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Schwessin Kreis Köslin Aus dem „Strandboten des Heimatkreises Köslin-Bublitz“ Heft 18/2008 Seite 4: Professor
Dr. Dr. Ernst Pöppel Ein
international führender Hirnforscher aus Schwessin Bereits in mehreren Ausgaben des Strandboten, wie in Nr. 7 10 u. 13,
haben wir aus und über Schwessin aus alter und neuer Zeit berichtet. Mit
großer Freude können wir Ihnen jetzt einen Bauernsohn aus Schwessin
vorstellen, der mit Sicherheit zur berühmtesten Persönlichkeit aus diesem
Dorf in unserem Heimatkreis geworden ist, den international führenden
Hirnforscher Prof. Dr. phil. Dr. med. habil. Ernst Pöppel Mozartstrasse 1;
82049 Pullach. Er hat die Verbindung zu seinen ursprünglichen Wurzeln nicht verloren
und beschreibt im folgenden Artikel von 2008 sehr anschaulich seinen
Lebensweg. U. P Sich neu verwurzeln: Ernst Pöppel
Im
Frühjahr 1946 wurden wir wie viele andere in Köslin in einen Zug verfrachtet der
uns in Richtung Westen transportierte. Ich denke immer noch mit Schrecken an diese
Reise, die für einige Tage in Stettin unterbrochen wurde. Mit sehr viel Glück,
das mich seit jenen Tagen begleitet hat, landeten wir auf einem Bauernhof in
der Nähe von Hamburg, in dem kleinen Dorf Timmerhorn, wurden wie sehr
freundlich aufgenommen. Wir waren zu dritt: Meine Mutter mit meinem jüngeren
Bruder und mir. Als wir vor der Tür standen, war die Frage, wo denn unser
Gepäck sei; wir hatten nur das, was ich selber mit meinem knapp 6 Jahren, und
was die Mutter mit dem kleinen Kind auf dem Arm noch zusätzlich tragen
konnte. Es war wenig, aber dennoch genug. Ich wuchs mit den Worten auf. Alles
was Du besitzt, ist in deinem Kopf. Die Mutter war keine im üblichen Sinn
gebildete Frau, sodass sie den Satz aus der Antike wohl nicht kannte: Omnia
mea mecum porto ‑ alle meine Habe trage ich bei mir. Es galt also,
etwas zu lernen, denn der Kopf war am Anfang noch ziemlich leer. Wir hatten die pommersche Heimat in Schwessin verlassen, einem Dorf einige Kilometer südlich von Köslin. Ich komme von einem Bauernhof, und ich wäre, wenn der Krieg es nicht verhindert hätte, Bauer geworden, denn ich war der älteste Sohn. Mein Vater war als einfacher Soldat vom ersten Tag an im Krieg, und er ist kurz vor Kriegsende in Russland umgekommen. Vom Tod des Vaters haben wir erst 1951 gehört; bis dahin gingen wir mit einer gewissen Selbstverständlichkeit davon aus, dass er zurückkehren würde. Obwohl nun alles in einer fernen Vergangenheit liegt, so ist es mir doch wichtig zu wissen, wer meine Vorfahren waren und wo sie gelebt haben, und ich freue mich, dass dies bei meinen Kindern und Enkelkindern auch so ist. Mein Großvater, Friedrich Pöppel, kam aus Mersin, dem Nachbarort von Schwessin, und manche in Mersin erinnern sich heute noch an den "Pöppel‑Hof'. Mein Urgroßvater, Bernhard Pöppel, 1804 in Mersin geboren, hatte 16 Kinder, allerdings nicht alle mit derselben Frau, denn Frauen starben früher nicht selten bei der Geburt eines Kindes. Vor kurzem habe ich mir den Hof in Mersin angeschaut, der leider nun etwas verfallen ist; doch ich konnte mir gut vorstellen, wie man früher dort gelebt hat, und wenn auch nicht wohlhabend, so doch würdevoll. Der Hof in Schwessin, auf dem ich geboren wurde, ist gleich nach dem Krieg abgebrannt. Ich habe vor dreißig Jahren, als ich das erste Mal in die Heimat zurückfuhr, eine Kachel von einem Backofen, an den ich mich noch gut erinnern kann, mitgenommen, und ein Stück Holz von einem Gartentor. Jetzt steht dort eine Fabrik. Ein anderer Nachbarort von Schwessin ist Streckenthin, mit dem schlossähnlichen Gebäude des bekannten Kartoffelzüchters v. Kameke. Heute ist dort ein recht attraktives Hotel eingerichtet, und der Zufall wollte es, dass ich hier inzwischen zwei Mal eine wissenschaftliche Konferenz zusammen mit einer Kollegin aus Warschau organisiert habe. Es war allerdings mehr als Zufall: Bei einem Besuch wollte ich unbedingt dieses Schloss wieder sehen, denn unmittelbar nach Kriegsende war ich dort schon einmal, nämlich als Patient. Ich hatte mir leider einen Arm gebrochen, und in Streckenthin gab es eine gewisse ärztliche Versorgung. Als ich viele Jahre später diesen Ort sah, fasste ich den Entschluss, mich gleichsam mit der Vergangenheit zu versöhnen, indem hier Wissenschaftler aus der ganzen Welt zusammen kommen, hauptsächlich aber aus Polen, Russland und Deutschland. Damit ist gesagt, dass ich aufgrund des Abrisses meiner Vergangenheit, eben nicht Bauer werden zu können, etwas anderes machen musste; ich wurde Wissenschaftler, und ich bin es immer noch. Dieser Weg dorthin war nicht einfach, doch nicht deshalb, weil die Wissenschaft so besonders schwierig ist, sondern weil mein unmittelbares Umfeld in meiner Kindheit und Jugend kein Verständnis dafür hatte, dass ich immer noch zur Schule ging (auf das Gymnasium), und dann auch noch auf die Universität. Ich müsste doch schon längst Geld verdienen, meinten viele. Doch ich dachte immer an das Kapital, auf das mich meine Mutter hingewiesen hatte: Alles, was Du hast, das ist in Deinem Kopf; ich vermute, dass sie das Gehirn meinte. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass ich deshalb "Hirnforscher" geworden bin, also mir zum Ziel gesetzt habe, heraus zu bekommen, was eigentlich im Kopf, also im Gehirn, vor sich geht. Dieser Weg dorthin, also Wissenschaftler zu werden, schließlich eine Position als Professor zu bekleiden, dies ist kein direkter Weg, und er war auch nur möglich, weil ich sehr oft vom Glück gesegnet war; natürlich geht manches auch daneben, doch zufällige Ereignisse haben mir immer wieder neue Wege eröffnet. Ein solcher Zufall war es zum Beispiel, dass in Timmerhorn, dem Dorf, wo wir nach dem Krieg lebten, der Mörder Peter Steinhauer wohnte, bis er hingerichtet wurde; im übrigen wohl der letzte in Deutschland Hingerichtete; die Todesstrafe galt noch einige Jahre nach Kriegsende. Seine Frau meinte, das Dorf verlassen zu müssen, und so hatten wir plötzlich ein recht schönes Haus mit viel Platz, einem großen Garten und Büchern, wie der Bibel, in welcher der Mörder vor seiner Hinrichtung viel gelesen hatte, und ich studierte nun als recht junger Mensch die Anmerkungen eines Mörders in einer Bibel. Ohne Frage hinterlässt eine solche Lektüre einen bleibenden Eindruck im Gehirn eines jungen Menschen. (Leider scheint diese Bibel verloren gegangen zu sein; hätte ich doch damals beurteilen können, was für ein wertvolles Dokument ich in den Händen hatte, also die Auseinandersetzung eines auf den Tod Wartenden mit religiösen Fragen). So lebten wir also einige Zeit in angenehmer Umgebung, mit der Urne der Asche eines Mörders im Garten, und ich besuchte eine Zwergschule im Nachbardorf. Dann begann der Ernst des Lebens, oder besser ein "anderer Ernst". Ich bestand die Aufnahmeprüfung in ein Gymnasium, und ich musste in ein Internat. Da mit der Rückkehr meines Vaters aus dem Krieg nicht mehr zu rechnen war, wurde der Mittelpunkt des Lebens nach Süddeutschland verlegt, und ich hatte mich in völlig neuer Umgebung zu bewähren. Was heute gerne vergessen wird, ist die Tatsache, dass im Westen oder auch im Süden niemand auf uns Flüchtlinge oder Vertriebene aus dem Osten gewartet hatte. Wir waren Fremdlinge, und wir mussten uns in einer neuen Welt anpassen. Dies war schwer für die Älteren, das war auch schwer für die Kinder. Ich musste lernen, mich durchzubeißen; es ging darum, in dem Internat in Freiburg zu überleben. Ich hatte insofern Glück, als ich ein guter Schüler war, was mir bei der Internatsleitung Pluspunkte einbrachte; doch wichtiger war, sich im Sport zu bewähren, was einem die Akzeptanz der Gleichaltrigen einbringt. Für mich ist die sportliche Tätigkeit immer wichtig geblieben. In der Jugend war ich ein guter Leichtathlet; dann spielte ich recht viel Tennis, war einige Male bayerischer Ärztemeister im Squash, habe viel gesegelt, und jetzt versuche ich Golf zu spielen, allerdings mit nur dürftigem Erfolg. Und dann gehe ich sehr gerne; Gehen ist für mich eine kreative Tätigkeit. Wenn ich ein Buch schreibe, oder wenn ich über ein schwieriges Problem in der Forschung nachdenke, dann muss ich gehen; beim energischen Gehen, zwei Schritte pro Sekunde und etwas bergauf, habe ich die besten Einfälle. Nach dem Abitur begann ich Geisteswissenschaften zu studieren, doch das gefiel mir überhaupt nicht, sodass ich mich bei der Marine bewarb, um Offizier zu werden. Doch diese Karriere war schnell zu Ende, obwohl ich diese Zeit nicht missen möchte, wie beispielsweise auf dem Schulschiff "Gorch Fock". Ich wurde nach knapp zwei Jahren entlassen, weil ich offenbar politisch unzuverlässig war; ich hatte mich schriftlich dagegen geäußert, dass die Bundeswehr Kontrolle über atomare Waffen erhalten solle, was damals diskutiert wurde. Anfang der Sechziger Jahre war eine politisch brisante Zeit im Kalten Krieg, in die der Mauerbau in Berlin fällt; möglich ist, dass man dachte, ich sei ein Spion, da ich ja aus dem Osten kam. Was für ein Missverständnis; ich hatte nur meine Meinung geäußert, doch man sieht daraus, welche Nervosität damals herrschte. Also musste ich wieder von vorne beginnen, und ich studierte nun Psychologie und Biologie. Dabei hatte ich das Glück, schon während des Studiums in einem Forschungsinstitut arbeiten zu können, und ich machte dort einige Entdeckungen, über die ich noch heute stolz bin. Wenn ich jetzt im Alter von 68 Jahren zurückschaue, dann kann ich feststellen, dass es meist zufällige Ereignisse waren, die mir den Weg in meiner wissenschaftlichen Laufbahn geebnet haben. Doch wichtig war, die sich zufällig bietenden Möglichkeiten auch zu nutzen. Als ich meinen Doktortitel in Innsbruck erworben hatte, bot sich plötzlich die Möglichkeit, an einer der besten Universitäten in der Welt zu arbeiten, nämlich dem Massachusetts Institute of Technology, oder kurz dem MIT, in Cambridge/USA. Diese Jahre sind für mich prägend geworden, und ich kann sagen, dass nach jetzt mehr als drei Jahrzehnten ich immer noch engste persönliche Bindungen dorthin habe. Wenn man einigermaßen erfolgreich an einer solchen Universität arbeitet, und wenn man sich nicht zu dumm verhält, dann kann es nicht ausbleiben, interessante Angebote zu bekommen. So wurde ich 1976 Professor für medizinische Psychologie in München, und bin es mit einer kleinen Unterbrechung seit dieser Zeit immer noch. Ich war für einige Jahre der jüngste Professor in der medizinischen Fakultät, und nun bin ich seit einiger Zeit der älteste. Die Unterbrechung bezieht sich auf eine Zeit in den Neunziger Jahren, als ich Vorstand im Forschungszentrum Jülich war. Ich wurde gleichsam für 5 Jahre von der bayerischen Staatsregierung an die Bundesregierung "ausgeliehen", um dort interdisziplinäre Forschung aufzubauen. Ich war dort zuständig für die Lebenswissenschaften, insbesondere Medizin, Hirnforschung und Biotechnologie; hinzu kam die Verantwortung für die Umweltforschung. Doch nach diesem eher politischen Amt als Vorstand in einem der größten europäischen Forschungszentren wollte ich wieder an die Universität zurück; ich brauche die Nähe zu den Studenten, den Kollegen, die unmittelbare Auseinandersetzung mit Themen der Forschung, was man als Vorstand eines Zentrums mit mehreren Tausend Mitarbeitern typischerweise nicht hat. Nach meiner Rückkehr in die Welt der Forschung und Lehre gründete ich das "Humanwissenschaftliche Zentrum" (HWZ) der Universität München, in dem interdisziplinär und vor allem auch international Forschung betrieben wird. So kommt es, dass ich in letzter Zeit häufig in Ostasien bin. Seit einigen Jahren bin ich auch Professor an der Peking‑Universität, ich arbeite mit Kollegen in Japan zusammen, andere wissenschaftliche Fragestellungen führen mich nach St. Petersburg oder Warschau. Moderne Forschung ist völlig globalisiert, und dies seit Jahren; Wissenschaftler haben sich nie besonders um staatliche Grenzen gekümmert. In dem von mir geleiteten Institut in München haben bisher Forscher aus mehr als 40 Ländern gearbeitet. Wenn man über den Flur des Institutes geht, dann hört man plötzlich in einem Raum Russisch, in einem anderen Chinesisch, Japanisch oder Spanisch, und natürlich wird sehr häufig Englisch gesprochen, wobei das Deutsch nicht vernachlässigt wird. Über die Jahre hat sich ein Netzwerk von etwa 200 Wissenschaftlern entwickelt. Ein Teil dieses Netzwerks wird von der privaten "Parmenides‑Stiftung" getragen, in der ich mich als einer der Direktoren darum bemühe zu verstehen, was in unserem Gehirn beim Denken geschieht. Die Internationalität meiner Arbeit hat sicher etwas mit meinem pommerschen Erbe und meiner familiären Prägung zu tun. Meine Mutter hatte immer ein gastfreies Haus, wie es wohl typisch für alle aus unserer Heimat war. Und ich bin der Meinung, dass Wissenschaftler aus der ganzen Welt ein Netzwerk des Vertrauens repräsentieren. "Wissenschaftler sind natürliche Botschafter" ist mein Motto, und ich zitiere diese Worte bei jedem öffentlichen Vortrag, von denen ich über die Jahre etwa 1000 gehalten habe; nur wir Forscher sind unabhängig von solchen Interessen, wie sie aus der Geschichte oder aus Religionen erwachsen, wie sie politisch bestimmt sind, oder wie sie durch finanzielle Möglichkeiten vorgegeben sind. Forscher haben eine Freiheit, die sie für das Wohlergehen aller auch nutzen müssen.
Es ist mir immer ein Anliegen gewesen, Ergebnisse unserer Forschung allgemein zugänglich zu machen, und so habe ich mehrere Bücher geschrieben, die auch der Laie verstehen kann. (Ein Buch mit autobiographischen Anklängen ist 2006 mit dem Titel "Der Rahmen. Ein Blick des Gehirns auf unser Ich" erschienen; HanserVerlag München). Hirnforschung ist ein Bereich, der viele interessiert, und so sehe ich es als wichtige Aufgabe an, auf die Bedeutung dieser Forschung beispielsweise für die Medizin, die Erziehung, die Wirtschaft oder die Technologie hinzuweisen. Was mich in den letzten Jahren besonders interessiert ist die Bedeutung unserer Forschung für die Künste. Ich arbeite eng mit Malern, Musikern oder Dichtern zusammen, und ich bin mit einigen eng befreundet. Nach dem Verlust der Heimat war es notwendig, sich neu ‑ oder vielleicht besser gesagt ‑ "zusätzlich" zu verwurzeln. Wenn man seine Heimat verloren hat, dann erkennt man erst, dass es solche Wurzeln gibt. Andere "Heimaten" sind hinzugekommen, wie das Dorf Timmerhorn mit der Asche des Mörders, wie Freiburg mit dem Schwarzwald im Hintergrund, wie Cambridge und der Charles River mit dem Blick auf Boston. Ich bin wohl ein Weltbürger mit verteilten Wurzeln geworden, der sich nach kurzer Zeit irgendwo zu Hause fühlt, der seine Vergangenheit immer mit sich nimmt, in den Bildern, die sich in das Gedächtnis eingeprägt haben. Ich fühle mich zu Hause, wenn ich in Tokio um den Kaiserpalast gehe, auf der Insel Elba, wenn ich auf dem Marktplatz sitze, oder auf Luisenau in der Uckermark, eine knappe Stunde nördlich von Berlin. Wieso Luisenau? Ich komme vom Land, und ich bin in Pommern mit Kühen aufgewachsen; aus Zufall ergab es sich, nach vielen Jahrzehnten wieder Kühe besitzen zu können. Es mag merkwürdig klingen, doch sind meine Kühe jetzt das Symbol eines Kreises, die mich gedanklich an den ursprünglichen Ort zurück bringen.
Für diesen Artikel ist nur der Verfasser
verantwortlich. |
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