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DER UNTERIRDISCHE GANG IN SCHIVELBEIN

 

In Schivelbein lag einst ein großes Schloß. Von dem ging ein unterirdischer Gang unter der Rega hindurch bis an ein Kloster das dort stand. Aber im Laufe der Zeit verfielen Schloß und Kloster, und nur der Gang blieb übrig. Es getraute sich jedoch niemand dort hinein, weil es dort nicht ganz richtig war.

                                          

 

Nun lebten in der Stadt einmal zwei Nachbarinnen, und jede bekam in der gleichen Nacht ein kleines Mädchen. Und weil damals noch die neugeborenen Kinder bei ihren Müttern mit im Bette schliefen, geschah es, daß die eine ihr Kind im Schlaf erdrückte. Kaum aber hatte sie das gemerkt, da nahm sie das tote Kind, schlich sich ins Haus der Nachbarin und wechselte es dort gegen das lebende aus. Aber die rechte Mutter kannte Ihr Kind zu gut, als daß der Betrug hätte gelingen können. Sie lief zur Nachbarin und forderte Ihr Eigentum zurück. Die aber war mit allen Wassern der Bosheit gewaschen und stritt wider die andere: sie habe ihr Kind getötet und wolle mit ihrer ungerechten Forderung nur ihr Verbrechen vor der Welt verbergen, Der Streit kam vor die Stadtrichter, und weil hier wiederum die böse Frau das Wort an sich riß, die rechte Mutter aber vor Scham verstummte, wurde sie wegen Kindesmord verurteilt und sollte ihr Leben verlieren. Weil aber den Richtern bei ihrem Urteil ein letzter Zweifel blieb, bewilligten sie ihr die Gnade, in den unterirdischen Gang hinunterzusteigen. Käme sie dort lebend heraus, so solle ihr die Strafe erlassen werden. Sie müsse aber ein Zeichen mitbringen, daß sie wirklich in die letzte Tiefe hinabgestiegen sei

 

Da verließ sich die rechte Mutter auf Gottes Beistand und schritt in die tiefe Dunkelheit hinein. Alls sie sich lange vorwärts getappt hatte und kein Laut war um sie als zuweilen ein Tropfen von dem nassen Stein und ihres eigenen Blutes Rauschen im Ohr, meinte sie, vor sich eine leichte Helligkeit zu sehen. Schon glaubte sie, das sei das Ende des Ganges, aber es war der Schein einer Lampe aus einem weiten Saal. Dort saß an einem Bett eine schöne Jungfrau und nähte mühsam und mit  Tränen an einern Gewand. In dem Bett aber schlief ein ungeheurer Drache; aus dessen Nüster kam es wie Schwefeldampf. Von seinen Lefzen tropfte giftiger Geifer nieder. Kaum sah die Jungfrau die Frau aus der Erdenwelt, da hob sie ihren Finger an den Mund und flüsterte ihr zu, daß es ein Glück für sie sei, daß Ihr Gebieter schlafe. Denn er sei ein mächtiger Zauberer und habe sie, die einstmals des Schloßherrn schöne Tochter gewesen, hierher verbannt, damit er Gesellschaft habe.  Jeden lebenden Menschen aber werde er ohne Verzug auffressen. Da bat die rechte Mutter um ein Wahrzeichen, das sie ihren Richtern zeigen könne. Sehr behutsam zupfte nun die schöne Jungfrau ein paar Strohhalme aus des Drachen Bett, band sie zu einem dünnen Seil zusammen und legte es der Mutter um die Brust Dann drängte sie, sie solle gehen; denn der Drache hatte sich schon einmal schnaubend umgewandt.

 

Die Frau ging den selben Weg zurück, und es war ihr, als ginge von dem Strohseil ein Leuchten aus. so daß sie sicher gehen konnte. Schon sah sie vor sich einen blassen Schein des Tageslichts, da hörte sie es gräßlich hinter sich schnauben und herantosen. Sie rannte vorwärts, um dem Drachen zu entkommen, der gleich beim Erwachen gemerkt hatte, daß ein lebendiger Mensch in seiner Höhle gewesen war, und nun das Opfer jagen wollte. Mit letzter Kraft erreichte die Unglückliche das Tageslicht, in das der Drache ihr nicht folgen konnte.

 

Mit Staunen hörten nun die Richter und das ganze Volk, was die Mutter erzählte, Und als sie das Strohseil abnehmen wollte, um es als das verlangte Zeichen vorzuweisen, war es in einen goldenen Ring verwandelt. Da sahen alle, wer die rechte Mutter war, und sie ergriffen die Schuldige, die nun nicht mehr leugnete und ihre gerechte Strafe empfing.