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Chronik Mai 1943 bis zur Vernichtung am 12. Mai 1944

 

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unter Polen und Russen

von März 1945 bis Mai 1946,

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Familie Kaiser aus Prütznow und Labes

 

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Mein Schulbesuch in Labes

 

Schwessin

Kreis Köslin/Pommern

Flucht / Treck 1945

und Schwessiner-Treffen in der Lüneburger Heide

 

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Schwessin Kreis Köslin

 

Aus dem „Strandboten des Heimatkreises Köslin-Bublitz“:

 

Walter Pomplun, Ein pommersches Leben

 

In den Monaten vor seinem 85. Geburtstag im April 1992 hat sich Walter Pomplun, früher  Schwessin, hingesetzt und seine Lebenserinnerungen  aufgeschrieben. Unter dem Motto

„Das Leben in Freud und Leid eines pommerschen Bauern"

 schildert er in sehr persönlicher eindringlicher und anschaulicher Weise sein Leben. In diesem und den folgenden Strandboten wollen wir Auszüge daraus bringen. Es ist ein Ein­zelschicksal, das aber stellvertretend für seine Generation steht.                                                                   A. Trede.

 

                      

 

                             Walter Pomplun mit seinen Urenkeln

 

 

Kindheit

Als erstes kann ich mich daran erinnern daß ich fotografiert werden sollte. Ich muss drei Jahre alt gewesen sein. Meine Mutter hatte mir meinen ersten Hosenanzug genäht. Wie  mir in Erinnerung ist, war ich noch lange nicht stubenrein. Beim Spielen wurde ich oft überrascht.  Man musste über den ganzen Hof zum AB (oder auch Ziekret genannt) laufen. Dann mußte man noch eine Stufe überwinden. Den ersten Fuß kriegte ich noch hoch. aber heim Nachziehen des zwei­ten war dann das Malheur passiert. Meine Tante  Frieda kam mir oft zu Hilfe und ich sagte zu ihr: „Hose all werre voll.“

Zum Fotografieren mussten wir mit Pferd und Wagen 8 km nach Köslin fahren In einer Gaststätte wurden die Pferde untergestellt, dann wurden die Einkäufe erledigt. Im Anschluss ging es zu Onkel Ohlow. Er war Tischler gewe­sen und war durch einen Unfall arbeits­unfähig. Um zu überleben, nahm seine Frau in den Wintermonaten die Mädchen vom Lande, die in der Stadt nähen lernten, in Pension. Meine Mutter und ihre drei  Schwestern waren dabei. Die Freundschaft bestand noch bis zum Tode der alten Leute. In der Inflationszeit brachte ich der Frau Weihnachten einen großen Topfkuchen. Mutter Ohlow sagte zu mir: "Wenn Du nicht gekommen wärst, wäre ich verhungert."

 

Licht

Am 27. Februar 1913, am Geburtstag meiner Schwester Luise, brannte die erste elektrische Lampe. Also muss mit dein Bau 1912 begonnen worden sein. Ich fuhr mit meinem Vater nach Gieskow, wir holten Isolatoren und Masten. Diese waren etwa 10 m lang und waren mit Karbolineum getränkt, woran sich die Männer die Hände schwarz machten Es wurden 2 m tiefe Löcher ausgehoben und die Masten eingesetzt. Die Drähte, die im Haus verlegt wurden, waren mit einem roten Mantel umhüllt. Sie wurden dann noch in ein Blechrohr gesteckt.

 

Verlaufen

Als ich etwa drei Jahre alt war, fuhren meine Eltern mit einem Erntewagen, um Heu von der Wiese zu holen. Ich durfte nicht mit, lief aber doch hinter dem Wagen her. Sie bogen dann aber rechts in die Petersilienstraße ab, was ich aber nicht bemerkt hatte. Ich lief geradeaus, an der Kirche vorbei, bis ans Ende des Dorfes, wo mich Frieda Retzlaff aufgriff. Ich wäre vielleicht in einem Kornfeld gelandet, und man hätte mich nicht gefunden. In Erinnerung ist mir, daß ich bei Retzlaffs in der Küche auf einem Hocker saß und pannbacken Kartoffelpuffer gegessen habe. Da ich meinen Namen noch nicht deutlich sprechen konnte, wußte man nicht, wessen Junge ich war. Ich glaube, daß Frau Kruggel es war, die mich erkannte, weil meine Eltern dort verkehrten.

 

Dreikaten

Eines Sonntags sollte ich meiner Großmutter, welche krank war, einen Blumenstrauß hinbringen. Auf halbem Wege (drei Kilometer) kam eine Biene und setzte sich auf meinen Blumenstrauß. Ich ließ den Strauß fallen und rannte nach Hause. Tante Frieda pflückte einen neuen Strauß und kam mit zur Großmutter.

Mein Großvater, Hermann Jahn, der acht Kinder hatte, besaß drei Kilometer vorn Dorf entfernt eine Windmühle und eine kleine Landwirtschaft. Mein Großvater konnte alles, so wollte er eines Tages bei uns Fensterscheiben einsetzen. Er hatte aber seinen Glasschneider nicht dabei, deshalb mußten meine Schwester und ich denselben holen. Als wir nach Hause zurückkamen, hatten wir den Glasschneider verloren, Da mußte Tante Frieda wieder mit uns losgehen, ihn suchen. Wir fanden ihn in einer Wagenspur.

 

Molkerei

Bis 1912 gab es eine private Molkerei in Schwessin, Besitzer war Max Spenner, Dort mußte ich immer Butter holen. Die Bauern verlangten pro Liter Milch einen halben Pfennig mehr von Spenner, dieser weigerte sich aber hartnäckig. Daraufhin gründeten die Bauern aus Schwessin und Mersin eine Molkereigenossenschaft und beschlossen den Bau einer eigenen Molkerei. Diese wurde gegenüber unserem Hof gebaut und 1913 in Betrieb genommen. Die Höfe, die in der Nähe lagen, brachten die Milch selber zur Molkerei, während die anderen Bauern die Milch abwechselnd anlieferten. Wir bekamen die Kannennummer 92. Als der Schornstein fertig war, außen waren Steigbügel angebracht, sind Walter Jastrow und Günter Woiznick daran hochgeklettert. Ich hätte es gerne nachgemacht. Da ich der einzige Sohn und drei Jahre jünger war als die anderen, durfte ich nicht. Daß ich das nicht durfte, war für mich sehr deprimierend. Ich fühlte mich gegenüber den anderen zurückgestellt,

 

Rubows Gut

Etwa 1912 wurde das Gut von Hermann Rubow parzelliert. Das Gutshaus und die übrigen Gebäude kaufte ein Briefträger Schmidt. Ich weiß noch genau, wie er Scheune und Stall abgerissen hat. Schmidt ist gleich zu Anfang des 1. Krieges gefallen und hinterließ Frau und zwei Töchter. Das Gutshaus war etwa 60 m lang und 15 m breit. Als die ersten russischen und serbischen Kriegsgefangenen eintrafen, wurden diese in dem Gutshaus untergebracht. Mein Schulfreund Siegfried Stengel und ich gingen oft Sonntags Nachmittag zu den Gefangenen und lernten Deutschsprechen mit ihnen. Wir bekamen dafür Aluminium‑Fingerringe geschenkt. Als unser Lehrer Ziemer davon erfuhr, wurde uns verboten, dorthin zu gehen.

Die Bauplätze der Straße gegenüber unserem Hof wurden an Franz Stengel, Heizer in Streckenthin, Schlachter Franz Hahn, Straßenwärter Franz Baumann Lind Otto Baumann verkauft. Jeder hatte gleich hinter seinem erbauten Haus etwa 10 Morgen Land und Wiesen, so daß sich jeder eine Kuh halten konnte. Auch der Bauplatz für die Molkerei wurde damals durch die Molkereigenossenschaft erworben, Das Ackerland und die Wiesen wurden an viele kleine Bauern und Handwerker verkauft. Aus dem Inventar des Gutes kaufte meine Mutter einen Webstuhl mit Zubehör. Sie hat viel darauf gewebt und ich mußte immer bei jedem Neuaufzug die Fäden hinreichen, welche am Kamm angeknüpft wurden. Ich mußte auch auf einem Spinnrad die Spulen zum Anschlag anfertigen. Das Weben wurde 1935 beendet, als die Aussteuer meiner Schwester fertig war.

 

Dreschmaschine

Als im vorigen Jahrhundert die erste Dreschmaschine kam, hat der Schwiegervater zu meinem Vater gesagt: "Tedor, wi sünn 50 Joar tu früh gebore.“  Es war ein Stiftendrescher. Der Einzug bestand aus zwei Walzen, die das Getreide zu der Trommel mit den Stiften führten. Die Rollen waren 50 cm breit. Man mußte die Garbe fünfmal teilen und nur eine Handvoll reinschieben. Man konnte an einem Tag etwa 10 Zentner ausdreschen. Am Abend wurde dann das Getreide mit einer Schaufel langsam durch eine Reinigungsmaschine gelassen (mit Handantrieb). Wir hatten Glück, wenn wir um 10 Uhr abends fertig waren.

 

Scheune

1913 baute mein Vater eine neue Scheune, massiv mit Pappdach. Ich durfte als Sechsjähriger die Pappe mit Pappnägeln festnageln helfen. Welcher Junge geht nicht gerne mit Hammer und Nägeln um. Als mir die Knie wehtaten, rutschte ich beim Nageln auf dem Hintern immer rückwärts. Ich wäre beinahe durch ein Loch gefallen, das man zum Aufsteigen mitten im Dach gelassen hatte, wenn mein Vater nicht zufällig dazu gekommen wäre. Als das Dach fertig war, sind Vater, Mutter, Luise, ich und Eva, welche noch im Steckkissen lag, aufs Dach gestiegen und haben einen Rundgang gemacht. Die alte Scheune war aus Fachwerk gebaut und mit einem Strohdach versehen, welches fast bis an die Erde reichte. In einem dicken Balken war ein großes Loch, worin man, bevor es Petroleum gab, Kienspäne ansteckte, um die Tenne zu beleuchten. Mit der Petroleumlampe war die Beleuchtung dann schon ein Fortschritt. Es war nur eine Lampe für Stall und Scheune vorhanden. Wenn mein Vater in den Wintermonaten früh in der Dunkelheit aufstand, mußte er über den ganzen Hof. Mit der Lampe in der einen Hand trug er in der anderen ein Bund Stroh aus der Scheune in den Stall. Ich lag schon wach im Bett, hörte die Schritte meines Vaters und sah an der Decke die Lampe spiegeln.

 

1. Weltkrieg

In meiner Schulzeit lernte ich, daß Kaiser Wilhelm II der Friedenskaiser war. Der Geburtstag des Kaisers wurde in der Schule groß gefeiert. Es wurden Girlanden gewickelt. Der Lehrer hielt eine Ansprache und es wurden Vaterlandslieder gesungen. "Der Kaiser ist ein lieber Mann, er wohnet in Berlin, und wär es nicht so weit von hier, so flög ich heut noch hin", sangen die Kleinen, dann war schulfrei. In meinem Elternhaus wurde der Weihnachtsbaum und ein großer Topfkuchen von Weihnachten aufbewahrt, womit der Geburtstag gefeiert wurde.

 

Schrotmühle

Herrmann, der älteste Bruder meiner Mutter, hatte von seinem Vater Hermann Jahn den Mühlenbetrieb und die kleine  Landwirtschaft übernommen. Den Ortsteil nannte man Dreikaten, er lag drei Kilometer vom Dorf entfernt. Um den Bauern und vor allem den kleinen Leuten, die mit der Karre ihr Korn zur Mühle karren mußten, die Strapazen abzunehmen, fuhr er einmal in der Woche das gemahlene Schrot zu den Leuten hin und nahm wieder Getreide zum Mahlen mit zurück. Immer kehrte er bei uns an, und ich durfte dann von Hof zu Hof mitfahren, Letzte Station war Gastwirt Pomplun, der aber nicht mit uns verwandt war. Onkel Hermann trank anstandshalber ein Bier oder einen Schnaps und ich bekam eine Tüte Bonbons, Um dieser Belastung durch den Transport ein Ende zu machen, wollte Onkel Hermann in unserer Scheune, am Ende zur Straße hin, eine Schrotmühle einrichten. Mein Vater war damit einverstanden. Es konnte ja nichts Besseres geben; wenn die Milchwagen zu Molkerei kamen luden sie erst ihr Korn in der Mühle ab. Es wurde gleich gemahlen, und wenn die Bauern ihre Milch ab und ihre Mager­- und Buttermilch wieder aufgeladen hatten, konnten sie ihr Schrot von der Mühle wieder abholen. Onkel Hermann fuhr aber erst zur Stadt, um die Genehmigung dafür zu beantragen. Unterwegs packte ihn die Idee, selbst eine Mühle, und zwar direkt an der Straße auf unserem Gelände zu bauen. Daß mein Vater seinem Schwager einen Platz zum Bauen gab, war Ehrensache. Ein Jahr später, 1914, wurde die Mühle in Betrieb genommen. Das Geschäft lief, wie erwartet, sehr gut. Die Mühlsteine wurden mit dem Ackerwagen von Köslin vom Bahnhof geholt. Sie wurden mit einem starken Tau in die Mühle gezogen. Alle Männer, die vorbeikamen (etwa zehn), wurden eingespannt. Für uns Jungs war das ja ein Erlebnis.

 

                                                      

Es war damals üblich, daß alle Handwerker und Beamten in der Ernte halfen. Mit der Sense schaffte ein  Mann und 2 Binder nur 2 Morgen an einem Tag. So waren auch bei uns an diesem Tage Briefträger Göhrs mit Frau beim Hafermähen. Wenn das Mittagessen fer­tig war, wurde ein weißes Handtuch an die Kellertür gehängt zum Zeichen den Heimweg anzutreten. In der Erntezeit bekamen Helfer zum Frühstück und Zweitfrühstück Eier, Wurst, Schinken und Käse.  Zum Mittag gab es auch was besonderes, Vorsuppe mit Huhn, als Hauptgericht Kalbs‑, Rinder‑ oder Schweinebraten.  Als Nachspeise Reis- oder Griespudding mit Himbeersoße. Zum Kaffee gab es Hefekuchen. Auch Abendbrot  gab es noch. Zu trinken gab es Schnaps, Johannisbier und Himbeersaft und selbstgemachtes Braubier. Zum Zweitfrühstück und zum Kaffee wurde das Essen ins Feld gebracht. Willi Pergande war bei uns, wie man damals sagte, als Knecht beschäftigt.           Meine Mut­ter reichte die Schnapsflasche rum. Willi Pergande war der Letzte der einen aus der Buddel  haben sollte. Meine Mutter wollte ihm die Flasche reichen. als er zum letzten Hieb ausholte und dabei das Schienbein meiner Mutter traf. Sie fiel gleich um. Alle Nachbarn eilten herbei, und ich weiß noch wie heute, wie Frie­drich Wietzke, unser Nachbar, sie auf seinen Armen nach Hause trug. Ein Arzt, glaube ich, wurde bei solchen Fällen nicht geholt.

Als 15jähriger mußte ich mit meinem Vater eine Woche  lang mit der Sense unser Korn abmähen. Während des ersten Weltkrieges  wurde das Korn mit dem Grasmäher abgemäht. Später bekamen wir eine Flügelmaschine, welche die Garben über einen Tisch ablegte. Für die Binder war das eine große Erleichterung. Die Garben in Stiegen zusammen gestellt ( 1 Stiege = 20 Garben). Bei warmen und trockenem Wetter konnte mit dem Einfahren begonnen werden. Der Packer, meist eine Frau, stand auf einem langen Leiterwagen und packte die Garben, die von einem Mann mit der Forke hochgestakt wur­den, zu einem Fuder zusammen. In der Scheune wurden die Garben mit 3 – 4 Mann im Fach abgeladen. Der letzte Mann packte die Garben mit den Ähren nach innen und einem Stoß mit dem Knie hin. War eine Lage fertig, fassten wir uns alle an die  Hände und traten die Garben fest.

 

Kartoffelernte

Als 10jähriger musste ich schon mit in die Reihe zum Kartoffelnbuddeln. Sieben Sammler schafften am Tag einen Morgen. Ab 5 Sammlern wurden die Körbe von einem in die Säcke geschüttet. Zwei Mann luden die Säcke unter Benutzung eines Knüppels auf den Wagen, um sie nach Hause zu fahren. Ein Teil der Kartoffeln kam in den Keller, die übrigen wurden zu einer Miete aufgeschüttet und mit einer dünnen Erdschicht bedeckt. Anfang November wurde dann soviel Erde auf die Miete geworfen, daß sie nicht erfrieren konnten. Im Frühjahr wurden die Mieten abgedeckt, die Kartoffeln mit der Hand in Säcke gefüllt und zum Verfüttern in den Keller geschüttet.

Bevor morgens die Sammler ins Feld kamen, war mit dem Pflug eine Reihe um die andere aufgepflügt. (Also jede zweite Reihe, um genügend Abstand zwischen den Sammlern zu haben.)

Waren die Sammler einmal rüber, wurde das Kraut abgeeggt, auf einen Wagen geladen, nach Hause gefahren  und auf einen Haufen geworfen. Dann wurde die zweite Reihe aufgepflügt. So ging es eine Woche lang und keiner hat einen Bandscheibenschaden davon gekriegt.

Um die Arbeit zu erleichtern, gab es einen Apparat, welcher am Pflugschar befestigt wurde. Dieser wurde unter den Stauden geführt, um die Erde locker zu machen. Es hatte den 'Vorteil, daß man länger vor Beginn des Sammelns das Pflügen vornehmen konnte, da ja die Kartoffeln bedeckt blieben und nicht dem Regen ausgesetzt waren. Zwei Sammler bekamen zwei Reihen, man sparte das 2. Mal aufpflügen und das Krautabfahren. Das Sammeln ging auch schneller, anstatt 7 Mann je Morgen sammelten jetzt 5 Mann einen Morgen an einem Tag auf. Später bekamen wir einen Kartoffelroder. Da sammelten 2 Mann je Morgen am Tag.

Es war schon Krieg, da habe ich einen Gummiwagen angeschafft. Die Räder und Achsen bekam ich vom Taxifahrer Max Streickert. Den Bau des Wagens machte Schmied Frank in Köslin, er bekam zu Weihnachten eine Gans extra dafür. Ich hatte 10 Drahtkörbe je 1 Zentner besorgt, wo die Sammler die Kartoffeln reinschütteten. Die vollen Körbe wurden  von 2 Mann auf den Plattformwagen gestellt und abgefahren. Welch ein Fortschritt zu damaliger Zeit!

 

Schulzeit

1913 kann ich zur Schule, es gab in Schwessin 2 Schulen. Ich ging in die Dorfschule, „Dörpschaul“ auf Platt, später Schule I, am Westende des Dorfes gelegen. Die spätere Schule II im Osten des Dorfes nannte man "dei Katsch Schaul", dort gingen die Kinder von den Ausbauten hin. Schwessin hatte um das Dorf herum mehrere Ausbauten. Kuhwiese,  Kossätenberg, Flakenfier, Kampf­berg, Dreikaten, Fierberg, Bergkaten, Wanzenberg, Mittelbruch. Bauernkamp, Mühlenberg und Krück. Schwessin war 6000 Morgen groß, hatte 220  Haushaltungen und 1200 Einwohner.  Jede Schule hatte 2 Klassenzimmer und 2 Lehrer.

In einem Zimmer waren 4 Klassen unter­ gebracht, welche ein Lehrer zugleich unterrichten musste. Welch eine Leistung die Lehrer mit einem Taschengeld als Gehalt damals vollbracht haben, ist bewundernswert. Der erste Lehrer hatte seine Wohnung in der Schule dazu eine kleine Landwirtschaft mit einem Pferd, Kühen und Schweinen. Die älteren Jungs mußten während des Unterrichts Häcksel schneiden, angetrieben mit einem Roßwerk, welches von dem Pferd gezogen wurde. Außerdem mussten sie Rübenputzen, Kartoffeln abkeimen usw. Vor dem Unterricht mußten die älteren 2 Jungs den Glockenturm der Kirche, welcher gegenüber der Schule lag,  besteigen, und eine Glocke läuten. Glocken läuten hat uns viel Spaß gemacht. Lehrer Ziemer unterrichtete die älteren Klassen. Er hatte 6 Töchter und 5 Söhne, 3 davon sind gefallen, was ihm sehr nahe gegangen ist. Er hatte keine Lust mehr, daher haben wir auch nicht sehr viel bei ihm gelernt. Ziemer war in der vierten Generation auf der selben Stelle als Lehrer. Die Regierung wollte, daß von seinen Söhnen wieder einer Lehrer werden sollte. Dieses lehnte Ziemer ab. Lieber sollten seine Söhne den Mühlenberg mit der Mütze wegtragen, als sich mit den Kindern zu ärgern.  Hugo wurde Kaufmann,  Otto Zimmermann, letzterer ging 1920 nach Amerika.  Holte seine       Freundin Erika Dreger nach, die lernte aber auf dein Schiff einen in anderen Mann kennen.  Otto wurde ein Weiberfeind und hat nie geheiratet.

Als Lehrer Ziemer seine Tätigkeit endete,  zog er  nach Köslin, um seinen Lebensabend zu genießen. Leider hat er nicht viel davon gehabt, weil er bald starb. Die Ruhe und das Stadtleben waren ihm nicht bekommen.

 

Dammbruch

Nach (lern 1. Weltkrieg wurde zwischen Nedlin und Roßnow ein Stausee gebaut, wo viele Leute Arbeit fanden. Herr v. Kameke, Streckenthin und Herr v. Heidebreck bauten hier, um die Wasserkraft zu nutzen, ein Elektrizitätswerk. Kameke hatte 7 Güter und Heidebreck 3 Güter. Dieses Werk lieferte soviel Strom. um alle Betriebe damit zu versorgen. Der überschüssige Strom wurde an das Überlandwerk in Belgard abgegeben. Anfang des Krieges (1941?) war ein sehr kalter Winter. Als im März die Schneeschmelze einsetzte, brach der Deich und das Wasser rauschte das Radütal bis Belgard, anfangs mit einer Welle von 10 m Höhe herunter. Alle Brücken und ein Haus wurden mitgerissen. Das Vieh lag ertrunken in den Ställen. Nur den Hühnern, welche eine Sitzgelegenheit hatten, die mit Ketten an der Decke befestigt war, wurde das Leben durch das Schwimmen ihrer Behausung erhalten. Es war schau­rig anzusehen.

 

 

Hühnerhaltung in Schwessin

Etwa Anfang der dreißiger Jahre erfuhr ich von einer künstlichen Brüterei in Rogzow Krs. Köslin. Sofort fuhr ich dorthin und bestellte 100 Eintagsküken zum 1. Mai. Von künstlicher Aufzucht hatte ich schon mal gelesen. Meine Mutter hätte bald einen Schlag bekommen, als ich mein Vorhaben erzählte.

Wir hatten neben der Waschküche einen Raum als Kunstdunglager mit Schornsteinanschluss. In einer Ecke, 20 cm von den Wänden entfernt, ließ ich einen Ofen aus Ziegelsteinen bauen. In einer Höhe von 20 cm befestigte ich Bretter, um die Wärme nicht nach oben steigen zu lassen. Einige Jahre später wäre mir diese Vorrichtung fast zum Verhängnis geworden. Als ich eines Tages vom Feld kam sah ich, daß Rauch aus den Ritzen der Stalltür quoll. Mit einem Eimer Wasser konnte ich den Brand löschen. Den Küken war noch nichts passiert. Wäre ich nicht zufällig zur Mittagszeit vom Feld gekommen, hätte der ganze Hof abbrennen können; denn an beiden Enden des Stalles standen Gebäude mit Strohdach. Fast alle Küken wurden groß und kamen dann als legereife Junghennen in den vorhandenen Hühnerstall, welcher sich im Kuhstall befand und daher im Winter schön warm war und somit die Hühner zum Legen veranlaßte, was bis dahin in den kalten, dunklen Wintermonaten nicht möglich war. Nun konnte ich zu Weihnachten von 50 Hühnern 30 Eier einsammeln, was es bis dahin in der Weihnachtszeit noch nicht gab. Frische Eier zu Weihnachten, welch ein Fortschritt!!!

Erst wenn der Schnee geschmolzen, die Sonne höher stieg, frühestens Anfang März, begannen die Hühner mit dem Eierlegen. Als ich im Winter die Eier zum Markt brachte, wurden diese mir schon in Köslin auf der Straße aus dem Korb gerissen. Welch schöne Nebeneinnahme für die Bäuerin.

50 Hähne konnte ich lebend für einen damals guten Preis an das Feinkostgeschäft Dahms in Köslin verkaufen!!!

Nach dem 1. Weltkrieg hatte die älteste Tochter von Onkel Franz einen Brunnenbaumeister in Stolp geheiratet. Mitte der zwanziger Jahre kam die Familie per Auto, was damals eine Seltenheit war, bei uns zu Besuch. Sie brachten uns Bruteier von Rodeländer Hühnern mit, welche ich von der Glucke ausbrüten ließ. Als die Junghennen von dieser neuen Rasse legereif waren, fand im Saal der Schwessiner Gaststätte eine Geflügelausstellung statt. Ich beteiligte mich an der Ausstellung mit 2 Hennen und einem Hahn und war überglücklich, daß meine Tiere mit dem 1. Preis ausgezeichnet wurden und ich 10,00  RM dafür erhielt.

Dieser Erfolg gab mir Mut und so kam es, daß in guten wie in schlechten Zeiten meines langen Lebens die Hühnerhaltung zur Existenzgrundlage wurde.

Besonderes Interesse hatte ich an Sauenzucht. Einmal hatte eine Sau 14 Ferkel, aber nur 10 Zitzen. So ging ich bei und zog die 4 mit der Flasche groß. Ich habe so manche Nacht im Schweinestall zugebracht, da das Ferkeln meist nachts stattfand. Ich legte eine alte Matratze über den Gang, so konnte ich im Liegen den Vorgang überwachen.

1938 wurde ich Mitglied des Verbandes Pommerscher Schweinezüchter. Ich fuhr zu einer Herdbuchversteigerung und kaufte 2 Herdbuchsauen. Als Herdbuchzüchter durfte ich dann auch Eber und Sauen auf Versteigerungen verkaufen. Bei jeder Sau wurde im Stall eine Tafel aufgehängt, worauf die Aufzuchtleistungen der Sau aufgeführt wurden. Ein Jahr stand ich mit der Durchschnittsleistung der Sauen an 8. Stelle in Pommern. Als Anfänger ein ansehnlicher Erfolg. Ich hatte hinter meinem Stadtwagen einen PKW‑Anhänger, womit ich 2 große Sauen transportieren konnte. Mit Willi Zander aus Güdenhagen hatte ich mir einen sehr wertvollen, älteren Eber gekauft und fuhr dort hin zum Decken der Sauen.

 

Rinder

Auch an der Rinderzucht war ich sehr interessiert. Im Dorf wurde ein Bullenhaltungsverein gegründet. Unsere Kühe wurden zunächst ins Hilfsherdbuch aufgenommen. Erst die Nachzucht wurde im Herdbuch aufgenommen, wenn sie die gewünschte Form und eine bestimmte Leistung erbrachte. Diese Methode dauerte mir aber zu lange. Ich kaufte von einer der besten Zuchten Pommerns, von Herrn Guse aus Rafin Kr. Belgard, 4 tragende Starken. Eine davon hatte aber so kurze Zitzen, daß es eine Qual war, diese Kuh zu melken. Ich hätte in einigen Jahren meinen Kuhbestand auf lauter Herdbuchkühe bringen können. Zwei gut ein Jahr alte Bullen konnte ich schon als Zuchttiere für 1500 RM verkaufen. Als Schlachtvieh hätte ich dafür etwa 400 RM bekommen. Im Frühjahr 1945, als die Russen da waren, wurden sämtliche Milchkühe draußen zu einer Herde zusammen getrieben.

Wir hatten nur eine kleine Landwirtschaft von 50 Morgen: 7 Morgen Klee, 10 Morgen Roggen, 4 Morgen Gerste, 7 Morgen Hafer, 5 Morgen Kartoffeln, 2 Morgen Steckrüben (auf pommersch Wrucken), 1 Morgen Runkeln, diese immer auf der selben Stelle, daher mehr Franzoserikraut als Runkeln. Im Frühjahr mußten meistens Kartoffeln zugekauft werden. Das Stroh reichte auch nicht. Im Winter ging mein Vater mit einer großen Hacke in den Wald und hat Moos gehackt. Nachmittags fuhr ich dann dort hin, um es abzuholen, eine mühselige Arbeit. Mit dem Moos wurden die Kühe gestreut. Die 12 Morgen Wiesen wurden 2x gemäht. Der Rest war Hof und Garten. Wo die Mieten angelegt waren habe ich später Mais für die Kühe angebaut, als Futter für Sonntagnachmittag, damit Vater mit den Kühen nicht auf die Weide ziehen brauchte. Zum Austrieb wurden alle 9 Kühe zusammengekoppelt. Auf der Weide lag für jede Kuh eine Kette mit Pfahl, an der die Kühe einzeln befestigt wurden. Zwischendurch wurden die Pfähle mal wieder geschlagen und zum Abend wurden die Kühe in den Stall geholt. Getränkt wurden die Kühe draußen an einem langen Trog. Das Wasser wurde mit der Hand aus einer .Holzpumpe gefördert. Im Winter, bei strengem Frost, wurde das Wasser mit Eimern in den Stall getragen. Auch in der Küche standen 2 Eimer Wasser aus dieser Pumpe bereit. Zum Waschen wurde das Wasser mit einem Topf in eine Schüssel gegossen, welche in einem Ständer stand.

 

3x Pöppel

Es gab in Schwessin viele mit dem Namen Pöppel, darunter drei mit dem Vornamen Fritz. Damit man wußte, welcher gemeint war, hatten sie einen Beinamen. Der eine war Tischler ‑ daher "Discherfritz". Der andere Fritz war besonders groß ‑ daher "Grotfritz". Der dritte war klein und dick ‑ daher Dickfritz". jeder im Dorf wußte dann, wer gemeint war. In der Ortskartei wurden sie mit Pöppel I, II und III geführt.

 

 Weißer Krug

Die Belgarder Landstraße war früher eine wichtige Straße von Danzig nach Berlin. Dort trieben oder fuhren die Händler ihr Vieh nach Berlin zum Schlachten. An dieser Straße stand zwischen dem Streckenthiner Wald und Gülz ein weißes Haus, das man als 'Witte Kraug' bezeichnete. Bis zur Jahrhundertwende oder bis die Eisenbahn nach Berlin fuhr, übernachteten die Händler in diesem Weißen Krug.

Abends mochte niemand am Krug vorbeigehen, weil es spukte. Das sagte man noch in meiner Kindheit. Später wohnte dort der Tagelöhner Runge, welcher beim Graben in seinem Garten auf eine Kiste stieß. Er stellte fest, daß die ganze Kiste mit Geld gefüllt war. Dann ging er mit der vollen Kiste zu seinem gnädigen Herrn. Herr von Kameke öffnete die Kiste, und es stellte sich heraus, daß es alles Goldgeld war. Herr von Kameke gab Runge für seine Ehrlichkeit so viel ab, daß er sich einen Bauernhof in Gülz kaufen konnte. Ich bin mal selbst auf diesem Hof gewesen.

Als etwa 1930 der Weiße Krug abgebrochen wurde, fand man im Keller Menschenknochen. Man hatte die Händler erschlagen, das Goldgeld im Garten und die Händler im Keller vergraben. Der Gastwirt muß ein abgebrühter Typ gewesen sein, sonst hätte er wohl nicht

in dem Hause schlafen können. Der Besitzer dieses Hauses war von Kameke.

 

Wanzenberg und von Kameke

Der Wanzenberg und der Schwarzsee mit seinen gefährlichen Tiefen waren unsere Ausflugsziele. Sechs kleine Bauern lebten hier unter armseligen Verhältnissen. Im Sommer mußten die Kinder Blaubeeren und Pilze sammeln, um zum Lebensunterhalt mit beizutragen. Der Weg zur Schule betrug 5 km. Zur Schulzeit meines Vaters war auch noch nachmittags Unterricht. Wenn die Tage kürzer waren, mußten die Kinder morgens im Dunkeln losgehen und kamen erst abends in der Dunkelheit zurück. Mit zehn Jahren mußten die Kinder im Dorf bei den Bauern Kartoffeln sammeln. Ältere Kinder gingen zum Gutsbetrieb von Kameke in Streckenthin. Hier wurde im Akkord gesammelt. Eines Tages meuterten die Sammler, weil sie nicht genug verdienten. Am nächsten Morgen erschien Herr von Kameke persönlich in Kriechhosen auf dem Kartoffelacker, bewaffnet mit einem Kratzer und Korb und setzte sich in die Reihe. Daraufhin legten die Leute ein solches Tempo hin, daß Herr von Kameke nicht mithalten konnte. Er rief seinen Leuten zu: "Man nich so dull, so dull kann ick nich." Als sie gemeinsam am Ende angelangt waren, schaute von Kameke auf die Uhr und sagte: "Schie verdeint nauch, dat gift nich mehr Geld."

 

In der Getreideernte gingen die älteren Kinder mit Sense und Harke ausgestattet ins Dorf und halfen dort, die Ernte zu bergen. Auch wurde mal ein Hase oder Reh gefangen, Der Lehrer fragte einen Schüler: "Wat hev schie am Sünndach taum Mirrach gete?" Franz antwortete: "Dat wehr eie Kalf mit Hürner." Dem Jagdpächter war das ja ein Dorn im Auge.

Deshalb setzten sich Förster, Gendarm und Jagdpächter auf die Lauer, um diesem Treiben ein Ende zu machen. Plötzlich kam ein Mann gelaufen. Der Förster legte an und traf den Wilddieb am Kopf. Nach einigen Tagen starb der Mann namens Zarger. So ging der Vater zum Pastor Magdalinski und wollte die Beerdigung besprechen, sein Sohn war ja gestorben. Darauf der Pastor: "Ach so, der Wilddieb, der Wilddieb." Der Vater war nicht auf den Mund gefallen und erwiderte: "Herr Pastor, weres man ganz still, sei sünd doch ok bim Preisterbure sin Mäkes dürch't Fenster stäge." Der Pastor: "Herr Zarger, wann soll die Beerdigung sein?" Dieses Erlebnis hat mir Theodor Scheunemann vor einigen Jahren als ehemaliger Jäger erzählt.

Im ersten Weltkrieg verlor Magdalinski seine beiden ältesten Söhne, drei weitere gingen noch zur Schule. Als Fenstersteiger war er bekannt. Als Pastor Magdalinski einmal von Geritz aus der Kirche kam, spukte es hinter ihm. Es war stockfinster. Es machte immer tap, tap, tap. Sobald er still stand, war es ruhig. Es verfolgte ihn bis vor seine Haustür. Als am nächsten Morgen sein Hausmädchen die Tür öffnete, stand dort ein Schafbock.

 

August Wenzel, auch Meensch August genannt

Es war nach dem 1. Weltkrieg, während der Inflation. Seine Tochter machte Hochzeit. Da die Lebensmittel und das Geld sehr knapp waren, besorgte er sich ein Pferd mit Wagen von Max Spenner, dem ehemaligen Molkereibesitzer. Mit diesem Gefährt fuhr er des Nachts nach Geritz zum Geritzer Berg. Dort holte er sich aus der Miete des Herrn von Kameke einen Wagen voll Kartoffeln. Der Diebstahl wurde angezeigt. Der Polizist ging zum Schmied und erkundigte sich, welches Pferd im Dorf die größten Hufe hatte. Es war das Pferd von Max Spenner. Dadurch wurde der Diebstahl schnell aufgeklärt. Mir ist nicht bekannt, daß August Wenzel dafür bestraft wurde. Es war so Sitte, daß, wenn eine Hochzeit war, abends das halbe Dorf zum Zugucken ging. Da ertönte dann der Ruf: "Tuffle, Tuffle, Tuffle!"

 

Werbung belebt das Geschäft

Einmal mußte ich mit Frühkartoffeln nach Köslin auf den Markt fahren, wozu ich gar nicht recht Lust hatte. Das Geschäft lief überhaupt nicht, bis ein Nörenberg auftauchte, mit dem ich vor Jahren in Barzlin Fußball gespielt hatte. Dieser machte immer den Eindruck, als wenn er nicht alle Tassen im Schrank" hätte, wie man so schön sagt. Am Eingang zum Markt griff er alle Leute auf, die einen Sack unter dem Arm hatten und brachte sie an meinen Wagen. Er lobte die Kartoffeln bis zum 'geht nicht mehr.' "Einen Fehler haben die Kartoffeln aber" sagte er; und dann auf Platt: " Dei ware tau rasch all." Alle lachten und ich hatte meine Wagenladung in kurzer Zeit verkauft.

 

Schwarzsee

Im Schwarzsee war vor dem ersten Weltkrieg ein Bauernsohn Scheunemann, welcher als Soldat im Urlaub war und seinen Freunden zeigen wollte wie er schwimmen kann, ertrunken. Fischer aus Lübtow haben ihn mit Netzen geborgen. Als Badegewässer war der Schwarzsee sehr gefährlich, besonders für Nichtschwimmer. Das Wasser war zunächst knietief, aber etwa 20 m vom Ufer entfernt fiel der Grund plötzlich steil ab. So ging auch ich mit meinen Freunden Willi und Walter Jastrow zum Baden. Plötzlich war Willi im Wasser verschwunden. Walter, welcher nicht weit davon entfernt war, sprang seinem Bruder nach. Als ich an der Stelle ankam, hatte Walter seinen Bruder an der Hand und ich zog beide an Land. Willi lag vier Stunden besinnungslos, bis Günter Mews mit einem schnellen Pferd einen Arzt aus Köslin holte. Emil Nagel, der stärkste Landwirt Pommerns, machte bei Willi Jastrow Wiederbelebungsversuche, bis der Arzt kam.

 

Gesang

Bevor das Unglück im Schwarzsee passierte, fuhren wir vom Sportverein im Sommer dorthin zum Baden. Unterwegs wurde immer gesungen, wobei die Mädchen im Mittelbruch auf meine Stimme aufmerksam wurden. Sie zerrten mich regelrecht in den Gesangverein. jedes neue Mitglied mußte sich einer Stimmprobe unterziehen. Da ich aber so schüchtern war, hatten die Mädchen dafür gesorgt, daß ich nicht vorzusingen brauchte. Das war 1922, kurz vor der Währungsumstellung, die die Inflation beendete. ich ging gleich zum Baß. Mein Nebenmann war mein späterer Schwager Fritz Henke. Mit seiner Hilfe lernte ich schnell das Baßsingen. Einmal in der Woche war Singeabend. Die Sänger hatten meist einen langen Anmarschweg. Den weitesten Weg von 5 km hatten zwei Wanzenberger. Sie waren aber zuerst da und gingen nach dem Singen zuletzt nach Hause. Es war für diese Leute ein besonderes Erlebnis, wenn sie einmal in der Woche mit anderen Menschen zusammenkamen. Ihre Stammkneipe war Arndt, während wir bei Stielow, später Schwarz, unseren Durst löschten. Wir Männer waren meist alle verheiratet. An einem Abend sagte Siegfried Pieper um halb zwölf Uhr, er müsse jetzt nach Hause gehen. Er habe seiner Frau versprochen, um Mitternacht zu ihrem Geburtstag zu Hause zu sein. Als er sich von uns verabschiedete sagte ich: „Wir kommen nach." "Das könnt ihr tun" meinte er. Aus Spaß wurde Ernst und wir, etwa 10 Mann, marschierten um Mitternacht die 2 km dem Geburtstagshaus mit Gesang entgegen; Siegfried Manke als Führer vorweg. Er hatte immer einen Stock bei sich, weil er vom Krieg ein steifes Bein mitbekommen hatte. Den Stock in der Luft schwingend, hielt er uns im Gleichschritt zusammen. "Unser Hauptmann steigt zu Pferde", "Haben frohen Mut" und andere Lieder waren unser Marschgesang. Bei Siegfried Pieper angekommen, war alles dunkel und sie waren im ersten Schlaf Wir machten uns durch ein Lied bemerkbar, schon ging das Licht an und wir wurden reingelassen. Durch unseren langen Marsch waren wir hungrig und durstig geworden. Ich half der Hausfrau beim Herrichten und Auftragen der für die Geburtstagsfeier angeschafften Speisen und Getränke. Es sollte nichts übrig bleiben, so daß Piepers für die am Nachmittag bevorstehende Feier neu einkaufen mußten. Am frühen Morgen traten wir vollbeladen unseren Heimweg an. Alle, die dabei waren, werden wohl noch lange an diese schönen Stunden zurückgedacht haben.

Im Winter fanden sich unsere Frauen abwechselnd untereinander zusammen, während wir Singeabend hatten. Nach dem Singen hielten wir uns bis etwa 23 Uhr in der Gastwirtschaft auf und holten dann unsere Frauen ab. Vor dem Heimweg wurden wir noch mit Kaffee und Kuchen bedient.

 

Unser erster Dirigent war ein Gärtner vom Wanzenberg. Er war wegen der Hungersnot von Berlin zu seiner Schwester gekommen, die auf dem schwarzen Moor eine Wohnung frei hatte. Er gründete den gemischten Chor in Schwessin. Dieser Mann konnte alle Instrumente spielen, obwohl er nicht daran ausgebildet war. Solche schönen Lieder, wie bei diesem Mann, habe ich nie wieder in meiner 70‑ jährigen Zeit als Sänger gesungen. 17 Dirigenten hatte ich während der 70 Jahre. Leider verließ uns Albert Pergande etwa 1925 und ging wieder nach Berlin, weil dort die Verdienstmöglichkeiten besser waren. Es folgte Alfons Jagsch, ein Lehrer und Organist; ein äußerst befähigter Dirigent und Schauspieler. Es wurden viele Theaterstücke aufgeführt. Der Jäger von Kurpfalz", eine Operette mit großem Orchester, fand besonders großen Anklang. Die Hauptrollen spielten Fritz Henke, A. Jagsch, seine Frau nebst Tochter u.a.

In der Kirche wurde zu allen Anlässen mitgewirkt. Auch wurden einige Kirchenkonzerte veranstaltet. Einige Hochzeiten im Jahr besangen wir. Feierte der Raiffeisenverein sein Jahresfest, waren wir auch dabei, um zu singen. Im Winter und im Sommer wurde ein Sängerfest mit Theater und Tanz veranstaltet. Der Saal war immer brechend voll mit Gästen. Heute muß sich ein Verein, der ein Fest feiern will, viele Gesangsvereine einladen, um den Saal zu füllen, sich gegenseitig etwas vorzusingen und die Unkosten zu decken. Gäste sieht man sehr selten. Bei uns fand alle Jahre ein Kreissängerfest statt, bei dem der ganze Kreis Köslin auf den Beinen war. jedes Jahr war das Fest in einem anderen Dorf. Bis zu einer Entfernung von 10 km fuhren wir mit dem Fahrrad hin. Die weiter abgelegenen Dörfer wurden am Anfang mit einem Lastwagen, später aber schon mit Bussen erreicht. Kreischorleiter war ein Lehrer Simon aus Neuklenz. Diesen Mann sah ich zum ersten Mal, als in Neuklenz ein Großfeuer war. Er leitete die Spritzenwagen, die aus allen Dörfern herbeigeeilt waren, an einen großen Dorfteich. Ich habe an diesem Mann die Übersicht bewundert, mit der er dieses Amt versah.

 

Der Schafbock

Das Kartenspiel war in Schwessin auch eine Beschäftigung gegen Langeweile. Ab acht Uhr trafen sich immer dieselben Leute an bestimmten Tischen in den Gastwirtschaften Arndt und Schwarz (früher Stielow). Meistens waren es ältere Männer, die bei jedem Wetter einen Fußmarsch bis zu 5 km in Kauf nahmen. So geschah es, daß der Bauer August Hitz vom Kamp gegen den Fleischer Franz Dreyer eine Menge Geld verlor. Man einigte sich darauf, daß Hitz dafür einen Schafbock hergeben mußte. Damit Frau Hitz davon nichts erfuhr, wurde der Schafbock noch in der Nacht abgeholt. Als Hitz dann nach Hause kam und bei seiner Frau im Bett lag, stieß er sie an und sagte: „Ida, hörst Du watt?" Sie hörte nichts. Nach einiger Zeit wieder: „Ida, hörst Du watt?  Ick glöw, sei stehle usen Schopbuck!" Es wiederholte sich noch ein paar mal. Tatsächlich war der Schafbock am nächsten Morgen verschwunden. Am anderen Tag ging Bauer Hitz zur Stadt und brachte seiner Frau ein Stück Hammelfleisch mit. Das Fleisch hatte er sich beim Kartenspiel noch ausgehandelt.

 

Buttermilch

Nach 1933 wurden ledige Arbeitslose aus den Ballungsgebieten in die Landwirtschaft vermittelt. Wenn man heute mal mit solchen Leuten von damals zusammentrifft, so sprechen sie jetzt noch von der schönen Zeit. Auch Ferienkinder wurden auf dem Lande untergebracht. Wir nahmen auch ein zehnjähriges Mädchen, Anna Knott, aus Straubing. Es war so ein liebes Kind, daß wir sie am liebsten behalten hätten. Als Anna aus der Schule war, mußte sie ein Landjahr machen. Sie kam wieder zu uns und blieb drei Jahre. Ich habe ihr das Melken beigebracht, was ihr auch Spaß machte. Nach drei Wochen fragte sie meine Frau: „Frau Pomplun, welche Kuh gibt nun eigentlich die Buttermilch?"

 

Als wir 1955 unser erstes Auto aus Bayern holten, haben wir sie aufgesucht. Die Freude war sehr groß, daß wir uns noch einmal wiedersahen. Besonders belacht wurde die Geschichte mit der Buttermilch.

 

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Diese Erinnerungen von Walter Pomplun sind in mehreren Fortsetzungen im „Strandboten des Heimatkreises Köslin-Bublitz“ erschienen. Kurz vor Veröffentlichung der vorletzten Folge starb Walter Pomplun, und der Strandbote hat ihm folgenden Nachruf gewidmet:

    

 

Walter Pomplun t

Kurz vor Drucklegung des Strandboten erreichte uns die Nachricht, daß unser treuer Heimat­freund Walter Pomplun am 6. Oktober 1994 verstorben ist. Es fällt mir persönlich schwer, sich vorzustellen, daß dieser bis in sein hohes Alter geistig und körperlich so aktive Mann nicht mehr unter uns weilt. Noch im Mai dieses Jahres, kurz vor dem von ihm veranlassten ersten Schwessin‑Mersiner Treffen in Schwarmstedt saß ich mit ihm und seiner, wie er sie scherzhaft nannte, “Lebensverlängerin" Emmi Kuhlmey bei einem Essen hoch über der Elbe zusammen.

Er war noch voller Pläne, mahnte uns aber, alles was man machen wolle, möglichst sofort

zu tun, Mit seinen Lebenserinnerungen hat er uns ein unwiederbringliches Stück Heimat­geschichte geschenkt. An seinen Optimismus und seine Lebensfreude, die er trotz vieler

Schicksalsschläge bewahrt hatte, werden sich alle, die ihn kannten, noch lange erinnern.

Anneliese Trede