mechanisieren, was ihm aber nie gelang. Leider wurde das Knotengitter in den 60er oder 70er Jahren technisch überholt und spielt heute praktisch keine Rolle mehr. Zu der Fabrik gehörten zwei Schwestergesellschaften in Stolp und Elbing. In beiden wurde das in Labes hergestellte Knotengitter verkauft, zusätzlich’ auch in geringem Umfang Drahtgeflecht aus Handautomaten. Elbing hat keine sehr große Bedeutung erlangt; es wurde erst Anfang des Krieges gegründet, aber schon 1941/1942 wieder geschlossen.

Mit seiner Belegschaft machte er einige Ausflüge. Einmal fuhren sie mit dem Bus ins Riesengebirge. Davon gab es einen Film, den wir uns häufig angesehen haben. Nach Fräulein Zink, seiner Sekretärin und Kassiererin, fuhr der Bus auf der Rückfahrt plötzlich auf einen Flugplatz und die ganze Belegschaft konnte einen Rundflug machen. Aber Fräulein Zink musste immer wieder ihre Handtasche zücken und zahlen.  – Ein anderes Mal mietete er einen Zug der Labeser Kleinbahn, und wir machten – die Kinder waren natürlich dabei – einen Ausflug an einen See. -  Auch wurde ein Ausflug gemacht, für den auf einem mit einer Plane versehenen LKW und seinem Anhänger Sitzbänke montiert waren.

Er war ja autobegeistert. Der ADAC machte auch damals schon Fahrzeugüberprüfungen, die auf dem Fabrikgelände der Drahtfabrik durchgeführt wurden.

 

Nach dem Krieg lebte die Familie zunächst in Malente. Da er noch ein Drahtkontingent bei der GHH besaß, gelang es ihm sehr schnell, noch vor der Währungsreform, eine neue Fabrik in gemieteten Räumen (ehemaliges Beständelager der Wehrmacht) in Burg/Dithmarschen aufzubauen, in der er auch einige seiner Labeser Mitarbeiter beschäftigte. 1952 hat er die Fabrik in eigene Räume in Monheim/Rhld. verlegt. Auch hier war das Knotengitter noch lange Jahre die Hauptumsatzquelle des Geschäftes. Jetzt werden hauptsächlich Zäune für Wohnanlagen usw. geliefert. Nach seinem Tod hat zunächst sein Bruder Walter die Fabrik geleitet, die jetzt Eigentum seines’ Sohnes Roderich ist und heute von dessen ältestem Sohn Stefan geführt wird.

In der unzerstörten Fabrik in Labes wird heute Draht gezogen.

Abkömmlinge von Reinhard und Käte:

Henning geb. 29.6.1929 in Labes, verheiratet mit Ingrid geb. Prien, Er starb am 13.07.1996.  Er war Diplom-Ingenieur und Patentassessor, Leiter der Abteilung Patente und Lizenzen eines großen deutschen Konzerns.

Kinder:

Ulf, Dr. med., verheiratet mit Ursula geb. Eckert. Er ist selbständiger Facharzt. Sie haben 3 Kinder: Sebastian geb. 4.11.1980, Valerie geb. 19.1.1985 und Cosima geb. 5.6.1989.

Heike verheiratet mit Jan Uwe Behm, Dipl. Betriebswirt und Dipl. Soziologe. Sie  ist selbständige Rechtsanwältin. Kinder: Peet geb. 4.12.1983 und Okke geb. 5.7.87.

Kerstin, Diplom-Finanzwirt, verheiratet mit Peter Jacobsen, Beamtin.

           

Roderich geb. 26.2.1936 in Labes, verheiratet seit 31.8.1962 mit Helga geb. Klette, geb. 2.4.1940. Er ist Dipl.rer.pol. (techn). Er führte die Drahtfabrik seines Vaters weiter (s.o.).  

Kinder:

Stefan geb. 17.8.1963, Jens geb. 8.2.1965, Carina geb. 26.10.1966, Holger geb. 15.5.1968 und Anika geb. 9.4.72.

Sigrid geb. 3.2.1941 in Labes, verheiratet seit März 1965 mit Dr. Hartmut Kieckhäfer. Sie studierte Pädagogik und war als Volksschullehrerin tätig.

           Kinder:

           Gernot  geb. 3.4.1967 und Swantje geb. 25.4.1969.

 

Käte geb. 13.2.1906 in Gossenthin, gestorben Mai 1983 in Malente/ Holstein. Sie heiratete am 7.4.1931 in Labes Ludwig (Lewis) Filter. Er war aktiver Offizier (Kapitän) und zwischen den Kriegen viele Jahre Bürgermeister in Malente, später Offizier im Oberkommando der Kriegsmarine in Berlin. Käte war gelernte Geflügelzuchtgehilfin. Zeitweise hat sie nach dem Krieg in Malente eine Fremdenpension geführt. ‑ Ihre Adresse Ringstrasse 23 in Malente (heute Bad Malente-Gremsmühlen) war die Anlaufadresse aller Kaisers bei und nach Kriegsende, die dann auch teilweise bei ihr im Haus gewohnt haben.

Abkömmlinge von Käte und Lewis:

 

Elke geb. 2.3.1934 in Malente, gestorben 3.4.1937 in Berlin an den Folgen einer Verbrühung.

      Monika (Kantowski) geb. 9.7.1939 in Malente. Sie war Behördenangestellte. Kinder: Stefan (ertrunken), Jens geb. 6.6.1973 und   Ina Kantowski geb. 26.4.1971.

 

Erich geb. 21.2.1912 in Gossenthin, gestorben am 1.2.1974 in Goldbach bei Crailsheim. Er heiratete am 14.7.1936 in Kolberg Christel geb. Krüger geb. 23.2.1911, gestorben am 31.12.1997. Erich hat in Mittweida am Technikum studiert und war  Elektro‑Ingenieur.

 

Frauke und Uwe berichten:

 

Unsere Mutter, Christel Kaiser, geb. Krüger, verlor im Alter von 16 Jahren ihre Mutter, Selma Krüger. geb. Mattern. Durch ihre ältere Schwester Margarete erhielt Mutter eine Stelle als Hausdame bei der Familie Kaiser in Prütznow bei Labes. Dort lernte sie Erich Kaiser, den jüngsten Sohn der Familie kennen. 1936 heirateten sie und schon 1937 kam der erste Sohn Klaus zur Welt.

Noch vor Kriegsbeginn meldete sich Vater als Elektroingenieur bei der Wehrmacht und wurde als Zivilangestellter eingestellt. Er wurde zum Aufbau des Flughafens in Crailsheim eingesetzt. Die Familie zog nach Crailsheim, wo 1938 die Tochter Frauke und 1939 der Sohn Peter geboren wurden.

1943 wurde Vater nach Minsk versetzt. In Schönfelde, Kreis Preußisch Holland in Ostpreußen, einem Vorwerk eines größeren Gutes, war Frau Klempnauer durch die Einberufung ihres Ehemannes ebenfalls alleine, und Vater hatte beschlossen, dass Mutter mit den Kindern zu dieser Verwandtschaft mütterlicherseits zieht. Vater konnte sie dort von Minsk aus des öfteren besuchen, da die Entfernung doch nicht so weit war, wie bis Crailsheim. Dort kam 1944 der Sohn Volker zur Welt und 1945 war Mutter wieder schwanger.

Im Januar 1945 stand der "Russe" mit seinen Panzern bereits in Deutsch Eilau, etwa 30 km von Schönfelde entfernt. Vater und Mutter hatten verabredet, sich in Nordhausen im Harz zu treffen, wenn es zur Flucht kommen sollte, denn dorthin wurde Vater abkommandiert.

Im Januar 1945 gab der dortige Kreisleiter endlich die Möglichkeit der Flucht für die Einwohner frei. Mutters Vater, Georg Krüger, wohnte ebenfalls noch in Schönfelde, und so machte sich Mutter mit vier Kindern, dem siebzigjährigen  Vater und zudem noch schwanger, zu Fuß auf die Flucht, der damals jüngste Sohn Volker im Kinderwagen. 

Mutter hatte Glück, sie konnte mit ihrem ganzen Anhang mit dem Zug bis nach Danzig kommen, wo sie bei einer Verwandten unterkommen konnte. Nur durch das forsche Auftreten von Mutter glückte es, dass sie anschließend mit dem Flugzeug bis in den Harz weiter kamen, wo sie unsern Vater wiedertraf.

Von dort aus kam die nun wiedervereinigte Familie zu Fuß und teilweise mit Militärlastwagen bis nach Ettal in Bayern, wo sie in einer Mühle Unterschlupf fanden. Auch Margarete, die ältere Schwester von Mutter, war mittlerweile dabei.

In Ettal erlebten sie dann den totalen Zusammenbruch des Krieges, und die Amerikaner besetzten das Gebiet.

In Ettal hatte Vater ein Gespann und zwei Pferdchen erworben, mit welchen es wieder in Richtung Crailsheim ging. Zunächst wurde in Crailsheim die ganze Familie verstreut untergebracht, später erhielten sie in Goldbach, einem kleinen Dorf in der Nähe, eine kleine Skihütte am Waldrand außerhalb des Dorfes als Unterkunft. Dort wurde ihr fünftes Kind Christoph geboren.

1950 wurde eine Baracke im Dorf frei, welche neben einer Wohnung auch Räume für eine Werkstatt und ein Büro bot. Diese konnten von der Familie nun bezogen werden. Hier lebte die Familie und hier kamen ihre restlichen vier Kinder, 1950 die Zwillinge, Uwe und Ulrike, und 1955 die Zwillinge Claudia und Michael zur Welt.

1959 baute die Gemeinde ein Feuerwehrhaus, mit einer Werkstatt und darüber eine Wohnung, die von den Eltern gemietet wurde.

Noch in der Skihütte hatte Vater einem Landwirt, dessen Elektromotor kaputtging, denselben neu gewickelt und er begann dadurch mit einer Motorenwicklerei, die dann in der Baracke, später im Feuerwehrhaus weitergeführt, und nach dem Tode des Vaters vom Sohn Peter übernommen wurde. Die Werkstatt musste durch den plötzlichen Tod von Peter im Jahr 1995 aufgelöst werden, sodass sie heute nicht mehr existiert.

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    Abkömmlinge von Erich und Christel:

     Klaus geb. 4.1.1937 in Marienwerder.

     Frauke geb. 28.9.1938 in Crailsheim, verheiratet mit Laszlo Szabo.

Kinder:

                  Piroschka, Michail, Carmela und Pascale, alle verheiratet.

     Peter geb. 18.12.1939 in Crailsheim.

     Volker geb. 30.4.1944 in Schönfeld (Kr. Preussisch Holland) Ostpreussen

Christoph geb. 18.8.1945 in Crailsheim.

Ulrike geb. 12.7.1950 in Crailsheim,  Zwilling mit

Uwe geb. 12.7.1950 in Crailsheim

Claudia geb. 21.4.1955 in Crailsheim, Zwilling mit

Michael geb. 21.4.1955 in Crailsheim.

Ulrike ist unverheiratet, lebt in Hamburg, Claudia ist verheiratet. Die anderen Kinder leben in oder bei Crailsheim

 

 

 

Alle in Prütznow und Labes lebenden Familienmitglieder haben den Russeneinmarsch in Labes und Prütznow nicht mitgemacht. Sie sind vorher geflohen.

Am 2.3.1945 flüchtete Reinhard, der vorher schon seine Frau Käte und seine Kinder Roderich und Sigrid zu seiner Schwester Käte nach Malente gebracht hatte, mit einem Trecker und Anhänger, an den auch noch ein Pkw angehängt war. Er nahm seine Schwester Ella und seine Schwägerinnen Elisabeth und Hilde mit, sowie einige auf der Geflügelzucht in Prütznow beschäftigte Mädchen. Sie kamen wohlbehalten in Malente an. Hierzu gibt es die in Kopie beigefügte Karte von Elisabeth an Horst. Bei der ersten Fahrt nach Malente im Februar 1945 nahm Reinhard schon einige Labeser Familien mit und die Familie Porrmann, die ihren Pkw. hinter den 2. Anhänger des Lastzuges (ein Anhänger war nur mit Holz für den Holzgasgenerator des Lkw beladen), gehängt hatte. Am 2.3.45. fuhr er mit einem Primus‑Traktor und 2 Anhängern los. Dabei nahm er außer den oben erwähnten noch Labeser Familien mit. In Rostock beschlagnahmte die Wehrmacht einen Anhänger, so dass einige Leute zurückbleiben mussten. Die Mädels von der Geflügelfarm schlugen sich unter Führung von Frl. Gumpert weiter durch und waren früher in Malente, als Reinhard mit den Fahrzeugen

Die Russen marschierten in der Nacht vom 2. zum 3.3.1945 in Labes (Buch Labes I Seite 309 ff) und in Prütznow am 3.3.1945 ein, nachdem der Prütznower Treck bereits am 2.3.1945 auf dem Weg zur Regenwalder Chaussee von russischen Panzern beschossen worden war und umkehren musste. Er war außerdem im Matsch stecken geblieben. Die von Reinhard organisierte Flucht erfolgte also wirklich in letzter Stunde.

Walter (er war Offizier) kam später nach Malente.

Herbert wurde nach dem Zusammenbruch 1945 in Sachsen als Kriegsgefangener von den Amerikanern an die Russen übergeben. Er kam bis 200 km hinter Moskau. Er bekam dort eine schwere Lungenentzündung. Wegen dieser schweren Krankheit wurde er sehr früh aus der Gefangenschaft entlassen und kam am 26.8.1946 zunächst ins Umsiedlerlager Prora auf Rügen. Unsere Nachbarn Otto Zietlow, die in Zitterpennigshagen bei Stralsund gelandet waren, erfuhren von ihm und holten ihn am 10.9.1946 zu sich in ihr kleines Zimmer, vielleicht seine Lebensrettung. Nachdem er einigermaßen zu Kräften gekommen war,   brachte Erna Zietlow ihn am 13.10.1946, 2 Tage nach seiner Silberhochzeit,  zu seiner Familie nach Malente. Dort musste er am 17.10.1946  nochmal aus der Gefangenschaft entlassen werden, Entlassungsbefund: Folgen von Unterernährung mit Störungen des Wasserhaushalts, nicht arbeitsfähig.

Horst war nach einem fast 2-jährigen Einsatz in Russland, der von Kiew über das Donez-Becken bis zum Terek am Kaukasus und zurück über Rostow am Don bis Taganrog ging, nach seiner Verwundung in den letzten Jahren seit 1943 in Magdeburg und Braunschweig als Wehrmachts-Ausbilder, wurde nach einem Einsatz an der Weser, der, da die Amerikaner vorbeigezogen waren, zur Auflösung der Truppe führte, von polnischen Arbeitern gefangen genommen und den Amerikanern übergeben. Die Behandlung durch die Polen war einwandfrei. Er kam in das große Lager in Rheinberg, später in mehrere Lager in Frankreich, aber immer bei den Amerikanern. Von dort aus wurde er im Februar 1946 nach Malente entlassen. Um studieren zu können, musste er zunächst in einem dreimonatigen Lehrgang in Plön das Abitur machen, da sein Kriegsabitur nicht galt. Dann hat er in Kiel studiert und im Juni 1950 sein Staatsexamen gemacht.

Karl Heinz hat sich aus der CSSR durchgeschlagen. Geholfen hat ihm dabei sein Postsparbuch als Ausweis. Es hatte viele Stempel.

Henning durfte nicht mit fliehen. Er war am 2.3.1945 beim Volkssturm und an der Schönwalder Strasse in Labes eingesetzt. Aber die Russen kamen vom Landgestüt und fuhren weiter nach Regenwalde. Infolge Erkrankung und Neuorganisation der gesammelten Reste in Bansin verlor er den Kontakt zu seiner Einheit und fuhr nach Malente. Er war damals noch nicht 16 Jahre alt.

 

 

 

 

Die Brüder Herbert und Reinhard heirateten die beiden Töchter Elisabeth und Käte des Kaufmanns Franz Müller und seiner Frau Auguste geborene Straube aus Labes.  Damit haben die Kinder dieser beiden Paare die gleichen Großeltern. Aus diesem Grund wird nachstehend berichtet über

 

Franz Müller und Auguste geborene Straube.

 

Franz Müller wurde am 30.06.1872 in Regenwalde geboren. Die Familie war schon seit langer Zeit in Regenwalde ansässig. Die älteste Urkunde ist die Todesurkunde von Peter Müller, gestorben am 26.10.1809, 75 Jahre alt. Der Urgroßvater war in Regenwalde Braueigner. Verwandte lebten bis Kriegsende in Regenwalde.

Am 19. Juni 1899 heiratete er in Labes Auguste Straube, geboren am 19. November 1874 in Labes. Sie war die Tochter des Buchdruckereibesitzers Adolf Straube und seiner Frau Bertha geborene March. Die ältesten bekannten Urkunden der Familie Straube stammen von 1808 aus Altenburg/Thüringen, von dort aus ist die nächste Generation nach Dramburg gekommen, und dann nach Labes.

Vorfahren von Bertha March stammen aus der Gegend Schlawe in Pommern, Rügenwalde, Kolberg und Großmölln.

Franz Müller hatte in Labes ein Haushalts- und Eisenwarengeschäft, dem auch eine Spielwarenabteilung angegliedert war. Er betrieb es in einem großen Haus am Markt 1, das ihm zunächst gehörte. Der Besitz umfasste die ganze Ecke Markt/Kirchstrasse. Seitlich in der Kirchstrasse war eine Einfahrt für Wagen und ein Personeneingang. Der Block hatte einen großen Innenhof, der von Gebäuden umschlossen war: rechts Wohn- und Lagerräume der Familie Müller, hinten zur Kirche hin mehrere Stockwerke Lagerräume. Zur Strasse hin waren im ersten Stock die Wohnungen von der Familie Müller und Kienast. Unter dem Laden war ein großer Gewölbekeller, der als Lager genutzt wurde.

 Während des ersten Weltkrieges legte er sein ganzes Geld in Kriegsanleihen an, die später wertlos waren. Dadurch kam er in finanzielle Schwierigkeiten und musste das Haus an Kienast verkaufen, der in dem gleichen Haus ein Handarbeitsgeschäft betrieb.

Während des ersten Weltkrieges war er Sanitäts-Feldwebel.

Das Geschäft wurde nach dem Tod  des Ehepaares ca. 1935 oder 1936 an Hugo Plath verkauft.

Franz Müller war Diabetiker und musste Insulin spritzen. Zu damaliger Zeit musste er öfter nach Berlin zum Arzt fahren. Er musste streng Diät halten. Dazu stand immer eine Waage auf dem Esstisch.

Franz Müller starb am 15.Januar 1935, seine Frau am 11. November 1935.

 

 

Adolf Straube, geboren 1835 in Dramburg, gestorben 1912 in Labes, hatte in Labes eine Buchdruckerei, in der die  „Kreiszeitung für den Kreis Regenwalde“ herausgegeben wurde. Sein Sohn Karl  hat die Druckerei später weitergeführt. Seine Schwester Auguste heiratete Franz Müller. Augustes Schwester Käte lebte bei dem Ehepaar Müller und war für alle Kinder die geliebte Otante.  Andere Schwestern waren Grete Rautenberg (Rautenbergsche Villa in Labes), Elisabeth Babenzien, Frau des Bürgermeisters in Königswusterhausen, und Hanna Richter (Stettin) (Tante Hannchen).

Karl Straube hatte zwei Töchter: Erika heiratete Dr. Arndt in Regenwalde, und Christel den Finanzbeamten Gustav Krumrey, zuletzt wohnhaft in Neustettin.

 
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


                            

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

  

           

 

 

 

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