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Erinnerungen an meine Labeser Schulzeit

 

Ostern 1929 wurde ich in der Höheren Privatschule für Mädchen im Alter von 5 ¾ Jahren ein Jahr zu früh, da der Stichtag der 30.6. war, ich aber erst am 29.7. geboren bin, eingeschult. Da ich in Prütznow  (Hühnerfarm) wohnte, musste  ich morgens entweder mit dem Schivelbeiner oder mit dem Klüter nach Labes fahren und mittags wieder zurück, je nach Schulbeginn oder –ende. Wenn die Schule mal früher aus war, ging ich zu meinen Großeltern Franz Müller, Haushalts- und Eisenwarengeschäft am Markt, später Hugo Plath, und aß dort oft  auch Mittag.

Unsere Klassenlehrerin war Fräulein Große, oder wie wir sie liebevoll nannten, Tante Große. Wir haben   viel und gerne bei ihr gelernt. Eines Tages hatte ich ein Einmaleins nicht gelernt und musste deswegen einige Tage lang in der großen Pause am Lehrerzimmer antanzen, um ein Einmaleins aufzusagen. Die Mädchen der Klasse sorgten dafür, dass ich auch wirklich hinging. – Ein andermal sollte ich am 1. März nachsitzen. Ich erklärte, dass das nicht ginge, da meiner Großtante Geburtstag hätte. Das Nachsitzen wurde mir erlassen. Aber die Mädchen hatten beobachtet, dass ich zur normalen Zeit zum Bahnhof ging, sie petzten. Aber es stimmte mit dem Geburtstag, doch ich erklärte: „Ja, sie hatte Geburtstag, aber sie ist schon tot.“ Damit war der Fall erledigt.

Von der Sexta ab hatten wir Herrn Meisemann als Lehrer. Er trug die damals üblichen losen Hemdmanschetten. Und er prügelte gerne, natürlich nur bei den Jungen. Dabei passierte es dann zu unserer aller Gaudi schon mal, dass ihm eine Manschette weg flog.

Ein anderer Lehrer war Herr Stock. Er war sehr beliebt. Leider musste er Anfang der 30er Jahre die Schule verlassen. Die Gründe blieben uns verwehrt. Er konnte sich nicht verabschieden. Da ging die ganze Klasse eines Mittags zu ihm nach Hause und verabschiedete sich von ihm und überreichten ihm als Dank eine Tischuhr. Er ging an eine Privatschule nach Stolzenberg bei Schivelbein. Hans Bartholomäus und ich wollten ihn dort einmal unangemeldet besuchen. Kurz vor Stolzenberg kam er uns im Auto entgegen, hatte aber leider keine Zeit für uns. So mussten wir mit unseren Fahrrädern unverrichteter Dinge umkehren.

1935 kam dann Dirk Drewes nach Labes und wurde unser Klassenlehrer. Er war Nationalsozialist und erschien an den Tagen, an denen wir in Jungvolk- oder Jungmädchenuniform zur Schule kommen mussten, in SA-Uniform. Aber er wurde auch Jungvolk-Fähnleinführer. In dieser Eigenschaft wurde er von den Jungen geduzt, auch in der Schule. Er führte dann ein, dass ihn alle, auch die Mädchen, duzen durften. Seiner Autorität hat das nie geschadet. Er hat mit uns viel außerhalb der Schule unternommen.

In den Sommerferien 1936 machten wir eine Fahrt ins Riesengebirge und die Sächsische Schweiz. Wir wanderten auf die Schneekoppe und an die tschechische Grenze. Als einheitliche Kleidung trugen wir eine abgespeckte Jungvolkuniform, nur Jungvolkhose und –Hemd ohne Zutaten. Deswegen wurden wir in einer  schlesischen Stadt von einem HJ-Führer angepöbelt. Wie dessen Unterhaltung mit Dirk ausgegangen ist, weiß ich nicht, aber es ließ sich ja nichts ändern.

Im nächsten Jahr fuhren wir in die Lüneburger Heide, wanderten dort, und fuhren dann nach Oxstedt bei Cuxhaven, seinem Heimatort. Von dort aus gingen wir mit einem Fischer bei Ebbe ins Watt und fingen einen Korb voll Krabben, die gekocht und abends in der Schule von Dirks Vater gepult wurden. Normal übernachteten wir in Jugendherbergen, in Oxstedt aber im Heu in einer Scheune. Ein tolles Erlebnis. Für diese Fahrt war bei Grall in Labes ein grüner Stoff für Jungen-Hemden und ein Stoff für Mädchen-Kleider ausgesucht worden, und wir trugen also eine neutrale gemeinsame Kleidung. In Oxstedt waren meine Klassenkameraden dann so freundlich, mir mein Hemd im Heu zu verstecken, so dass ich den Rest der Reise in dem einzigen mitgenommenen weißen Hemd fahren musste, das dann auch entsprechend aussah. Jahre später wurde mir mein Hemd aus Oxstedt zugeschickt.

Dann ging es nach Cuxhaven. Von dort aus wanderten wir durch das Watt zur Insel Neuwerk, wo wir auch wieder im Heu übernachten mussten. Am nächsten Tag ging es wieder zurück und weiter nach Hamburg. Dort übernachteten wir auf dem Segelschulschiff „Gorg Fock“ (oder „Hein Godenwind“ ?), das als Jugendherberge diente. Zünftig wurden wir morgens mit Trillerpfeife und „Reise, Reise“ geweckt. Wir gingen zu Hagenbeck und bestiegen den Michel. Mit dem Dampfer fuhren wir nach Helgoland und übernachteten auch dort. Als wir am nächsten Abend sehr spät nach Hamburg zurückkamen, war die Gorg Fock bereits geschlossen. Wir mussten auf dem Bahnhof übernachten. Anschließend ging es nach Hause. Soweit mir erinnerlich ist, kostete diese Fahrt 20 Reichsmark, für die meisten damals schon eine happige Summe.

Einen Tagesausflug machten wir mit der Bahn nach Glietzig. Es war kein schöner Tag, so dass wir dort in den Saal einer Gaststätte gingen. Da rief ich meine Eltern an und wir fuhren mit dem nächsten Zug zu uns nach Prütznow. Dort wurde die Klasse bewirtet und wir haben schöne Spiele gemacht, bis abends die Rückfahrt nach Labes angetreten wurde.

3 Tage fuhren wir mit dem Rad durch die Pommersche Schweiz. Übernachtet wurde in mitgenommenen Zelten, einmal bei Tempelburg an einem See, einmal bei Bad Polzin. Die Zelte mussten aus mitgenommenen Zeltbahnen aufgebaut werden. Es gab abends ein Lagerfeuer, das die Wache, zu der die Jungen eingeteilt wurden, über Nacht in Gang halten mussten. Mittags gab es an einem Tag Erbssuppe aus Erbswürsten.

Einmal radelten wir an den Enzigsee nach Nörenberg. Dort wurden wir von einem Gewitter überrascht und mussten in der Jugendherberge übernachten. Die telefonisch erreichbaren Eltern wurden benachrichtigt, die wiederum die anderen Eltern benachrichtigen mussten. Der Abend verging mit Spielen, wie z.B. „Der Platz zu meiner Rechten ist leer. Ich wünsche mir „....her.“ Dabei wurde den Vornamen die Verkleinerungsform „..chen“ angehängt. Ich wünschte mir immer ein bestimmtes Mädchen mit langen Zöpfen her, das ich mit „Giselaleinchen“ rief.

Zu der Einweihung der Ordensburg Krössinsee bei Tempelburg kam Hitler. Dazu radelten wir schon sehr früh morgens nach Tempelburg und ergatterten einen Platz auf dem Flachdach eines Schuppens am Bahnhof. Bei der Einfahrt des Zuges waren alle Fenster verhängt. Später fuhr Hitlers Wagenkolonne an uns vorbei. Er bemerkte uns nicht, aber Rudolf Hess hatte zu uns aufgesehen. Glücklich fuhren wir abends wieder nach Hause.

 

Im Herbst 1937 verließ Dirk Drewes Labes, um an eine Schule in Feldafink zu gehen.

Die Schule in Labes ging ja nur bis zur Obertertia. Es mussten alle danach wechseln, die Jungen meisten nach Schivelbein auf die dortige Oberschule für Jungen, die Mädchen nach Stargardt, da es dort einen hauswirtschaftlichen Zweig, also das „Puddingabitur“ gab. Da Dirk ½ Jahr vor dem notwendigen Wechsel Labes verließ, beschlossen die Väter von Hans Bartholomäus und mir, dass wir zur gleichen Zeit schon nach Schivelbein gehen sollten, um einen zweimaligen Lehrerwechsel in so kurzer Zeit zu vermeiden. Die dort schwierige Aufnahmeprüfung schafften wir zum Glück.

Dirk kam noch einige Mal nach Labes zurück, weniger um uns zu sehen, sondern da gab es eine Kollegin, Fräulein Kankeleit, die er später geheiratet hat und mit der er bis zu deren sehr frühen Tod eine glückliche Ehe führte.

Bei einem dieser Labes-Besuche 1938 oder 1939 hat er dann mit seiner alten Klasse nochmal eine Wanderung zu einem Badesee bei Labes gemacht.

 

Diese gemeinsame Zeit mit Dirk Drewes war nicht zuletzt Anlass, dass sich einige ehemalige Schüler der Klasse nach dem Krieg wieder trafen, einmal bei Ursel Marquardt, dann bei Gisela Harder und Hans Bartholomäus und ein viertes Mal bei einem Labeser Treffen in Hannover. Zu diesem Treffen kam auch Dirk, der in Wentorf bei Hamburg wohnte.

Dirk hatte nach dem Krieg zunächst in der Landwirtschaft arbeiten müssen, wurde aber bald in den Höheren Schuldienst in Hamburg übernommen.

Wenn meine Frau und ich unsere in Hamburg lebende Tochter, besuchten, haben wir drei jahrelang jedes Jahr einmal auch Dirk besucht. Er war geistig und körperlich bis zu seinem Tod sehr rüstig. Die Stunden bei ihm waren für uns immer ein Hochgenuss. Bei einem dieser Besuche habe ich ihn auch angesprochen, ob ihm seine nationalsozialistische Vergangenheit nicht geschadet hätte. Er sagte, dass er nicht so überzeugter Nationalsozialist war und dass er z.B. die Tätigkeit im Jungvolk übernommen hätte, weil er einen zu starken nationalsozialistischen Einfluss verhindern wollte. Auch später in Feldafink hätte er nicht auf der Linie gelegen und starke Schwierigkeiten gehabt.

 

 Zuletzt haben wir ihn 1996 besucht. Er war damals 90 Jahre alt. Am 8.2.1997 starb er. Gisela Harder, Hans Weigert, meine Frau und ich fuhren extra zu seiner Beerdigung nach Wentorf.

 

Klassenausflug 1937 mit Dirk Drewes in die Lüneburger Heide und an die Nordsee

Die Teilnehmer

Von links: Erika Schmidt, Ilse Leingärtner, Ursel Marquardt, Ruth Schmidt, Grete Kließ, ?, Dr. Lütgen, Gerda Biedermann, Dirk Drewes, Horst Kaiser, Willi Krüger, Jürgen Hinz, Hans Weigert, Martin Lutter, Brüder Dallmann

 

 

Hünengrab bei Fallingbostel

Wattwanderung von Cuxhaven-Duhnen zur Insel Neuwerk

Nach dem Krabbenfang in den Prielen vor Oxstedt

Weitere Bilder dieser Fahrt und der Klasse auch aus der Nachkriegszeit in besserer Qualität: http://picasaweb.google.de/hokaiser/KlasseLabes