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Schwessin Kreis Köslin

 

 

Lehrer Ziemer in Schwessin

 

Schwessin war nach Kordeshagen mit 1200 Einwohnern das zweitgrößte Dorf im Kreis Köslin und hatte wahrscheinlich wegen der weit verzweigt liegenden Ausbauten zwei Schulen. Die Schule 11 befand sich am Ende des Dorfes in Richtung Mersin.

 

Lehrer Ziemer hat aus Tradition Lehrer werden müssen. Seine Ehe war mit sechs Söhnen und ebenso vielen Töchtern gesegnet. Er soll mal gesagt haben, seine Söhne sollten lieber den Mühlenberg abkarren, "as de Göre wat lehre." Drei Söhne sind im ersten Weltkrieg gefallen, was er verständlicherweise wohl nicht verkraften konnte. Gerne hielt er sich in der nahegelegenen Gastwirtschaft auf. Es ist vorgekommen, daß er am nächsten Morgen mit einer Laterne in der Hand in die Schule gekommen ist, während die Schulkinder nach einstündigem Fußmarsch in den Wintermonaten vom Wanzenberg durch den dunklen Wald ihren Weg fanden. In den  Wintermonaten trug Lehrer Ziemer immer Schuhe mit dicken Holzsohlen , die noch mit Stroh ausgelegt waren, damit die Füße warm blieben.

 

Die Jungen bekamen in der Schule damals des öftern den Rohrstock zu spüren. Das war eben zu der Zeit die Erziehungsmethode. Es kam auch vor, daß die Jungen den Stock mit Zwiebeln eingerieben haben, so daß er beim nächsten Hieb zerbrach. Da sich ein neuer Stock nicht so schnell beschaffen ließ, waren Schläge für kurze Zeit tabu.

 

Zu meiner Schande muß ich gestehen, daß wir Mädchen unseren alten Lehrer oft absichtlich geärgert haben, was durch eine tüchtige Anführerin zustande kam. In der großen Pause war es nicht verboten, daß wir auf dem hinter der Kirche liegenden alten Friedhof spielen durften, obwohl ein Spiel‑ bzw. Turnplatz vorhanden war. Auf dem verwilderten, mit Büschen bestandenen Friedhof ließ sich so herrlich Versteck spielen. Gräber und Grabsteine waren nicht mehr vorhanden. ich glaube zu wissen, daß dort ab etwa 1875 keine Begräbnisse mehr stattgefunden haben. Auf einem Teil dieses alten Friedhofes, zur Straße hin, ist das Kriegerdenkmal 1914/18 errichtet worden. Die Einweihung des Denkmals fand 1921 statt. Jedenfalls spielten wir Mädchen gerne auf dem alten Friedhof. Eines Tages beschlossen wir, nach der Pause nicht in die Schule zu gehen, unid so die letzte Unterrichtsstunde zu schwänzen. Während die Jungen brav am Unterricht teilnahmen und danach lauthals die Schule verließen, mußten wir nun wohl oder übel unsere Tornister aus der Schule holen. Unser "Küster“ erwartete uns schon und "Nachsitzen" war angesagt. Die Tür wurde von außen verschlossen. Natürlich wollte die Zeit gar nicht vergehen. Uhren besaßen wir nicht. Hatte der "Küster" uns nun vergessen oder wollte er uns ärgern? Wir entwischten stillschweigend samt Tornistern aus dem Fenster. Ich kann mich nicht erinnern, daß wir am nächsten Tag noch eine Strafe oder Standpauke erhalten haben. Das ist wohl unsere letzte Schandtat gewesen. Leider haben wir in unseren letzten vier Schuljahren kaum etwas hinzugelernt, was ich schon damals, fast möchte ich sagen bis auf den heutigen Tag, zutiefst bedauert habe. Eventuell war das die Strafe für unser ungezogenes Verhalten; denn jede Schuld rächt sich auf Erden!

 

Lehrer Ziemer wurde 1928 pensioniert und unser Jahrgang konfirmiert. Zu seinem 65. Geburtstag am 14. März schenkten wir unserem scheidenden Lehrer eine hölzerne Tafel mit folgendem, eingebranntem Spruch: "Tröste dich in Freud und Leid. Gott der Herr hilft allezeit." Zur Abschiedsfeier erschien Lehrer Brümmer aus der Schule II mit seinen Schülern. Wir sollten alle gemeinsam den Choral "Bis hierher hat mich Gott gebracht" singen. Es war recht peinlich, daß wir von der Schule 1 dies Lied nicht kannten.

 

Am Palmsonntag, dem 1. April 1928, meinem Konfirmationstag, spielte Lehrer Ziemer zum letzten Mal die Orgel in der Schwessiner Kirche. Nach Beendigung der Konfirmationszeremonie wurde "unser Küster" vor dem Altar offiziell verabschiedet. Den Schlußchoral spielte Lehrer Post ans Mersin auf der Orgel. Damit verließ die letzte Lehrer‑Ziermer-Generation Schwessin und zog nach Köslin. Nur ein knappes Jahr nach der Pensionierung ist unser Lehrer Ziemer auf der Straße einem Herzschlag erlegen. Gottlob blieb ihm ein langes Krankenlager erspart. Ehre seinem Andenken!

 

Eva Somfleth geb. Pomplun, aus Schwessin

 

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