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Horst Kaisers Homepage |
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Auswahlmenü Kriegsende und amerikanische
Gefangenschaft II./Artillerie
Regiment 117 Kriegstagebuch Chronik
Mai 1943 bis zur Vernichtung am 12. Mai 1944 unter Polen und Russen ein
Tagebuch von Brunhilde Dallmann Familie
Kaiser aus Prütznow und Labes Stammbaum Familie Kaiser und Eitzen und Schwessiner-Treffen in
der Lüneburger Heide |
Schwessin Kreis Köslin Aus dem „Strandboten des Heimatkreises Köslin-Bublitz“: Walter
Pomplun, Ein pommersches Leben In den Monaten vor seinem 85. Geburtstag im April
1992 hat sich Walter Pomplun, früher
Schwessin, hingesetzt und seine Lebenserinnerungen aufgeschrieben. Unter dem Motto „Das Leben in
Freud und Leid eines pommerschen Bauern" schildert er
in sehr persönlicher eindringlicher und anschaulicher Weise sein Leben. In
diesem und den folgenden Strandboten wollen wir Auszüge daraus bringen. Es
ist ein Einzelschicksal, das aber stellvertretend für seine Generation
steht.
A. Trede. Walter Pomplun
mit seinen Urenkeln Kindheit Als
erstes kann ich mich daran erinnern daß ich fotografiert werden sollte. Ich
muss drei Jahre alt gewesen sein. Meine Mutter hatte mir meinen ersten
Hosenanzug genäht. Wie mir in
Erinnerung ist, war ich noch lange nicht stubenrein. Beim Spielen wurde ich
oft überrascht. Man musste über den
ganzen Hof zum AB (oder auch Ziekret
genannt) laufen. Dann mußte man noch eine Stufe überwinden. Den ersten Fuß
kriegte ich noch hoch. aber heim Nachziehen des zweiten war dann das Malheur
passiert. Meine Tante Frieda kam mir
oft zu Hilfe und ich sagte zu ihr: „Hose all werre voll.“ Zum Fotografieren mussten wir mit Pferd und Wagen 8
km nach Köslin fahren In einer Gaststätte wurden die Pferde untergestellt,
dann wurden die Einkäufe erledigt. Im Anschluss ging es zu Onkel Ohlow. Er
war Tischler gewesen und war durch einen Unfall arbeitsunfähig. Um zu
überleben, nahm seine Frau in den Wintermonaten die Mädchen vom Lande, die in
der Stadt nähen lernten, in Pension. Meine Mutter und ihre drei Schwestern waren dabei. Die Freundschaft
bestand noch bis zum Tode der alten Leute. In der Inflationszeit brachte ich
der Frau Weihnachten einen großen Topfkuchen. Mutter Ohlow sagte zu mir:
"Wenn Du nicht gekommen wärst, wäre ich verhungert." Licht Am
27. Februar 1913, am Geburtstag meiner Schwester Luise, brannte die erste elektrische
Lampe. Also muss mit dein Bau 1912 begonnen worden sein. Ich fuhr mit meinem
Vater nach Gieskow, wir holten Isolatoren und Masten. Diese waren etwa 10 m
lang und waren mit Karbolineum getränkt, woran sich die Männer die Hände
schwarz machten Es wurden 2 m tiefe Löcher ausgehoben und die Masten
eingesetzt. Die Drähte, die im Haus verlegt wurden, waren mit einem roten
Mantel umhüllt. Sie wurden dann noch in ein Blechrohr gesteckt. Verlaufen Als
ich etwa drei Jahre alt war, fuhren meine Eltern mit einem Erntewagen, um Heu
von der Wiese zu holen. Ich durfte nicht mit, lief aber doch hinter dem Wagen
her. Sie bogen dann aber rechts in die Petersilienstraße ab, was ich aber
nicht bemerkt hatte. Ich lief geradeaus, an der Kirche vorbei, bis ans Ende
des Dorfes, wo mich Frieda Retzlaff aufgriff. Ich wäre vielleicht in einem
Kornfeld gelandet, und man hätte mich nicht gefunden. In Erinnerung ist mir,
daß ich bei Retzlaffs in der Küche auf einem Hocker saß und pannbacken Kartoffelpuffer gegessen habe. Da ich
meinen Namen noch nicht deutlich sprechen konnte, wußte man nicht, wessen Junge
ich war. Ich glaube, daß Frau Kruggel es war, die mich erkannte, weil meine
Eltern dort verkehrten. Dreikaten Eines
Sonntags sollte ich meiner Großmutter, welche krank war, einen Blumenstrauß
hinbringen. Auf halbem Wege (drei Kilometer) kam eine Biene und setzte sich
auf meinen Blumenstrauß. Ich ließ den Strauß fallen und rannte nach Hause.
Tante Frieda pflückte einen neuen Strauß und kam mit zur Großmutter. Mein
Großvater, Hermann Jahn, der acht Kinder hatte, besaß drei Kilometer vorn
Dorf entfernt eine Windmühle und eine kleine Landwirtschaft. Mein Großvater
konnte alles, so wollte er eines Tages bei uns Fensterscheiben einsetzen. Er
hatte aber seinen Glasschneider nicht dabei, deshalb mußten meine Schwester
und ich denselben holen. Als wir nach Hause zurückkamen, hatten wir den
Glasschneider verloren, Da mußte
Tante Frieda wieder mit uns losgehen, ihn suchen. Wir fanden ihn in einer Wagenspur. Molkerei Bis
1912 gab es eine private Molkerei in Schwessin, Besitzer war Max Spenner,
Dort mußte ich immer Butter holen. Die Bauern verlangten pro Liter Milch
einen halben Pfennig mehr von Spenner, dieser weigerte sich aber hartnäckig.
Daraufhin gründeten die Bauern aus Schwessin und Mersin eine Molkereigenossenschaft
und beschlossen den Bau einer eigenen Molkerei. Diese wurde gegenüber unserem
Hof gebaut und 1913 in Betrieb genommen. Die Höfe, die in der Nähe lagen,
brachten die Milch selber zur Molkerei, während die anderen Bauern die Milch
abwechselnd anlieferten. Wir
bekamen die Kannennummer 92. Als der Schornstein fertig war, außen waren
Steigbügel angebracht, sind Walter
Jastrow und Günter Woiznick daran
hochgeklettert. Ich hätte es gerne nachgemacht. Da ich der einzige Sohn und drei
Jahre jünger war als die anderen, durfte ich nicht. Daß ich das nicht durfte,
war für mich sehr deprimierend. Ich fühlte mich gegenüber den anderen
zurückgestellt, Rubows Gut Etwa
1912 wurde das Gut von Hermann Rubow parzelliert. Das Gutshaus und die
übrigen Gebäude kaufte ein Briefträger Schmidt. Ich weiß noch genau, wie er
Scheune und Stall abgerissen hat. Schmidt ist gleich zu Anfang des 1. Krieges
gefallen und hinterließ Frau und zwei Töchter. Das Gutshaus war etwa 60 m
lang und 15 m breit. Als die ersten russischen und serbischen
Kriegsgefangenen eintrafen, wurden diese in dem Gutshaus untergebracht. Mein
Schulfreund Siegfried Stengel und ich gingen oft Sonntags Nachmittag zu den
Gefangenen und lernten Deutschsprechen mit ihnen. Wir bekamen dafür Aluminium‑Fingerringe
geschenkt. Als unser Lehrer Ziemer davon erfuhr, wurde uns verboten, dorthin
zu gehen. Die
Bauplätze der Straße gegenüber unserem Hof wurden an Franz Stengel, Heizer in
Streckenthin, Schlachter Franz Hahn, Straßenwärter Franz Baumann Lind Otto
Baumann verkauft. Jeder hatte gleich hinter seinem erbauten Haus etwa 10
Morgen Land und Wiesen, so daß sich jeder eine Kuh halten konnte. Auch der
Bauplatz für die Molkerei wurde damals durch die Molkereigenossenschaft erworben,
Das Ackerland und die Wiesen wurden an viele kleine Bauern und Handwerker
verkauft. Aus dem Inventar des Gutes kaufte meine Mutter einen Webstuhl mit
Zubehör. Sie hat viel darauf gewebt und ich mußte immer bei jedem Neuaufzug
die Fäden hinreichen, welche am Kamm angeknüpft wurden. Ich mußte auch auf
einem Spinnrad die Spulen zum Anschlag anfertigen. Das Weben wurde 1935
beendet, als die Aussteuer meiner Schwester fertig war. Dreschmaschine Als
im vorigen Jahrhundert die erste Dreschmaschine kam, hat der Schwiegervater
zu meinem Vater gesagt: "Tedor, wi sünn 50 Joar tu früh gebore.“ Es war ein Stiftendrescher. Der Einzug
bestand aus zwei Walzen, die das Getreide zu der Trommel mit den Stiften
führten. Die Rollen waren 50 cm breit. Man mußte die Garbe fünfmal teilen und
nur eine Handvoll reinschieben. Man konnte an einem Tag etwa 10 Zentner
ausdreschen. Am Abend wurde dann das Getreide mit einer Schaufel langsam durch
eine Reinigungsmaschine gelassen (mit Handantrieb). Wir hatten Glück, wenn
wir um 10 Uhr abends fertig waren. Scheune 1913
baute mein Vater eine neue Scheune, massiv mit Pappdach. Ich durfte als
Sechsjähriger die Pappe mit Pappnägeln festnageln helfen. Welcher Junge geht
nicht gerne mit Hammer und Nägeln um. Als mir die Knie wehtaten, rutschte ich
beim Nageln auf dem Hintern immer rückwärts. Ich wäre beinahe durch ein Loch
gefallen, das man zum Aufsteigen mitten im Dach gelassen hatte, wenn mein
Vater nicht zufällig dazu gekommen wäre. Als das Dach fertig war, sind Vater,
Mutter, Luise, ich und Eva, welche noch im Steckkissen lag, aufs Dach
gestiegen und haben einen Rundgang gemacht. Die alte Scheune war aus Fachwerk
gebaut und mit einem Strohdach versehen, welches fast bis an die Erde
reichte. In einem dicken Balken war ein großes Loch, worin man, bevor es
Petroleum gab, Kienspäne ansteckte, um die Tenne zu beleuchten. Mit der
Petroleumlampe war die Beleuchtung dann schon ein Fortschritt. Es war nur
eine Lampe für Stall und Scheune vorhanden. Wenn mein Vater in den
Wintermonaten früh in der Dunkelheit aufstand, mußte er über den ganzen Hof.
Mit der Lampe in der einen Hand trug er in der anderen ein Bund Stroh aus der
Scheune in den Stall. Ich lag schon wach im Bett, hörte die Schritte meines
Vaters und sah an der Decke die Lampe spiegeln. 1.
Weltkrieg In
meiner Schulzeit lernte ich, daß Kaiser Wilhelm II der Friedenskaiser war.
Der Geburtstag des Kaisers wurde in der Schule groß gefeiert. Es wurden
Girlanden gewickelt. Der Lehrer hielt eine Ansprache und es wurden
Vaterlandslieder gesungen. "Der Kaiser ist ein lieber Mann, er wohnet in
Berlin, und wär es nicht so weit von hier, so flög ich heut noch hin",
sangen die Kleinen, dann war schulfrei. In meinem Elternhaus wurde der
Weihnachtsbaum und ein großer Topfkuchen von Weihnachten aufbewahrt, womit
der Geburtstag gefeiert wurde. Schrotmühle Herrmann, der älteste Bruder meiner Mutter, hatte
von seinem Vater Hermann Jahn den Mühlenbetrieb und die kleine Landwirtschaft übernommen. Den Ortsteil
nannte man Dreikaten, er lag drei Kilometer vom Dorf entfernt. Um den Bauern
und vor allem den kleinen Leuten, die mit der Karre ihr Korn zur Mühle karren
mußten, die Strapazen abzunehmen, fuhr er einmal in der Woche das gemahlene
Schrot zu den Leuten hin und nahm wieder Getreide zum Mahlen mit zurück.
Immer kehrte er bei uns an, und ich durfte dann von Hof zu Hof mitfahren,
Letzte Station war Gastwirt Pomplun, der aber nicht mit uns verwandt war.
Onkel Hermann trank anstandshalber ein Bier oder einen Schnaps und ich bekam
eine Tüte Bonbons, Um dieser Belastung durch den Transport ein Ende zu
machen, wollte Onkel Hermann in unserer Scheune, am Ende zur Straße hin, eine
Schrotmühle einrichten. Mein Vater war damit einverstanden. Es konnte ja
nichts Besseres geben; wenn die Milchwagen zu Molkerei kamen luden sie erst
ihr Korn in der Mühle ab. Es wurde gleich gemahlen, und wenn die Bauern ihre
Milch ab und ihre Mager- und Buttermilch wieder aufgeladen hatten, konnten
sie ihr Schrot von der Mühle wieder abholen. Onkel Hermann fuhr aber erst zur
Stadt, um die Genehmigung dafür zu beantragen. Unterwegs packte ihn die Idee,
selbst eine Mühle, und zwar direkt an der Straße auf unserem Gelände zu
bauen. Daß mein Vater seinem Schwager einen Platz zum Bauen gab, war
Ehrensache. Ein Jahr später, 1914, wurde die Mühle in Betrieb genommen. Das Geschäft
lief, wie erwartet, sehr gut. Die Mühlsteine wurden mit dem Ackerwagen von
Köslin vom Bahnhof geholt. Sie wurden mit einem starken Tau in die Mühle
gezogen. Alle Männer, die vorbeikamen (etwa zehn), wurden eingespannt. Für
uns Jungs war das ja ein Erlebnis.
Es war damals üblich, daß alle Handwerker und
Beamten in der Ernte halfen. Mit der Sense schaffte ein Mann und 2 Binder nur 2 Morgen an einem Tag.
So waren auch bei uns an diesem Tage Briefträger Göhrs mit Frau beim Hafermähen.
Wenn das Mittagessen fertig war, wurde ein weißes Handtuch an die Kellertür
gehängt zum Zeichen den Heimweg anzutreten. In der Erntezeit bekamen Helfer
zum Frühstück und Zweitfrühstück Eier, Wurst, Schinken und Käse. Zum Mittag gab es auch was besonderes,
Vorsuppe mit Huhn, als
Hauptgericht Kalbs‑, Rinder‑ oder Schweinebraten. Als Nachspeise Reis- oder Griespudding mit
Himbeersoße. Zum Kaffee gab es Hefekuchen. Auch Abendbrot gab es noch. Zu trinken gab es Schnaps, Johannisbier und Himbeersaft und selbstgemachtes
Braubier. Zum Zweitfrühstück und zum Kaffee wurde das Essen ins Feld
gebracht. Willi Pergande war bei uns, wie man damals sagte, als Knecht
beschäftigt. Meine Mutter
reichte die Schnapsflasche rum. Willi Pergande war der Letzte der einen aus der
Buddel haben sollte. Meine Mutter wollte
ihm die Flasche reichen. als er zum letzten Hieb ausholte und dabei das Schienbein
meiner Mutter traf. Sie fiel gleich um. Alle Nachbarn eilten herbei, und ich
weiß noch wie heute, wie Friedrich Wietzke, unser Nachbar, sie auf seinen
Armen nach Hause trug. Ein Arzt, glaube ich, wurde bei solchen Fällen nicht
geholt. Als 15jähriger mußte ich mit meinem Vater eine Woche
lang mit der Sense unser Korn abmähen.
Während des ersten Weltkrieges wurde das
Korn mit dem Grasmäher abgemäht. Später bekamen wir eine Flügelmaschine,
welche die Garben über einen Tisch ablegte. Für die Binder war das eine große
Erleichterung. Die Garben in Stiegen zusammen gestellt ( 1 Stiege = 20
Garben). Bei warmen und trockenem Wetter konnte mit dem Einfahren begonnen werden.
Der Packer, meist eine Frau, stand auf einem langen Leiterwagen und packte
die Garben, die von einem Mann mit der Forke hochgestakt wurden, zu einem
Fuder zusammen. In der Scheune wurden die Garben mit 3 – 4 Mann im Fach
abgeladen. Der letzte Mann packte die Garben mit den Ähren nach innen und
einem Stoß mit dem Knie hin. War eine Lage fertig, fassten wir uns alle an die
Hände und traten die Garben fest. Kartoffelernte Als
10jähriger musste ich schon mit in die Reihe zum Kartoffelnbuddeln. Sieben Sammler
schafften am Tag einen Morgen. Ab 5 Sammlern wurden die Körbe von einem in
die Säcke geschüttet. Zwei Mann luden die Säcke unter Benutzung eines
Knüppels auf den Wagen, um sie
nach Hause zu fahren. Ein Teil der Kartoffeln kam in den Keller, die übrigen
wurden zu einer Miete aufgeschüttet und mit einer dünnen Erdschicht bedeckt.
Anfang November wurde dann soviel Erde auf die Miete geworfen, daß sie nicht
erfrieren konnten. Im Frühjahr wurden die Mieten abgedeckt, die Kartoffeln
mit der Hand in Säcke gefüllt und zum Verfüttern in den Keller geschüttet. Bevor
morgens die Sammler ins Feld kamen, war mit dem Pflug eine Reihe um die andere aufgepflügt. (Also
jede zweite Reihe, um genügend Abstand zwischen den Sammlern zu haben.) Waren die Sammler einmal rüber, wurde das Kraut
abgeeggt, auf einen Wagen geladen, nach Hause gefahren und auf einen Haufen geworfen. Dann wurde die
zweite Reihe aufgepflügt. So ging es eine Woche lang und keiner hat einen
Bandscheibenschaden davon gekriegt. Um die Arbeit zu erleichtern,
gab es einen Apparat, welcher am Pflugschar befestigt wurde. Dieser wurde
unter den Stauden geführt, um die Erde locker zu machen. Es hatte den
'Vorteil, daß man länger vor Beginn des Sammelns das Pflügen vornehmen
konnte, da ja die Kartoffeln bedeckt blieben und nicht dem Regen ausgesetzt
waren. Zwei Sammler bekamen zwei Reihen, man sparte das 2. Mal aufpflügen und das Krautabfahren. Das Sammeln ging auch schneller, anstatt 7 Mann
je Morgen sammelten jetzt 5 Mann einen Morgen an einem Tag auf. Später
bekamen wir einen Kartoffelroder. Da
sammelten 2 Mann je Morgen am Tag. Es war schon Krieg, da habe ich einen Gummiwagen
angeschafft. Die Räder und Achsen bekam ich vom Taxifahrer Max Streickert.
Den Bau des Wagens machte Schmied Frank in Köslin, er bekam zu Weihnachten
eine Gans extra dafür. Ich hatte 10 Drahtkörbe je 1 Zentner besorgt, wo die
Sammler die Kartoffeln reinschütteten. Die vollen Körbe wurden von 2 Mann auf den Plattformwagen gestellt
und abgefahren. Welch ein Fortschritt zu damaliger Zeit! Schulzeit 1913
kann ich zur Schule, es gab in Schwessin 2 Schulen. Ich ging in die
Dorfschule, „Dörpschaul“ auf Platt, später Schule I, am Westende des Dorfes
gelegen. Die spätere Schule II im Osten des Dorfes nannte man "dei
Katsch Schaul", dort gingen die Kinder von den Ausbauten hin. Schwessin
hatte um das Dorf herum mehrere Ausbauten. Kuhwiese, Kossätenberg, Flakenfier, Kampfberg,
Dreikaten, Fierberg, Bergkaten, Wanzenberg, Mittelbruch. Bauernkamp,
Mühlenberg und Krück. Schwessin war 6000 Morgen groß, hatte 220 Haushaltungen
und 1200 Einwohner. Jede Schule hatte
2 Klassenzimmer und 2 Lehrer. In
einem Zimmer waren 4 Klassen unter gebracht, welche ein Lehrer zugleich
unterrichten musste. Welch eine Leistung die Lehrer mit einem Taschengeld als
Gehalt damals vollbracht haben, ist bewundernswert. Der erste Lehrer hatte
seine Wohnung in der Schule dazu eine kleine Landwirtschaft mit einem Pferd,
Kühen und Schweinen. Die älteren Jungs mußten während des Unterrichts Häcksel
schneiden, angetrieben mit einem Roßwerk, welches von dem Pferd gezogen
wurde. Außerdem mussten sie Rübenputzen, Kartoffeln abkeimen usw. Vor dem
Unterricht mußten die älteren 2 Jungs den Glockenturm der Kirche, welcher
gegenüber der Schule lag, besteigen,
und eine Glocke läuten. Glocken läuten hat uns viel Spaß gemacht. Lehrer Ziemer
unterrichtete die älteren Klassen. Er
hatte 6 Töchter und 5 Söhne, 3 davon sind gefallen, was ihm sehr nahe
gegangen ist. Er hatte keine Lust mehr, daher haben wir auch nicht sehr viel bei ihm gelernt. Ziemer war in der
vierten Generation auf der selben Stelle als Lehrer. Die Regierung wollte,
daß von seinen Söhnen wieder einer Lehrer werden sollte. Dieses lehnte Ziemer
ab. Lieber sollten seine Söhne den Mühlenberg mit der Mütze wegtragen, als sich mit den Kindern zu ärgern. Hugo wurde
Kaufmann, Otto Zimmermann, letzterer
ging 1920 nach Amerika. Holte seine Freundin Erika Dreger nach, die lernte aber auf dein Schiff einen in anderen Mann kennen. Otto wurde
ein Weiberfeind und hat nie geheiratet. Als
Lehrer Ziemer seine Tätigkeit endete, zog
er
nach Köslin, um seinen
Lebensabend zu genießen. Leider
hat er nicht viel davon gehabt,
weil er bald starb. Die Ruhe und das Stadtleben waren ihm nicht bekommen. Dammbruch Nach (lern 1. Weltkrieg wurde zwischen Nedlin und Roßnow ein Stausee gebaut, wo viele Leute
Arbeit fanden. Herr v. Kameke, Streckenthin und Herr v. Heidebreck bauten
hier, um die Wasserkraft zu nutzen, ein Elektrizitätswerk. Kameke hatte 7
Güter und Heidebreck 3 Güter. Dieses Werk lieferte soviel Strom. um alle
Betriebe damit zu versorgen. Der überschüssige Strom wurde an das
Überlandwerk in Belgard abgegeben. Anfang des Krieges (1941?) war ein sehr
kalter Winter. Als im März die Schneeschmelze einsetzte, brach der Deich und das
Wasser rauschte das Radütal bis Belgard, anfangs mit einer Welle von 10 m
Höhe herunter. Alle Brücken und ein Haus wurden mitgerissen. Das Vieh lag
ertrunken in den Ställen. Nur den Hühnern, welche eine Sitzgelegenheit
hatten, die mit Ketten an der Decke befestigt war, wurde das Leben durch das
Schwimmen ihrer Behausung erhalten. Es war schaurig anzusehen. Hühnerhaltung in Schwessin Etwa
Anfang der dreißiger Jahre erfuhr ich von einer künstlichen Brüterei in
Rogzow Krs. Köslin. Sofort fuhr ich dorthin und bestellte 100 Eintagsküken
zum 1. Mai. Von künstlicher Aufzucht hatte ich schon mal gelesen. Meine
Mutter hätte bald einen Schlag bekommen, als ich mein Vorhaben erzählte. Wir hatten neben der Waschküche einen Raum als Kunstdunglager mit
Schornsteinanschluss. In einer Ecke, 20 cm von den Wänden entfernt, ließ ich
einen Ofen aus Ziegelsteinen bauen. In einer Höhe von 20 cm befestigte ich
Bretter, um die Wärme nicht nach oben steigen zu lassen. Einige Jahre später
wäre mir diese Vorrichtung fast zum Verhängnis geworden. Als ich eines Tages
vom Feld kam sah ich, daß Rauch aus den Ritzen der Stalltür quoll. Mit einem
Eimer Wasser konnte ich den Brand löschen. Den Küken war noch nichts
passiert. Wäre ich nicht zufällig zur Mittagszeit vom Feld gekommen, hätte
der ganze Hof abbrennen können; denn an beiden Enden des Stalles standen
Gebäude mit Strohdach. Fast alle Küken wurden groß und kamen dann als
legereife Junghennen in den vorhandenen Hühnerstall, welcher sich im Kuhstall
befand und daher im Winter schön warm war und somit die Hühner zum Legen
veranlaßte, was bis dahin in den kalten, dunklen Wintermonaten nicht möglich
war. Nun konnte ich zu Weihnachten von 50 Hühnern 30 Eier einsammeln, was es
bis dahin in der Weihnachtszeit noch nicht gab. Frische Eier zu Weihnachten,
welch ein Fortschritt!!! Erst
wenn der Schnee geschmolzen, die Sonne höher stieg, frühestens Anfang März,
begannen die Hühner mit dem Eierlegen. Als ich im Winter die Eier zum Markt
brachte, wurden diese mir schon in Köslin auf der Straße aus dem Korb
gerissen. Welch schöne Nebeneinnahme für die Bäuerin. 50
Hähne konnte ich lebend für einen damals guten Preis an das Feinkostgeschäft
Dahms in Köslin verkaufen!!! Nach
dem 1. Weltkrieg hatte die älteste Tochter von Onkel Franz einen Brunnenbaumeister
in Stolp geheiratet. Mitte der zwanziger Jahre kam die Familie per Auto, was
damals eine Seltenheit war, bei uns zu Besuch. Sie brachten uns Bruteier von
Rodeländer Hühnern mit, welche ich von der Glucke ausbrüten ließ. Als die
Junghennen von dieser neuen Rasse legereif waren, fand im Saal der
Schwessiner Gaststätte eine Geflügelausstellung statt. Ich beteiligte mich an
der Ausstellung mit 2 Hennen und einem Hahn und war überglücklich, daß meine
Tiere mit dem 1. Preis ausgezeichnet wurden und ich 10,00 RM dafür erhielt. Dieser
Erfolg gab mir Mut und so kam es, daß in guten wie in schlechten Zeiten
meines langen Lebens die Hühnerhaltung zur Existenzgrundlage wurde. Besonderes
Interesse hatte ich an Sauenzucht. Einmal hatte eine Sau 14 Ferkel, aber nur
10 Zitzen. So ging ich bei und zog die 4 mit der Flasche groß. Ich habe so manche Nacht im Schweinestall
zugebracht, da das Ferkeln meist nachts stattfand. Ich legte eine alte
Matratze über den Gang, so konnte ich im Liegen den Vorgang überwachen. 1938
wurde ich Mitglied des Verbandes Pommerscher Schweinezüchter. Ich fuhr zu
einer Herdbuchversteigerung und kaufte 2 Herdbuchsauen. Als Herdbuchzüchter
durfte ich dann auch Eber und Sauen auf Versteigerungen verkaufen. Bei jeder
Sau wurde im Stall eine Tafel aufgehängt, worauf die Aufzuchtleistungen der
Sau aufgeführt wurden. Ein Jahr stand ich mit der Durchschnittsleistung der
Sauen an 8. Stelle in Pommern. Als Anfänger ein ansehnlicher Erfolg. Ich
hatte hinter meinem Stadtwagen einen PKW‑Anhänger, womit ich 2 große
Sauen transportieren konnte. Mit Willi Zander aus Güdenhagen hatte ich mir
einen sehr wertvollen, älteren Eber gekauft und fuhr dort hin zum Decken der
Sauen. Rinder Auch
an der Rinderzucht war ich sehr interessiert. Im Dorf wurde ein Bullenhaltungsverein
gegründet. Unsere Kühe wurden zunächst ins Hilfsherdbuch aufgenommen. Erst
die Nachzucht wurde im Herdbuch aufgenommen, wenn sie die gewünschte Form und
eine bestimmte Leistung erbrachte. Diese Methode dauerte mir aber zu lange.
Ich kaufte von einer der besten Zuchten Pommerns, von Herrn Guse aus Rafin
Kr. Belgard, 4 tragende Starken. Eine davon hatte aber so kurze Zitzen, daß
es eine Qual war, diese Kuh zu melken. Ich hätte in einigen Jahren meinen
Kuhbestand auf lauter Herdbuchkühe bringen können. Zwei gut ein Jahr alte
Bullen konnte ich schon als Zuchttiere für 1500 RM verkaufen. Als
Schlachtvieh hätte ich dafür etwa 400 RM bekommen. Im Frühjahr 1945, als die
Russen da waren, wurden sämtliche Milchkühe draußen zu einer Herde zusammen getrieben. Wir
hatten nur eine kleine Landwirtschaft von 50 Morgen: 7 Morgen Klee, 10 Morgen
Roggen, 4 Morgen Gerste, 7 Morgen Hafer, 5 Morgen Kartoffeln, 2 Morgen
Steckrüben (auf pommersch Wrucken), 1 Morgen Runkeln, diese immer auf der
selben Stelle, daher mehr Franzoserikraut als Runkeln. Im Frühjahr mußten
meistens Kartoffeln zugekauft werden. Das Stroh reichte auch nicht. Im Winter
ging mein Vater mit einer großen Hacke in den Wald und hat Moos gehackt.
Nachmittags fuhr ich dann dort hin, um es abzuholen, eine mühselige Arbeit.
Mit dem Moos wurden die Kühe gestreut. Die 12 Morgen Wiesen wurden 2x gemäht.
Der Rest war Hof und Garten. Wo die Mieten angelegt waren habe ich später
Mais für die Kühe angebaut, als Futter für Sonntagnachmittag, damit Vater mit
den Kühen nicht auf die Weide ziehen brauchte. Zum Austrieb wurden alle 9
Kühe zusammengekoppelt. Auf der Weide lag für jede Kuh eine Kette mit Pfahl,
an der die Kühe einzeln befestigt wurden. Zwischendurch wurden die Pfähle mal
wieder geschlagen und zum Abend wurden die Kühe in den Stall geholt. Getränkt
wurden die Kühe draußen an einem langen Trog. Das Wasser wurde mit der Hand
aus einer .Holzpumpe gefördert. Im Winter, bei strengem Frost, wurde das
Wasser mit Eimern in den Stall
getragen. Auch in der Küche standen 2 Eimer Wasser aus dieser Pumpe bereit.
Zum Waschen wurde das Wasser mit einem Topf in eine Schüssel gegossen, welche
in einem Ständer stand. 3x Pöppel Es
gab in Schwessin viele mit dem Namen Pöppel, darunter drei mit dem Vornamen
Fritz. Damit man wußte, welcher gemeint war, hatten sie einen Beinamen. Der
eine war Tischler ‑ daher "Discherfritz". Der andere Fritz
war besonders groß ‑ daher "Grotfritz". Der dritte war klein
und dick ‑ daher Dickfritz". jeder im Dorf wußte dann, wer gemeint
war. In der Ortskartei wurden sie mit Pöppel I, II und III geführt. Weißer Krug Die
Belgarder Landstraße war früher eine wichtige Straße von Danzig nach Berlin.
Dort trieben oder fuhren die Händler ihr Vieh nach Berlin zum Schlachten. An
dieser Straße stand zwischen dem Streckenthiner Wald und Gülz ein weißes
Haus, das man als 'Witte Kraug' bezeichnete. Bis zur Jahrhundertwende oder
bis die Eisenbahn nach Berlin fuhr, übernachteten die Händler in diesem
Weißen Krug. Abends
mochte niemand am Krug vorbeigehen, weil es spukte. Das sagte man noch in
meiner Kindheit. Später wohnte dort der Tagelöhner Runge, welcher beim Graben
in seinem Garten auf eine Kiste stieß. Er stellte fest, daß die ganze Kiste
mit Geld gefüllt war. Dann ging er mit der vollen Kiste zu seinem gnädigen Herrn.
Herr von Kameke öffnete die Kiste, und es stellte sich heraus, daß es alles
Goldgeld war. Herr von Kameke gab Runge für seine Ehrlichkeit so viel ab, daß
er sich einen Bauernhof in Gülz kaufen konnte. Ich bin mal selbst auf diesem
Hof gewesen. Als etwa 1930 der Weiße
Krug abgebrochen wurde, fand man im Keller Menschenknochen. Man hatte die
Händler erschlagen, das Goldgeld im Garten und die Händler im Keller
vergraben. Der Gastwirt muß ein abgebrühter Typ gewesen sein, sonst hätte er
wohl nicht in
dem Hause schlafen können. Der Besitzer dieses Hauses war von Kameke. Wanzenberg und von Kameke Der
Wanzenberg und der Schwarzsee mit seinen gefährlichen Tiefen waren unsere
Ausflugsziele. Sechs kleine Bauern lebten hier unter armseligen
Verhältnissen. Im Sommer mußten die Kinder Blaubeeren und Pilze sammeln, um
zum Lebensunterhalt mit beizutragen. Der Weg zur Schule betrug 5 km. Zur
Schulzeit meines Vaters war auch noch nachmittags Unterricht. Wenn die Tage
kürzer waren, mußten die Kinder morgens im Dunkeln losgehen und kamen erst
abends in der Dunkelheit zurück. Mit zehn Jahren mußten die Kinder im Dorf
bei den Bauern Kartoffeln sammeln. Ältere Kinder gingen zum Gutsbetrieb von
Kameke in Streckenthin. Hier wurde im Akkord gesammelt. Eines Tages meuterten
die Sammler, weil sie nicht genug verdienten. Am nächsten Morgen erschien
Herr von Kameke persönlich in Kriechhosen auf dem Kartoffelacker, bewaffnet
mit einem Kratzer und Korb und setzte sich in die Reihe. Daraufhin legten die
Leute ein solches Tempo hin, daß Herr von Kameke nicht mithalten konnte. Er
rief seinen Leuten zu: "Man nich so dull, so dull kann ick nich."
Als sie gemeinsam am Ende angelangt waren, schaute von Kameke auf die Uhr und
sagte: "Schie verdeint nauch, dat gift nich mehr Geld." In
der Getreideernte gingen die älteren Kinder mit Sense und Harke ausgestattet
ins Dorf und halfen dort, die Ernte zu bergen. Auch wurde mal ein Hase oder
Reh gefangen, Der Lehrer fragte einen Schüler: "Wat hev schie am
Sünndach taum Mirrach gete?" Franz antwortete: "Dat wehr eie Kalf
mit Hürner." Dem Jagdpächter war das ja ein Dorn im Auge. Deshalb
setzten sich Förster, Gendarm und Jagdpächter auf die Lauer, um diesem
Treiben ein Ende zu machen. Plötzlich kam ein Mann gelaufen. Der Förster
legte an und traf den Wilddieb am Kopf. Nach einigen Tagen starb der Mann
namens Zarger. So ging der Vater zum Pastor Magdalinski und wollte die
Beerdigung besprechen, sein Sohn war ja gestorben. Darauf der Pastor:
"Ach so, der Wilddieb, der Wilddieb." Der Vater war nicht auf den
Mund gefallen und erwiderte: "Herr Pastor, weres man ganz still, sei
sünd doch ok bim Preisterbure sin Mäkes dürch't Fenster stäge." Der
Pastor: "Herr Zarger, wann soll die Beerdigung sein?" Dieses
Erlebnis hat mir Theodor Scheunemann vor einigen Jahren als ehemaliger Jäger
erzählt. Im
ersten Weltkrieg verlor Magdalinski seine beiden ältesten Söhne, drei weitere
gingen noch zur Schule. Als Fenstersteiger war er bekannt. Als Pastor
Magdalinski einmal von Geritz aus der Kirche kam, spukte es hinter ihm. Es
war stockfinster. Es machte immer tap, tap, tap. Sobald er still stand, war
es ruhig. Es verfolgte ihn bis vor seine Haustür. Als am nächsten Morgen sein
Hausmädchen die Tür öffnete, stand dort ein Schafbock. August Wenzel, auch Meensch August
genannt Es
war nach dem 1. Weltkrieg, während der Inflation. Seine Tochter machte
Hochzeit. Da die Lebensmittel und das Geld sehr knapp waren, besorgte er sich
ein Pferd mit Wagen von Max Spenner, dem ehemaligen Molkereibesitzer. Mit
diesem Gefährt fuhr er des Nachts nach Geritz zum Geritzer Berg. Dort holte
er sich aus der Miete des Herrn von Kameke einen Wagen voll Kartoffeln. Der
Diebstahl wurde angezeigt. Der Polizist ging zum Schmied und erkundigte sich,
welches Pferd im Dorf die größten Hufe hatte. Es war das Pferd von Max
Spenner. Dadurch wurde der Diebstahl schnell aufgeklärt. Mir ist nicht
bekannt, daß August Wenzel dafür bestraft wurde. Es war so Sitte, daß, wenn
eine Hochzeit war, abends das halbe Dorf zum Zugucken ging. Da ertönte dann
der Ruf: "Tuffle, Tuffle, Tuffle!" Werbung belebt das Geschäft Einmal
mußte ich mit Frühkartoffeln nach Köslin auf den Markt fahren, wozu ich gar
nicht recht Lust hatte. Das Geschäft lief überhaupt nicht, bis ein Nörenberg
auftauchte, mit dem ich vor Jahren in Barzlin Fußball gespielt hatte. Dieser
machte immer den Eindruck, als wenn er nicht alle Tassen im Schrank"
hätte, wie man so schön sagt. Am Eingang zum Markt griff er alle Leute auf,
die einen Sack unter dem Arm hatten und brachte sie an meinen Wagen. Er lobte
die Kartoffeln bis zum 'geht nicht mehr.' "Einen Fehler haben die
Kartoffeln aber" sagte er; und dann auf Platt: " Dei ware tau rasch
all." Alle lachten und ich hatte meine Wagenladung in kurzer Zeit
verkauft. Schwarzsee Im
Schwarzsee war vor dem ersten Weltkrieg ein Bauernsohn Scheunemann, welcher
als Soldat im Urlaub war und seinen Freunden zeigen wollte wie er schwimmen
kann, ertrunken. Fischer aus Lübtow haben ihn mit Netzen geborgen. Als
Badegewässer war der Schwarzsee sehr gefährlich, besonders für Nichtschwimmer.
Das Wasser war zunächst knietief, aber etwa 20 m vom Ufer entfernt fiel der
Grund plötzlich steil ab. So ging auch ich mit meinen Freunden Willi und
Walter Jastrow zum Baden. Plötzlich war Willi im Wasser verschwunden. Walter,
welcher nicht weit davon entfernt war, sprang seinem Bruder nach. Als ich an
der Stelle ankam, hatte Walter seinen Bruder an der Hand und ich zog beide an
Land. Willi lag vier Stunden besinnungslos, bis Günter Mews mit einem
schnellen Pferd einen Arzt aus Köslin holte. Emil Nagel, der stärkste
Landwirt Pommerns, machte bei Willi Jastrow Wiederbelebungsversuche, bis der
Arzt kam. Gesang Bevor
das Unglück im Schwarzsee passierte, fuhren wir vom Sportverein im Sommer
dorthin zum Baden. Unterwegs wurde immer gesungen, wobei die Mädchen im
Mittelbruch auf meine Stimme aufmerksam wurden. Sie zerrten mich regelrecht
in den Gesangverein. jedes neue Mitglied mußte sich einer Stimmprobe
unterziehen. Da ich aber so schüchtern war, hatten die Mädchen dafür gesorgt,
daß ich nicht vorzusingen brauchte. Das war 1922, kurz vor der
Währungsumstellung, die die Inflation beendete. ich ging gleich zum Baß. Mein
Nebenmann war mein späterer Schwager Fritz Henke. Mit seiner Hilfe lernte ich
schnell das Baßsingen. Einmal in der Woche war Singeabend. Die Sänger hatten
meist einen langen Anmarschweg. Den weitesten Weg von 5 km hatten zwei
Wanzenberger. Sie waren aber zuerst da und gingen nach dem Singen zuletzt
nach Hause. Es war für diese Leute ein besonderes Erlebnis, wenn sie einmal
in der Woche mit anderen Menschen zusammenkamen. Ihre Stammkneipe war Arndt,
während wir bei Stielow, später Schwarz, unseren Durst löschten. Wir Männer
waren meist alle verheiratet. An einem Abend sagte Siegfried Pieper um halb
zwölf Uhr, er müsse jetzt nach Hause gehen. Er habe seiner Frau versprochen,
um Mitternacht zu ihrem Geburtstag zu Hause zu sein. Als er sich von uns
verabschiedete sagte ich: „Wir kommen nach." "Das könnt ihr
tun" meinte er. Aus Spaß wurde Ernst und wir, etwa 10 Mann, marschierten
um Mitternacht die 2 km dem Geburtstagshaus mit Gesang entgegen; Siegfried
Manke als Führer vorweg. Er hatte immer einen Stock bei sich, weil er vom
Krieg ein steifes Bein mitbekommen hatte. Den Stock in der Luft schwingend,
hielt er uns im Gleichschritt zusammen. "Unser Hauptmann steigt zu
Pferde", "Haben frohen Mut" und andere Lieder waren unser
Marschgesang. Bei Siegfried Pieper angekommen, war alles dunkel und sie waren
im ersten Schlaf Wir machten uns durch ein Lied bemerkbar, schon ging das
Licht an und wir wurden reingelassen. Durch unseren langen Marsch waren wir
hungrig und durstig geworden. Ich half der Hausfrau beim Herrichten und
Auftragen der für die Geburtstagsfeier angeschafften Speisen und Getränke. Es
sollte nichts übrig bleiben, so daß Piepers für die am Nachmittag
bevorstehende Feier neu einkaufen mußten. Am frühen Morgen traten wir
vollbeladen unseren Heimweg an. Alle, die dabei waren, werden wohl noch lange
an diese schönen Stunden zurückgedacht haben. Im
Winter fanden sich unsere Frauen abwechselnd untereinander zusammen, während
wir Singeabend hatten. Nach dem Singen hielten wir uns bis etwa 23 Uhr in der
Gastwirtschaft auf und holten dann unsere Frauen ab. Vor dem Heimweg wurden
wir noch mit Kaffee und Kuchen bedient. Unser
erster Dirigent war ein Gärtner vom Wanzenberg. Er war wegen der Hungersnot
von Berlin zu seiner Schwester gekommen, die auf dem schwarzen Moor eine
Wohnung frei hatte. Er gründete den gemischten Chor in Schwessin. Dieser Mann
konnte alle Instrumente spielen, obwohl er nicht daran ausgebildet war.
Solche schönen Lieder, wie bei diesem Mann, habe ich nie wieder in meiner 70‑
jährigen Zeit als Sänger gesungen. 17 Dirigenten hatte ich während der 70
Jahre. Leider verließ uns Albert Pergande etwa 1925 und ging wieder nach
Berlin, weil dort die Verdienstmöglichkeiten besser waren. Es folgte Alfons
Jagsch, ein Lehrer und Organist; ein äußerst befähigter Dirigent und
Schauspieler. Es wurden viele Theaterstücke aufgeführt. Der Jäger von
Kurpfalz", eine Operette mit großem Orchester, fand besonders großen
Anklang. Die Hauptrollen spielten Fritz Henke, A. Jagsch, seine Frau nebst
Tochter u.a. In
der Kirche wurde zu allen Anlässen mitgewirkt. Auch wurden einige
Kirchenkonzerte veranstaltet. Einige Hochzeiten im Jahr besangen wir. Feierte
der Raiffeisenverein sein Jahresfest, waren wir auch dabei, um zu singen. Im
Winter und im Sommer wurde ein
Sängerfest mit Theater und Tanz veranstaltet. Der Saal war immer brechend
voll mit Gästen. Heute muß sich ein Verein, der ein Fest feiern will, viele
Gesangsvereine einladen, um den Saal zu füllen, sich gegenseitig etwas
vorzusingen und die Unkosten zu decken. Gäste sieht man sehr selten. Bei uns
fand alle Jahre ein Kreissängerfest statt, bei dem der ganze Kreis Köslin auf
den Beinen war. jedes Jahr war das Fest in einem anderen Dorf. Bis zu einer
Entfernung von 10 km fuhren wir mit dem Fahrrad hin. Die weiter abgelegenen
Dörfer wurden am Anfang mit einem Lastwagen, später aber schon mit Bussen
erreicht. Kreischorleiter war ein Lehrer Simon aus Neuklenz. Diesen Mann sah
ich zum ersten Mal, als in Neuklenz ein Großfeuer war. Er leitete die
Spritzenwagen, die aus allen Dörfern herbeigeeilt waren, an einen großen
Dorfteich. Ich habe an diesem Mann die Übersicht bewundert, mit der er dieses
Amt versah. Der Schafbock Das
Kartenspiel war in Schwessin auch eine Beschäftigung gegen Langeweile. Ab
acht Uhr trafen sich immer dieselben Leute an bestimmten Tischen in den
Gastwirtschaften Arndt und Schwarz (früher Stielow). Meistens waren es ältere
Männer, die bei jedem Wetter einen Fußmarsch bis zu 5 km in Kauf nahmen. So
geschah es, daß der Bauer August Hitz vom Kamp gegen den Fleischer Franz
Dreyer eine Menge Geld verlor. Man einigte sich darauf, daß Hitz dafür einen
Schafbock hergeben mußte. Damit Frau Hitz davon nichts erfuhr, wurde der
Schafbock noch in der Nacht abgeholt. Als Hitz dann nach Hause kam und bei
seiner Frau im Bett lag, stieß er sie an und sagte: „Ida, hörst Du
watt?" Sie hörte nichts. Nach einiger Zeit wieder: „Ida, hörst Du watt? Ick glöw, sei stehle usen Schopbuck!"
Es wiederholte sich noch ein paar mal. Tatsächlich war der Schafbock am
nächsten Morgen verschwunden. Am anderen Tag ging Bauer Hitz zur Stadt und
brachte seiner Frau ein Stück Hammelfleisch mit. Das Fleisch hatte er sich
beim Kartenspiel noch ausgehandelt. Buttermilch Nach
1933 wurden ledige Arbeitslose aus den Ballungsgebieten in die Landwirtschaft
vermittelt. Wenn man heute mal mit solchen Leuten von damals zusammentrifft,
so sprechen sie jetzt noch von der schönen Zeit. Auch Ferienkinder wurden auf
dem Lande untergebracht. Wir nahmen auch ein zehnjähriges Mädchen, Anna
Knott, aus Straubing. Es war so ein liebes Kind, daß wir sie am liebsten
behalten hätten. Als Anna aus der Schule war, mußte sie ein Landjahr machen.
Sie kam wieder zu uns und blieb drei Jahre. Ich habe ihr das Melken
beigebracht, was ihr auch Spaß machte. Nach drei Wochen fragte sie meine
Frau: „Frau Pomplun, welche Kuh gibt nun eigentlich die Buttermilch?" Als
wir 1955 unser erstes Auto aus Bayern holten, haben wir sie aufgesucht. Die
Freude war sehr groß, daß wir uns noch einmal wiedersahen. Besonders belacht
wurde die Geschichte mit der Buttermilch. oooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooo Diese
Erinnerungen von Walter Pomplun sind in mehreren Fortsetzungen im
„Strandboten des Heimatkreises Köslin-Bublitz“ erschienen. Kurz vor
Veröffentlichung der vorletzten Folge starb Walter Pomplun, und der
Strandbote hat ihm folgenden Nachruf gewidmet:
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