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Gefangenschaft II./Artillerie Regiment 117
Kriegstagebuch
Dezember 1941 bis Januar 1943 Chronik
Mai 1943 bis zur Vernichtung am 12. Mai 1944 Prütznow
von März 1945 bis Mai 1946, ein Tagebuch von Brunhilde Dallmann Familie Kaiser aus Prütznow und
Labes Stammbaum der Familien Kaiser
und Eitzen und
Treffen in der Lüneburger Heide |
Erinnerungen
an meine Labeser Schulzeit
Ostern 1929 wurde ich
in der Höheren Privatschule für Mädchen im Alter von 5 ¾ Jahren ein Jahr zu
früh, da der Stichtag der 30.6. war, ich aber erst am 29.7. geboren bin,
eingeschult. Da ich in Prütznow
(Hühnerfarm) wohnte, musste ich
morgens entweder mit dem Schivelbeiner oder mit dem Klüter nach Labes fahren
und mittags wieder zurück, je nach Schulbeginn oder –ende. Wenn die Schule
mal früher aus war, ging ich zu meinen Großeltern Franz Müller, Haushalts-
und Eisenwarengeschäft am Markt, später Hugo Plath, und aß dort oft auch Mittag. Unsere Klassenlehrerin
war Fräulein Große, oder wie wir sie liebevoll nannten, Tante Große. Wir
haben viel und gerne bei ihr gelernt.
Eines Tages hatte ich ein Einmaleins nicht gelernt und musste deswegen einige
Tage lang in der großen Pause am Lehrerzimmer antanzen, um ein Einmaleins
aufzusagen. Die Mädchen der Klasse sorgten dafür, dass ich auch wirklich hinging.
– Ein andermal sollte ich am 1. März nachsitzen. Ich erklärte, dass das nicht
ginge, da meiner Großtante Geburtstag hätte. Das Nachsitzen wurde mir
erlassen. Aber die Mädchen hatten beobachtet, dass ich zur normalen Zeit zum
Bahnhof ging, sie petzten. Aber es stimmte mit dem Geburtstag, doch ich
erklärte: „Ja, sie hatte Geburtstag, aber sie ist schon tot.“ Damit war der
Fall erledigt. Von der Sexta ab hatten
wir Herrn Meisemann als Lehrer. Er trug die damals üblichen losen
Hemdmanschetten. Und er prügelte gerne, natürlich nur bei den Jungen. Dabei
passierte es dann zu unserer aller Gaudi schon mal, dass ihm eine Manschette
weg flog. Ein anderer Lehrer war
Herr Stock. Er war sehr beliebt. Leider musste er Anfang der 30er Jahre die
Schule verlassen. Die Gründe blieben uns verwehrt. Er konnte sich nicht
verabschieden. Da ging die ganze Klasse eines Mittags zu ihm nach Hause und
verabschiedete sich von ihm und überreichten ihm als Dank eine Tischuhr. Er
ging an eine Privatschule nach Stolzenberg bei Schivelbein. Hans Bartholomäus
und ich wollten ihn dort einmal unangemeldet besuchen. Kurz vor Stolzenberg
kam er uns im Auto entgegen, hatte aber leider keine Zeit für uns. So mussten
wir mit unseren Fahrrädern unverrichteter Dinge umkehren. 1935 kam dann Dirk
Drewes nach Labes und wurde unser Klassenlehrer. Er war Nationalsozialist und
erschien an den Tagen, an denen wir in Jungvolk- oder Jungmädchenuniform zur
Schule kommen mussten, in SA-Uniform. Aber er wurde auch
Jungvolk-Fähnleinführer. In dieser Eigenschaft wurde er von den Jungen
geduzt, auch in der Schule. Er führte dann ein, dass ihn alle, auch die
Mädchen, duzen durften. Seiner Autorität hat das nie geschadet. Er hat mit
uns viel außerhalb der Schule unternommen. In den Sommerferien
1936 machten wir eine Fahrt ins Riesengebirge und die Sächsische Schweiz. Wir
wanderten auf die Schneekoppe und an die tschechische Grenze. Als
einheitliche Kleidung trugen wir eine abgespeckte Jungvolkuniform, nur
Jungvolkhose und –Hemd ohne Zutaten. Deswegen wurden wir in einer schlesischen Stadt von einem HJ-Führer
angepöbelt. Wie dessen Unterhaltung mit Dirk ausgegangen ist, weiß ich nicht,
aber es ließ sich ja nichts ändern. Im nächsten Jahr fuhren
wir in die Lüneburger Heide, wanderten dort, und fuhren dann nach Oxstedt bei
Cuxhaven, seinem Heimatort. Von dort aus gingen wir mit einem Fischer bei
Ebbe ins Watt und fingen einen Korb voll Krabben, die gekocht und abends in
der Schule von Dirks Vater gepult wurden. Normal übernachteten wir in
Jugendherbergen, in Oxstedt aber im Heu in einer Scheune. Ein tolles
Erlebnis. Für diese Fahrt war bei Grall in Labes ein grüner Stoff für
Jungen-Hemden und ein Stoff für Mädchen-Kleider ausgesucht worden, und wir
trugen also eine neutrale gemeinsame Kleidung. In Oxstedt waren meine
Klassenkameraden dann so freundlich, mir mein Hemd im Heu zu verstecken, so
dass ich den Rest der Reise in dem einzigen mitgenommenen weißen Hemd fahren
musste, das dann auch entsprechend aussah. Jahre später wurde mir mein Hemd
aus Oxstedt zugeschickt. Dann ging es nach
Cuxhaven. Von dort aus wanderten wir durch das Watt zur Insel Neuwerk, wo wir
auch wieder im Heu übernachten mussten. Am nächsten Tag ging es wieder zurück
und weiter nach Hamburg. Dort übernachteten wir auf dem Segelschulschiff
„Gorg Fock“ (oder „Hein Godenwind“ ?), das als Jugendherberge diente. Zünftig
wurden wir morgens mit Trillerpfeife und „Reise, Reise“ geweckt. Wir gingen
zu Hagenbeck und bestiegen den Michel. Mit dem Dampfer fuhren wir nach
Helgoland und übernachteten auch dort. Als wir am nächsten Abend sehr spät
nach Hamburg zurückkamen, war die Gorg Fock bereits geschlossen. Wir mussten
auf dem Bahnhof übernachten. Anschließend ging es nach Hause. Soweit mir
erinnerlich ist, kostete diese Fahrt 20 Reichsmark, für die meisten damals
schon eine happige Summe. Einen Tagesausflug
machten wir mit der Bahn nach Glietzig. Es war kein schöner Tag, so dass wir
dort in den Saal einer Gaststätte gingen. Da rief ich meine Eltern an und wir
fuhren mit dem nächsten Zug zu uns nach Prütznow. Dort wurde die Klasse
bewirtet und wir haben schöne Spiele gemacht, bis abends die Rückfahrt nach
Labes angetreten wurde. 3 Tage fuhren wir mit
dem Rad durch die Pommersche Schweiz. Übernachtet wurde in mitgenommenen
Zelten, einmal bei Tempelburg an einem See, einmal bei Bad Polzin. Die Zelte
mussten aus mitgenommenen Zeltbahnen aufgebaut werden. Es gab abends ein
Lagerfeuer, das die Wache, zu der die Jungen eingeteilt wurden, über Nacht in
Gang halten mussten. Mittags gab es an einem Tag Erbssuppe aus Erbswürsten. Einmal radelten wir an
den Enzigsee nach Nörenberg. Dort wurden wir von einem Gewitter überrascht
und mussten in der Jugendherberge übernachten. Die telefonisch erreichbaren
Eltern wurden benachrichtigt, die wiederum die anderen Eltern benachrichtigen
mussten. Der Abend verging mit Spielen, wie z.B. „Der Platz zu meiner Rechten
ist leer. Ich wünsche mir „....her.“ Dabei wurde den Vornamen die
Verkleinerungsform „..chen“ angehängt. Ich wünschte mir immer ein bestimmtes
Mädchen mit langen Zöpfen her, das ich mit „Giselaleinchen“ rief. Zu der Einweihung der
Ordensburg Krössinsee bei Tempelburg kam Hitler. Dazu radelten wir schon sehr
früh morgens nach Tempelburg und ergatterten einen Platz auf dem Flachdach
eines Schuppens am Bahnhof. Bei der Einfahrt des Zuges waren alle Fenster
verhängt. Später fuhr Hitlers Wagenkolonne an uns vorbei. Er bemerkte uns
nicht, aber Rudolf Hess hatte zu uns aufgesehen. Glücklich fuhren wir abends
wieder nach Hause. Im Herbst 1937 verließ
Dirk Drewes Labes, um an eine Schule in Feldafink zu gehen. Die Schule in Labes
ging ja nur bis zur Obertertia. Es mussten alle danach wechseln, die Jungen
meisten nach Schivelbein auf die dortige Oberschule für Jungen, die Mädchen
nach Stargardt, da es dort einen hauswirtschaftlichen Zweig, also das
„Puddingabitur“ gab. Da Dirk ½ Jahr vor dem notwendigen Wechsel Labes
verließ, beschlossen die Väter von Hans Bartholomäus und mir, dass wir zur
gleichen Zeit schon nach Schivelbein gehen sollten, um einen zweimaligen
Lehrerwechsel in so kurzer Zeit zu vermeiden. Die dort schwierige
Aufnahmeprüfung schafften wir zum Glück. Dirk kam noch einige
Mal nach Labes zurück, weniger um uns zu sehen, sondern da gab es eine
Kollegin, Fräulein Kankeleit, die er später geheiratet hat und mit der er bis
zu deren sehr frühen Tod eine glückliche Ehe führte. Bei einem dieser
Labes-Besuche 1938 oder 1939 hat er dann mit seiner alten Klasse nochmal eine
Wanderung zu einem Badesee bei Labes gemacht. Diese gemeinsame Zeit
mit Dirk Drewes war nicht zuletzt Anlass, dass sich einige ehemalige Schüler
der Klasse nach dem Krieg wieder trafen, einmal bei Ursel Marquardt, dann bei
Gisela Harder und Hans Bartholomäus und ein viertes Mal bei einem Labeser
Treffen in Hannover. Zu diesem Treffen kam auch Dirk, der in Wentorf bei
Hamburg wohnte. Dirk hatte nach dem
Krieg zunächst in der Landwirtschaft arbeiten müssen, wurde aber bald in den
Höheren Schuldienst in Hamburg übernommen. Wenn meine Frau und ich
unsere in Hamburg lebende Tochter, besuchten, haben wir drei jahrelang jedes
Jahr einmal auch Dirk besucht. Er war geistig und körperlich bis zu seinem
Tod sehr rüstig. Die Stunden bei ihm waren für uns immer ein Hochgenuss. Bei
einem dieser Besuche habe ich ihn auch angesprochen, ob ihm seine
nationalsozialistische Vergangenheit nicht geschadet hätte. Er sagte, dass er
nicht so überzeugter Nationalsozialist war und dass er z.B. die Tätigkeit im
Jungvolk übernommen hätte, weil er einen zu starken nationalsozialistischen
Einfluss verhindern wollte. Auch später in Feldafink hätte er nicht auf der
Linie gelegen und starke Schwierigkeiten gehabt. Zuletzt haben wir ihn 1996 besucht. Er war
damals 90 Jahre alt. Am 8.2.1997 starb er. Gisela Harder, Hans Weigert, meine
Frau und ich fuhren extra zu seiner Beerdigung nach Wentorf.
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