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Tagebuch von Elise Behrend

 

begonnen Im Alter von 14 Jahren

 

 

Besucher dieser Seite suchen oft nach Namen aus der Weichselniederung, Lesen Sie erst mal dieses Tagebuch,  das einen Eindruck in das Leben in der Zeit um 1880 ohne Strom, Auto und Fahrrad gibt und beachten Sie dann den Hinweis am Ende dieser Seite.

 

 

 

Von Tante Käte Filter habe ich die Fragmente eines Tagebuchs erhalten, das unsere Omama Kaiser geschrieben hat. Leider hat Monika dieses Buch als Kleinkind mal in die Hand bekommen und versucht, es durch Krickel zu ergänzen. Dadurch ist es etwas unleserlich geworden und wahrscheinlich sind dabei die Seiten am Schluss verlorengegangen. Am Anfang des Buches hat Omama nur sehr schwer leserlich die Daten ihrer Eltern und Geschwister aufgezeichnet, die ich anhand von Unterlagen von Ohm Paul, dem Bruder von Omama, nachstehend wiedergebe. Man beachte die hohe Säuglingssterblichkeit und Kindersterblichkeit. Von 12 Kindern wurden nur 3 älter als 24 Jahre, die meisten nur wenige Monate bis zu 8 Jahren.

 

Eltern:

 

Gottfried August Behrend, geb. 2.4.1839 in Hornkampe, gest. 7.4.1909 in Danzig, Hofbesitzer in Lichtkampe bei Stutthof, ab 1889 (Opapa Kaiser lebte zu der Zeit in Danzig, und Emil wurde 1889 dort geboren) Rentier in Danzig. Sohn von Johann Daniel Behrend, geb. 5.4.1800 Hinterthor, gest. 1.9.1877 Hornkampe (Altersschwäche) Hofbesitzer in Hornkampe, und Anna Christine Dengel geb. 15.4.1810 Holm, gest. 4.8.1875 Hornkampe (an Ruhr). Heirat am 5.3.1863 in Tiegenort Hanna Eleonore Aline Kleineisen, geb. 26.1.1843 Tiegenort, gest. 31.12.1889 in Lichtkampe. Tochter von Martin Kleineisen, Kaufmann in Tiegenort, geb. 5.4.1797 Gr. Lesewitz, gest. 6.5.1847 Tiegenhof, am 6.11.1834 Heirat mit Eleonore Albertine Ens geb. 17.3.1806 Tiegenhof, gest. 26.3.1853 Tiegenhof.

 

Kinder:

 

   1. Emilie Justine Eleonore                                   geb. 25.01.1865       gest. 04.01.1889

   2. Rudolf August                                                             09.05.1866                 25.12.1872

X 3. Elise Aline                                                                   29.05.1867                 24.09.1934

   4. Julius Gottfried                                                           10.10.1868                 25.01.1869

   5. Eduard Gottfried                                                        03.12.1869                 04.01.1873

  6. Otto Hermann                                                              03.03.1872                 10.01.1873

   7. Robert August                                                            09.10.1873                 11.05.1874

   8. Meta Clara                                                                  11.06.1877                 26.03.1880

   9. Bertha Helene                                                            05.12.1878                 22.02.1879

10. Adolf Heinrich                                                              14.07.1880                 18.01.1888

11. Franz Albert                                                                 25.12.1881                       ca 1946

12. Paul Friedrich                                                              19.08.1883                            1966

 

 

 

Lichtkampe liegt ca. 2 km südlich von Stutthof. Dazwischen fließt ein Weichselarm, der früher mit einer Fähre überquert werden musste.

Der Flecken Lichtkampe ist auf der Karte, die in den Kartenausschnitten enthalten ist, in den  Stutthöfer Kampen enthalten.

Lichtkampe besteht nur aus wenigen Höfen, die alle an der Strasse liegen. Bei unserm

Besuch im Mai 1991 waren wir dort, haben aber wohl nicht die richtige Stelle gefunden. Wir haben auch die Kirche in Steegen (heute Stegna) besichtigt, die als Besonderheit im Reiseführer erwähnt ist (ausgeschmückt an Wänden und Decke mit Gemälden auf Leinen). In dieser Kirche ist unsere Großmutter nachweislich getauft und getraut worden, vermutlich auch konfirmiert.

Stegen und Stutthof liegen ca. 4 km, Lichtkampe und Steegen ca. 5 km auseinander. Die Entfer­nungen zu den anderen Orten kann man aus der angefügten Karte abgreifen.

 

 

 

Doch nun das Tagebuch:

 

Im Jahre 1878 bekam ich zu Weihnachten ein Buch mit der Überschrift "Robinson der Juengere" mit Emilie zusammen. Auch ein Weihnachtsbaum.........Marzipan. Ich allein bekam noch von Mama ein Paar graue Handschuh. (Anm: 11 Jahre alt).

Meine Geburtstagsgeschenke sind bis jetzt diese: Ein Kuchenteller, ein Schmalztopf, ein Zuckerbecher, ein Präsentierteller, ein Sammetband, eine Torte und ein Halsband. ‑ Frau Justine Schulz geborene Siemund ihr Geburtstag ist den 9. März. – Ihre Tochter Wilhelmine ihr Geburtstag ist den 24. September. ‑ Ihrem Sohn Herrmann sein Geburtstag ist den 24. September.

Im Jahr 1879 bekam ich von Mama einen bunten .....

(Es fehlen jetzt offensichtlich Seiten, die in der Mitte des mit einem Zwirnsfaden

gehefteten Heftes herausgerissen wurden).

 

 

 

Elise Behrend

 

Das neue Jahr 1882

 

 (Anm.: also 14 1/2 Jahre alt).

Der 1. Januar traf gerade Sonntag ein. Vormittags war ich zur Kirche gegangen. Es war ein nebeliger Morgen, doch war es nicht gerade kalt. Ich war bei meiner Freundin Laura Görgens angegangen. Unser Pfarrer Herr Klein predigte ein wenig langsam. Die Sänger, deren Componist Herr Lehrer Miehlke ist, sangen die Liturgie. Als der Gottesdienst aus war, konnten mit Prohls bis Stutthof mitfahren. Nachmittags war Papa's Freund Her. Engelbrecht aus Fischerbabke bei uns. Er blieb bis um 9 Uhr Abends.

Am Montag war Mamas Schwester mit ihrem Mann u. ihrer Tochter Mariechen aus Rehwalde bei uns. Sie waren zu Fuße und langten erst um die Mittagszeit bei uns an. Abends um 4 Uhr gingen sie wieder. ‑ Am Mittwoch kommt die Butterfrau Gabrielsche aus Steegen immer. Gewöhnlich bringt sie Adolf immer eine kleine Nascherei mit.

Sonntag, den 7. Januar. Vormittag war Renate Kunz mit einer Kinderfrau bei; wir haben sie gemietet. Nachmittag war der Lehrer Mielke mit seiner Frau und seinen beiden Kindern Bertha und Otto hier. Die beiden Kinder haben sehr mit Adolf (Anm: 1 1/2 Jahre alt) gespielt. Bertha ist 12, Otto 9 Jahre alt. Wir putzten noch einen kleinen Weihnachtsbaum aus, weil sie keinen bekommen hatten. Nach Abendbrot lernte ich noch ein neues Spielchen Karten spielen. Es heißt Schnipp, Schnapp, Schnurr (burr Pastelorium). Es ist ganz hübsch. Montag schickte Doc. Knapp, Schönbaum, meine Medicin, welche aus Pulver bestand. Herr Harder war mit seinem Sohne Vieh zählen.

 Dienstag trat unsere Kinderfrau Jette in den Dienst.

Mittwoch war Behrends Herr u. Frau bei uns. Sie kamen bei der Dämmerung. Es wurde hernach viel Sturm. Mir that der Kopf weh. Anfangs dachte ich es war vom Winde, aber es kann auch von der Medicin gewesen sein. ‑ Donnerstag war ich gerade so kränklich. Es herrschte draußen viel Wind. Die Weichsel war schon bis an den Weg, stellenweise bis über den Weg vorgedrungen. Abends hagelte es.

Freitag Nachmittag war ich mit Emilie nach Tiegenort gegangen. Wir gingen um 1 Uhr und waren um 7 Uhr wieder zu Hause. Auf dem Hinwege wurde ich schon etwas müde und zurück konnte ich schon fast nicht mehr gehen. In Tiegenort wollten wir Tanzschuhe kaufen und bekamen keine. Nun waren wir den langen Weg umsonst gegangen, waren müde und mußten morgen......         (es fehlen wohl wieder Seiten. Man sehe sich auf der Karte mal die Entfernung Lichtkampe ‑ Tiegenort an !).

Dienstag ganz wenig Neues war. ‑ Freitag thaute und regnete es. Abends war wieder

Tanzstunde, ich ging schon bei Tage. Ich ging noch bei Laura rein. Heute lernte sie auch mit. Es waren heute 9 Herren und 9 Damen. (Anm.: Aus späteren Eintragungen ist zu sehen, dass es auch aus dem Jan. 1882, also im Alter von knapp 15 Jahren war.)

Sonntag ließen wir taufen. Die Hebamme fuhr mit dem Kleinen (Anm: es muss Franz gewesen sein) nach der Kirche. Frau Miehlke hielt ihn über den Taufstein. Sie blieb noch bis Kaffee. Unsere Kinderfrau Jette ging Vormittag nach dem Dorf u. ist seitdem nicht wiedergekommen. Abends war Tanzstunde. Es waren noch 12 Mädchen hinzu.

Montag war Frühlingswetter. Das Eis schmolz immer mehr u. Papa ging nach dem Amtsvorsteher Thyben, die Kinderfrau anzeigen. Wir hatten vorher zu ihr geschickt, aber die Frau, bei der sie ist, hatte gesagt die war in Schönbaum beim Doctor Knapp; sie wäre krank, sie hätte sich an der Mangel zu Nicht gemacht. Letzteres war ihre Schuld. Und ersteres wird wohl nicht wahr sein. Abends kam Lietz, ein neuer Arbeiter.

Dienstag.  Abends war Tanzstunde. Es war noch ein Herr zugekommen.

Mittwoch. Heute ist Emilies Geburtstag (Anm.: Es muss also der 25.1. gewesen sein). Von uns hat sie nichts bekommen, nur unser Dienstmädchen Mine schenkte ihr einen Kranz. Nachmittags kam auch Gust.Schülz u. brachte ihr eine Gratulationskarte u. einen Kranz. Heute spielen bei Hinzen die Böhmen. Papa wird nur alleine hin.

Donnerstag. Heute ist Mamas Geburtstag. Sie ist jetzt 39 Jahre. Ich schenkte ihr ein Paar schwarzwollene Strümpfe u. Emilie eine Wollweste. Beiderlei hat sie schon vorher bekommen. Außerdem noch 3 Kränze u. von Mine auch. Abends kamen Gäste: Tetzlaff u. Hans Claasen waren zu reiten, A.Stanke mit seiner Frau zu gehen, Lehrer Miehlke mit seiner Frau, Gensdarm Domke, und gegen Abend kamen Wilh. Behrens, Carl B. u. Julius Behrend nebst Frau. Zu Abendbrot gab es Hühnersuppe und Rippspeerbraten. Nach dem Essen entfernten die Gäste sich bald mit Ausnahme der Grebiner und Reichenberger, welche über Nacht blieben.

Freitag. Mittags gegen 1/2 1 Uhr fuhren die Gäste. Abends war wieder Tanzstunde. Laura hat aufgehört mit Tanzenlernen. ‑ Sonnabend wurde bei Hein.Behrens, unserm Nachbarn, das kleinste Kind Heinrich begraben. Papa, Mama und Emile waren dort. An Geschwüren starb das Kind.

Sonntag. Papa und Mama waren zur Kirche gefahren. Nachmittag kam Laura Görgens. Sie blieb bis 1/2 9 Uhr. Montag. Abends waren Tanzstunden. 1 Herr zugekommen. Dienstag. Heute waren Tanzstunden. Papa wollte mich abholen kommen, nur blieb er aber bei Rahns. Ich wußte das nicht und ging ganz allein nach Hause. Mama erzählte mir noch, daß Diebe uns hatten, wahrscheinlich von Sonnabend auf Sonntag die Nacht, Fleisch gestohlen. Durch das Fenster hatten sie das Fleisch aus der Tonne herausgeholt. Papa kam 1/2 Stunde später.

Mittwoch. Vormittag kam Jette auf Befehl zu uns. Sie mußte hier bleiben obgleich sie viele Einwände hatte u. viel Schelte bekam. Sie mußte spinnen und Federn abspließen. Gegen Vesper fuhren Papa und Mama zum Doctor, weil Mama sich einen Zahn ziehen lassen wollte. Als sie kaum fort waren, ging Jette fort. Mama und Papa waren nicht zum Doctor gefahren nur bis zur Fähre, weil sie gehört hatten, das er nicht zu Hause war. Vormittags war Papa Haussuchung halten in unserer Kathe nach dem Fleisch. -  Donnerstag. Abends Tanzstunde. Jetzt machen die Tanzstunden schon viel Vergnügen. Wir können schon Steuersch., Polka, Galopp, 1. 3. 5.u.6. Tour vom Conter u. ein wenig Polonaise.

Freitag wieder Tanzstunden. Heute mußte Emilie auch mitkommen, Herr Lehmann schickte nach ihr, weil zwei Damen zu wenig waren. Die andere Dame war Clare Trinage aus dem Dorfe. Mittwoch ist Probeball. Wir mußten aufschreiben, wen wir einladen wollten zum Probeball. Ich habe Lehrer Miehlke aufgeschrieben. Vergangene Nacht hatten sie uns 1 Bund Rohr gestohlen. Sonnabend wie gewöhnlich. ‑ Sonntag, den 5. Februar. Mama und Papa fuhren nach Rehwalde schon um 11 Uhr Vormittags. Abends um 6 Uhr kamen sie wieder zurück. Mama erzählte, daß der meinige Tanzlehrer auch in Tiegenort lernte, wo meine Cousine Mariechen auch lernte. ‑ Montag Abend war Tanzstunde, Heute war zum ersten Male für Zuschauer frei. Der Conter ging ziemlich glatt durch. ‑ Dienstag. Schon früh des Morgens nach Frühstück fuhr Mama mit Lietz nach Tiegenhof, eine Kinderfrau holen u. für mich ein weißes Kleid zum Abschiedsball kaufen. Papa ging heute vormittag nach Steegen, Geschäfts halber, kam aber erst abends 0 Uhr zurück, denn er war bei Rahn geblieben. Mama kam schon eher. Die Kinderfrau nennen wir Annchen, sie ist noch unverheiratet. Vormittag war eine andere Kinderfrau hier. Es ist gut, daß Mama gefahren ist, denn diese gefällt mir besser als die. Mama brachte mir Zeug zum weißen Mullkleide mit, Tanzschuhe, welche aber etwas groß waren, u. hübsche blaue Vergißmeinnichtblumen, zum Garnieren des Kleides. Außerdem noch sehr viel anderes. ‑ ­Mittwoch. Vormittag war Behrend hier, weil seine Leute eine von hier gekaufte Weide zersägen mußten. Mama, Emilie und ich fuhren Abends zum Tanzkränzchen. Es war sehr voll. Wir Schüler kamen viel zum Tanzen. Der Conter für die Schüler ging ziemlich glatt durch. Mama wollte schon sehr früh fahren aber sie blieb doch noch bis zur Cotillion. Die Uhre war 3 als wir zu Hause ankamen. Die anderen blieben noch. ‑ Donnerstag. Vormittag war die Hebamme Frau Neuhaus bei uns und bat Papa, ob er ihr nicht wollte Holz fahren. Papa versprach es. Nach Abendbrot bekamen wir noch einen späten Gast. Der Gensdarm Domke besuchte uns. Mich schläferte, aber er blieb so spät, so daß ich mich nicht hinlegen konnte. Zuletzt legte ich mich doch noch hin, u. da ging er. ‑ Freitag. Heute Abend sind Tanzstunden, so dachte ich. Ich zog mich auch an und ging bis Harders, aber Nette sagte mir, es waren erst Sonntag Tanzstunden. Der Tanzlehrer hatte erst später gesagt, als wir schon fort waren. ‑ Sonnabend. Der liebe Sonnabend, so wie ich ihn immer nenne, weil ich nicht besonders gerne scheuere. Vormittags waren Behrends ein Stündchen bei uns. Heute ist Onkel Julius sein Geburtstag. Mama, Emilie, ich und Lietz fuhren hin. Es waren ziemlich viele Gäste dort. Wir blieben sehr spät, denn wir lauerten auf den Mondaufgang. Und der Mond ging doch nicht auf u. um 4 Uhr Morgens kamen wir zu Hause an.

Sonntag, den 12. Februar 1882. Heute Abend sind Tanzstunden. Ich ging alleine, hernach kam mir Papa nach. ‑ Montag. Mama war krank. Heute wird der alte Herr Gethke begraben u. wir sind auch zum Begräbnis eingeladen. Da aber Mama krank war, und Emilie kein gutes Kleid anzuziehen hatte, so mußte ich mitfahren. Allein wollte ich nicht, aber ich mußte. Jaunke Harder und Rosalie Fott waren meine Gesellschaft. Um 1/2 5 Uhr fuhren wir nach Steegen. Es war schon dunkel, als wir in Steegen ankamen. In der Kirche waren überall Lichte befestigt, was sehr hübsch aussah. Wir sangen noch 2 Lieder u. dann wurde er ins Grab gesenkt. Nun war es draußen aber schon ganz dunkel geworden. Um 1/2 8 Uhr kamen wir nach Hause.

Dienstag. Nach Mittag waren hier 2 Reisende an der Thür. Wir gingen nicht gleich sehen, und da hatten sie die Oberthür aufgemacht u. unserer Köchin Mine einen Kamm u. ein Paar Handschuhe weggenommen. Sie mußten ihre Taschen zeigen aber wir fanden sie doch nicht. Heute Tanzstunden. Emilie kam wieder mit. Papa und Mama waren nach Behrends gegangen, sie waren eher zu Hause wie wir.

Mittwoch. Abends fuhren wir in Tanzstunden. Aber als die Tanzstunden aus waren hieß es: Das Eis geht wir kommen nicht hinüber. Joh. Harder ging sehen u. kam zurück und sagte das es mit dem Kahn über ging. Nun gingen wir auch. Aber als wir dort angelangt sind, ist das Eis in vollstem Gange. Es dauerte jedoch nicht lange, da verstopfte es sich u. stand. Nun war es aber so dicht zusammen geschoben, daß es fast unmöglich war, mit dem Kahn durchzubrechen. Jedoch der Mühe des Fährmannes gelang es uns zwar schlecht aber doch hinüber zu bringen. Das Fuhrwerk blieb im Dorfe. In der Breitfart (unserer Weichsel) ging das Eis auch, aber gegen uns stand es. ‑ Donnerstag. Heute ist es kalt und stürmisch. Papa ging zur Auction nach August Dzaak. ‑ Freitag. Des Abends war keine Tanzstunde, denn morgen ist ein kleines Kränzchen. Mariechen Harder, unsere Schneiderin kam zu uns, um mein weißes Kleid zu machen. Sie hat außer meinem noch 3 andere Kleider zu machen welche bis zum Abschiedsball fertig sein sollen. ‑ Sonnabend. Frau Miehlke war nach Möllers gegangen u. auf dem Zurückwege war sie bei uns an. Sie wollte sich ein Paar weiße Handschuhe von uns borgen zu Lehrer Fett seiner Hochzeit, welcher Frl. Kohnke aus Fischerbabke heiratet. Papa war nur allein nach Hintzen. Wir brachten ein Paket auf die Post. Meine Tanzschuhe umzutauschen u. Ansatz an meine Taille.

Sonntag. Mariechen H. hat den ganzen Tag über genäht. Heute ist der 19. Februar 1882.

Montag. Heute bekommt Mariechen fertig bis auf die Taille. Sie ging gleich nach Ruhnaus. Sonnabend wollte sie wiederkommen meine Taille fertig machen. Abends in Tanzstunden bekamen wir zu hören das der Ball Sonnabend ist. Einladungen mußten wir mitbringen. Ich hatte noch Tetzlaff u. M. Behrend eingeladen.

Dienstag. Heute meinten wir das Paket sollte eintreffen aber es kam nicht.

Mittwoch. Viel Sturm. Tanzstunden. Wir übten Quadrille a la Tour ein. Aber,nur 8 Paare weil es sonst nicht stimmte. ‑ Donnerstag wieder Tanzstunden.

Freitag traf das Paket mit kleineren Tanzschuhen aber keinen Ansatz ein. Ich war krank hatte Difteritur, weiße Flecke. ‑ Sonnabend. Mariechen kam erst spät. Die Kleider wurden man knapp zurecht. Den Ansatz kaufte Mariechen noch erst bei Rahn u. wurde dort noch genäht, es wurde schon sehr auf uns gewartet. Sehr viele waren nicht aber doch genug. Fast alle Damen weiß.    3 Coutillonorden bekam ich.

Sonntag, den 26. Februar 1882. Fast verschlafen, denn wir kamen 1/2 6 Uhre nach Hause. ‑ Montag haben wir wieder die Kleider in Ordnung gebracht.

Dienstag Vormittag ganz unerwartet kamen Louise u. Emilie Claasen aus Rehwalde zu Fuße zu uns. Wir frugen sie weshalb sie nicht zum Balle gekommen waren, sie sagten sie hatten keine Einladung bekommen. Die Schuld liegt am Tanzlehrer. Vor Abends gingen sie.

Mittwoch. Papa will morgen nach Danzig fahren sich eine Drillmaschine kaufen. Onkel Julius sollte mitfahren. Gegen Abend kam er. Behrends ließen fragen ob es heute paßte, daß sie hinkamen. Es paßte u. sie kamen u. brachten seinen Onkel mit.

Donnerstag. Früh morgens fuhren sie ab. Papa soll noch Blumensamen mitbringen. Nachträglich: Bei Gottl. Foths haben die Diebe schon lange eine ganze Menge Schweinefleisch gestohlen. Diese Geschichte war nun fast ganz eingeschlafen, als es mit einmal hieß es waren etliche Personen aus dem Dorfe verhaftet. Unter 6 die verhaftet waren befand sich auch Reinhold Hecht welcher bei uns auch gedient. Sie hatten bei ihm außer Fleiß (Anm: soll wohl Fleisch heißen) noch Körner und Schweinebohnen gefunden. Man könnte denken, von uns. Bei Foths hatten die Diebe an die Wand geschrieben: Wir sind unserer acht und gehen jede Nacht. Später sind noch mehr verhaftet worden. Wenigstens sind wir jetzt doch einigermaßen sicherer. Nur die Hehler haben wir noch nicht. Es wurde gesprochen, unter den Hehlern befanden sich solche die mit Glacehandschuhen gingen. Nun die Zeit wirds lehren.

Freitag. Nachträglich Ich stricke mir einen Schwal aus rosa Mooswolle. Das Muster besteht in Netzpatent : 1 Nadel Doppeltpatent, die nächste Nadel: 1 M. abgehoben, u. dann strickt man die M. vor dem Umschlagfaden r. ab, hebt den Umschlagfaden l. ab, strickt dann 2 M. r ab u.s.w. Abends kamen sie aus Danzig. Papa hat eine Drillmaschine gekauft. Hat uns die Sämereien auch mitgebracht. Vormittag bekamen wir eine Einladung Sonntags nach Foths zu kommen. Wir versprachen.

Sonnabend. Vormittag reiste Onkel Julius ab. Kestner ein Handelsmann war noch hier. Emilie säete gleich im Mistbeete, weil es schon schönes Wetter ist.

Sonntag, den 5. März 1882. Wir folgten der Einladung und gingen Nachmittag nach Foths, Amandes Geburtstag zu feiern, welcher aber erst morgen ist. Es waren noch mehr junge Leute dort. Um 2 Uhr Nachts kamen wir nach Hause. Es wurde getanzt und Spielchen gespielt.

Montag. Wir erhielten eine Einladung von der Ressource, daß Freitag Ball mit Cotilionorden wäre. Wie bei Foths aber besprochen wurde wollten die Mädchen aber in Wollkleidern erscheinen. Dienstag haben wir noch Blumensamen in Cigarenschachteln u. Blumentöpfen gesäet. Des Morgens hagelte es. ‑ Mittwoch. Als wir des Morgens aufstanden, war draußen alles weiß, aber als der Mittag vorbei war, wars auch mit dem Schnee vorbei. Es ist heute Frl. Scherf ihr Geburtstag. Wir wußten es aber nicht u. schickten deshalb nach Miehlkes fragen ob sie Hause wären, wir würden hinkommen. Frau Miehlke hatte gesagt es passte. Als Mine aber nach Hause kam erzählte sie das bei Frl. Scherf Geburtstag wäre. Frl. Scherf ist die 2. Mädchenlehrerin in Stutthof. Wir waren in großer Verlegenheit. Da schickte Herr Miehlke einen Brief worin Frl. Scherf uns einlut zu ihr zu kommen, Mama und Emilie wollten nun hin. Als sie fort waren kam Gustav Möller zu uns. Wahrscheinlich hat er sich die Drillmaschine ansehen wollen. Er blieb bis 10 Uhr. Donnerstag. Kestner war hier. Er hatte Lust, Gerste zu kaufen. Papa verkaufte jedoch nicht, weil sie zu billig war.

Freitag. Heute ist bei Hinzen Ball. Ich wäre gerne auch dort gewesen, aber ich konnte nicht. Papa ging allein hin. Martin Behrends Kinder waren auch gewesen. Aber im Ganzen war nicht viel Gesellschaft gewesen.

Sonnabend. Nachmittag fuhr Papa nach Heinr. Wills. Er wollte nach Saatgetreide hören, u. fragen, ob sie am 15. März auch nach Julius Behrend fahren möchten, denn dann war dort Tante ihr Geburtstag. Er kam noch vor Finster wieder zurück.

Sonntag, den 12. März 1882. Wir erhielten eine Einladung zur Feier Sr. Majesestät bei Hinzen in einem Tanzvergnügen. Wir lauerten vergeblich auf Tetzlaffs. Denn wie wir später erfuhren, waren sie anderwärts hingefahren. Gegen Abend ging Papa noch nach Behrends. Sie waren aber auch nicht zu Hause gewesen u. da war er nach Kestners gegangen. Wir hielten uns noch sehr vergnügt.

Montag. Es wurde heute die Reise Mittwoch nach Reichenberg besprochen. Tante ihr Geburtstag ist dann. Eine Kuh wurde milch.

Dienstag. Der Getreidehändler Kestner war hier; er hat Getreide (Weizen u. Gerste) gekauft. Um die Mittagszeit kam noch der Mühlenbesitzer zu uns, trotzdem Papa einen gerichtlichen Streit wegen Zahlung mit ihm gehabt hat. Er wollte auch Getreide kaufen, bekam aber keins. Der Fleischer Corschewitz aus Stutthof kaufte uns heute ein Kalb ab. Er gab 3 1/2 M.

Mittwoch. Papa, Mama und Emilie fuhren heute Nachmittag zum Geburtstage nach Reichenberg. Die Butterfrau bekam keine Butter, ich gab ihr aber ein Sträußchen Schneeglöckchen mit. Sie war aber nicht in Danzig gewesen.

Donnerstag. Ich dachte, es würde sich nicht so leicht wirtschaften, aber es ging ganz gut. Stamm war hier. Er bezahlte nur Stroh u. nahm auch welches mit. Abends 6 Uhr waren sie zu Hause. Sie brachten mir Pulver mit von Dr. Knapp. Es war sehr viel Wind, also eine nicht sehr angenehme Fahrt. Wie sie erzählten waren sie bald vom Schönbaumer Damm heruntergeflogen.

Freitag. Von heute weiß ich nicht viel Neues zu berichten als ' dass Papa nach dem Dorfe ging.         

Sonnabend. Wir lieferten Getreide an Kestner. Ich ging mit Adolf auch dahin. Ich verbrühte mir den Fuß.

Sonntag, den 19. März 1882. Wir wußten, daß Tetzlaffs heute herkommen würden und lauerten sehr. Endlich gegen 1 Uhr kamen sie, jedoch nicht auf lange, denn Gustav kam bald nachgeritten u. meldete, daß sie Besuch bekommen hatten. Nun fuhren sie. Der Sonntag Abend verging sehr langweilig.

Montag. War es gestern schon außergewöhnlich sehr schön, so brannte die Sonne heute förmlich wie im Sommer. Im Schatten zeigte das Thermometer 13 u. in der Sonne 14 Grade Wärme. Wir lasen alle Kartoffeln durch u. hatten günstige Witterung. Der Brandschulze Conrad war ein Weilchen bei uns an. Er wunderte sich, daß wir so groß geworden waren. Görtz, ein Fischer vom Laschken, welcher uns fast alle Sonntage Fische schickt, wofür wir ihm z.B. einmal ein Fuhrwerk geben, oder einen Käse schenken u. dgl. m., holte sich ein Scheffel Rosen‑ u. 3 Schffl. blaue Kartoffeln.

Dienstag. Heute war es noch ebenso schön wie gestern. Wir bekamen die Kartoffeln

durchgelesen. ‑ Mittwoch. Heute ist ein wichtiger Tag, denn Kaiser Wilhelm I feiert heute seinen Geburtstag. Papa, Mama u. Emilie werden nach Hinzen, ich nicht, weil mein Fuß noch nicht besser ist. Als ich des Morgens unserm Vogel Hansel Futter gab, streifte er sich das eine Pfötchen blutig. Es muß ihn sehr geschmerzt haben, denn er hob es immer ganz in die Höhe und schipte kläglich. Es wurde heute zum ersten Male mit Pferden auf dem Lande gearbeitet. Als Papa, Mama u. Emilie kaum fort waren, brach ein heftiger Regen und Gewitter hervor. Das erste in diesem Jahre. Man sagt: Gewitter über die kahlen Bäume, daß giebt ein fruchtbar Jahr. Zwar ist das Christorbeerstrauch schon etwas ausgegrünt, aber die Bäume sind noch ganz kahl.

Donnerstag. Es war heute wieder ziemlich schön, und so machten wir denn unser Blumenstück

zurecht. Gegen Abend kam ein Mann und eine Frau mit einem kleinen Mäd­chen, die um eine Nachtherberge baten. Da an ihnen nichts Verdächtiges zu bemerken war, konnten sie im Stalle bleiben. Eine Kuh wurde milch.

Freitag. Schon früh waren die Nachtbleibers abgegangen, ohne Frühstück. Emilie und ich zogen in die Vor‑ oder Sommerstube u. schlafen von jetzt an immer darin.

Sonntag, den 25. März 1882. Heute wieder ein langweiliger Tag. Jetzt werde ich die Sonntage bald "langweiliger Sonntag" bezeichnen, denn wir reisen selten u. zu uns kommt auch selten Einer. Aber so ganz ohne eine Veränderung verging dieser Sonntag denn doch nicht. Ich ging, obwohl mein Fuß noch nicht so recht besser war zum Dorfe um Einkäufe zu machen. Allerhand Kleinigkeiten, machten aber doch circa 14 M. zus. Der Mond schien schon als ich und Mine nach Hause kamen.

Montag. Mariechen Harder, unsere Schneiderin, kam zu uns. Sie hatte für Mama ein neues Kleid, für Emilie 3 Kleider zu verändern, für Adolf einen Anzug u. sonstige Kleinigkeiten mehr zu machen. Mama ließ heute anfangen im Garten zu graben.

Dienstag. Heute ist Tante Florchen im Holm ihr Geburtstag. Wenn Papa nicht so sehr beschäftigt gewesen wäre, waren wir vielleicht auch dorthin gefahren, aber nun fuhren wir nicht. Friedericke Rathke (ein Mädchen von 7 ‑ 8 Jahren mit welcher ich noch zus. zur Schule gegangen bin u. die ich ganz gut leiden konnte) brachte uns die Nachricht, daß wir Freitag doch nach Markssen kommen möchten, Herr Marks sein Geburtstag wäre. Mama und ich gingen heute nach Behrends. Anfangs wollten wir Adolf auch mitnehmen, aber da es nachher schlechteres Wetter wurde, ließen wir ihn zu Hause. Eine Frau mit Leinenzeugen war hier. Ich kaufte mir 1/2 Dutzend

Taschentücher a 30 Pf und Mama eine blaue Wirtschaftsschürze zu 3 M., welche ganz hübsch aussah. ‑ Mittwoch. Mama wurde heute krank, sie bekam das Fieber. Als es vorüber war, mußte sie Fiebertropfen einnehmen, welche eine schwarze Farbe hatten. Gegen Abend schrieb ich noch einen Aprilsbrief an meine Cousine Luise Claasen in Rehwalde. Den einen an Selma Hanning aus Glabitsch, welche mit mir zus. zum Confirmandenunterricht ging, hatte ich schon lange fertig. Emilie schrieb einen Aprilsbrief  an Emma Claassen.

Donnerstag. Gegen Vesper sitzen wir alle zus. am Fenster machen Handarbeit u. erzählen uns, mit einem Male verdunkelt sich das Fenster u. ein Reiter wurde sichtbar. Es war Ferdinand Höhnke, welcher uns einlud nach Markssen zum Geburtstag u. zur sogenannten "Fensterhochzeit". Papa welcher nach Stutthof zu einer Versammlung gegangen war, war auch 3 Mal zu demselben Feste eingeladen worden.

Freitag. Also nun heute ist das große Fest bei Marks. Papa, Mama und Emilie werden hinfahren. Ich habe zwar große Lust mitzufahren, aber als wir neulich von Behrends kamen, hatte ich mir meinen Fuß noch schlimmer gemacht u. nun könnte es mir wohl noch schlechter gehn. Sie fuhren und ich blieb zu Hause. Mit Mariechen Harder habe ich Abends noch sehr musiziert, denn singen thue ich sehr gerne. Vergangene Nacht wurde eime Kuh milch. ‑ Sonnabend. Morgens um 5 Uhr kamen sie nach Hause. Sie erzählten: 4 Musikanten waren gewesen u. es war sehr getanzt worden. Emma und Louise Claasen hatten ihre Aprilsbriefe schon Freitag bekommen. Sie waren nicht am richtigen Tage u. richtigen Orte zur Beförderung gegeben, denn wir gaben sie M. Harder mit. Heute ist der erste April u. gleich des morgens wurde ich vom Postboten in den April geschickt. Ich hatte ihn doch für vernünftiger gehalten u. deshalb ärgerte ich mich. Morgen ist der Geburtstag Papas. Hierzu wurde heute ein Kalb geschlachtet. Dieses wurde uns jedoch gleich durch ein anderes ersetzt.

Sonntag, den 2. April 1882. Also heute ist Papas Geburtstag. Es ist sein 43. Unsere Geschenke bestanden in 4 Kränzen. Nachmittags kamen viel Gäste. Im Ganzen waren 21 Personen: Von Tetzlaffs 6, von Marksen 3, von M. Behrends 5, vom Nachbarn Behrends 2, von Lehrer Miehlke 4, wovon der Jüngste Junge heute eingesegnet worden ist, u. Herr Engbrecht. Die Zeit verlief zwar vergnügt, aber doch nicht schnell. Um 2 Uhr kamen wir zur Ruhe. ‑ Montag. Heute wird aufgeräumt, Teller, Tassen, Gläser u.s.w. getrocknet. Ich packe lieber aus als ein. Papa hatte sich 4 Weiber zum Weizen weden bestellt. Wir bekommen jetzt die Danziger u. Werderzeitung, aber keine Modenwelt. ‑ Renate Kunz, welche immer Brod austrägt, und welche bei uns auch gedient hat, half im Garten graben. ‑ Der Lumpenhändler und Kaufmann Krause war hier. Wir verkauften ihm 40 Pfd. Knochen u. 1 Pfd. Lumpen u. nahmen dafür Schüsselchens u. Töpfe. ‑ Dienstag. Diese Nacht hat eine Stute gefohlt. Sie hat einen hellbraunen Hengst. ‑ Heute haben wir angefangen, das Rübensamen in die Erde zu bringen. Miene ist gesund und mein Fuß auch. ‑ Mittwoch. Heute ist es windig und kalt. Papa hat zum 2. Male mit der Drillmaschine gesäet. Es werden dazu 3 Mann gebraucht, sonst geht es ganz gut. ‑ Donnerstag. Heute heißt es "Grün‑Donnerstag". Die Schütze, welche auch Brod austrägt kam schon früh mit Kringeln. Nate (Renate Kunz) kam erst später. Semmel u. Fladen sind bei Nate immer besser als bei der Schützche, heute aber waren die Kringel der Schützche besser. Wir bekamen den letzten Rübensamen ausgesäet. Die Weiber hatten den Weizen auch gewedet. Nun können die Feiertage kommen. - Freitag, Stille Freitag. Wir, Papa, Mama u. ich fuhren zur Kirche. Es waren Viele in der Kirche. Überhaupt viele Neue Communianten. Am Nachmittag fuhr ich und Frau Annchen den Adolf mit dem Wagen. Zugleich wollte Frau Annchen sich die Gegend besehen. Wir fuhren nicht weit.

Sonnabend. Heute geht Frau Annchen nach Tiegenhof zur Kirche. Sie will Montag wiederkommen. Mir soll sie ein Osterei, Emilie ein Fläschchen Haaröl u. Adolf ein Tut' mitbringen. Sonntag. Erster Osterfeiertag. Heute ist der 9. April 1882. Der Vormittag verging sehr langweilig. Nachmittag, gerade als ich in diesem Buche schreibe, klopft Justine Schulz mir auf die Schulter u. schenkt mir einen kleinen Oleanderbaum. Ich war sehr überrascht. Abends nähte ich alle Blätter zus. die die Geschichten aus den Zeitungen enthielten. Ich habe jetzt 10 Bücher eingeheftet u. cirka 21 Geschichten. ‑ Montag. Ostern zweite Feiertag. Nachmittags fuhren wir nach Teztlaffs. Anfangs wollten wir Adolf mitnehmen, aber da sich das Wetter änderte blieb er zu Hause bei Frau Annchen, welche des Morgens von ihrer Reise zurückgekehrt ist. Mir hat sie ein Viertel Pfund Confekt mitgebracht, weil ein Osterei leicht beim Tragen zerdrückt werden kann. Wir waren bei Tetzlaffs nicht allein: ein Herr und eine junge Dame von Hennings waren auch da. Das Mädchen war 18 ‑20 Jahre und taubstumm. Nach den Aussagen meiner Cousinens reiste sie gern u. war gern in Gesellschaft. Sie konnte lesen u. schreiben, deshalb unterhielten wir uns auf diese Weise mit ihr. Wir kamen erst spät nach Hause.

Dienstag. Unser früherer Butterhändler Stamm war bei uns er holte 2 Käse und frug ob er die Butter nicht wieder haben könne. Endlich nach vielen Reden, erlaubte ihm Mama, Donnerstag wieder zu kommen u. vielleicht würde sie ihm auch welche Butter lassen wenn er bis Pfingsten 1 M. a Pfd gebe. Er versprach es.

Mittwoch. Heute kam die Butterfrau nach Butter, sie wollte nicht mehr wie 90 Pf je Pfd geben und darum bekam sie die Butter nicht. Nate hörte hier auf zu graben, obgleich noch nicht alles umgegraben ist, aber wir können uns schon helfen.

Donnerstag. Heute haben wir viel Kartoffeln zu setzen. Nachts wurde eine Kuh milch. Diese Kuh verkauften wir heute Mittag an Stein u. Brand, letzterer Schuster in Steegen. Sie gaben uns für diese Kuh mit Kalb zus. 50 Thl. Mittags schneite es. Stamm bekam 12 Pfd Butter. Abends kam Steinbrücker von Latschken von uns Saatgerste zu holen. ‑ Freitag. Heute waschen wir feine Wäsche. ­Sonst alles beim alten. -  Sonnabend. Heute ist Papa den ganzen Tag über auf dem Lande beschäftigt. Ein Schlossermeister war hier nach eine Mandel Stroh, er bekam sie u. zahlte 4 M. Auf Vesper fuhr ich mit Adolf aufs Land um Papa Vesper zu bringen.

Sonntag. Als heute die Schützsche mit Strietzschl kam erzählte sie: Bei Hinzen in Stutthof sei das älteste Mädchen von 5 Jahren im Grützstalle allein irgendwo aufgeklettert, plötzlich heruntergefallen und habe sich sehr gestoßen. Sie hatten noch zu den Grützmeister geschrien. Meister ich habe mir sehr gestoßen, darauf sei sie umgefallen und todt gewesen. Der Doctor hatte gesagt sie habe sich den Gehirnschädel sehr beschädigt. Ein großer Schlag für die Eltern. ‑ Heute hat Papas Onkel Herr... Holm Geburtstag. Wir werden hin. Aber als wir uns schon angezogen hatten, sehe ich zufällig raus und sehe, daß die drei Mädchen von Foths herkamen. Als sie sahen, daß wir fortfahren wollten, wollten sie gleich umkehren. Aber wir nötigten sehr u. so blieben sie. Papa u. Mama fuhren aber doch. Wir ließen noch Harders Nette sagen, aber sie kam nicht. Nun wollten wir noch Malwine Wilms herholen welche nach Hause gekommen sein sollte. So lange war sie bei ihrem unverh. Bruder auf der Höfe, da er jetzt aber zu sehr gewirtschaftet hatte, kam sie wieder hier her. Wir gingen hin aber sie kam doch nicht. Sie blieben nicht spät, dagegen kamen Papa u. Mama erst Morgens 3 Uhr zurück, obgleich dort nicht viel Besuch gewesen war.

Montag. Wir haben ein ganzes Leiden mit Mine, denn heute hat sie schon wieder das Fieber. Ein junger Mann aus Danzig war hier, er hatte Hefte über die Retter der Lehre Christi. 24 Hefte bekamen wir jährlich a Heft 50 Pf. Beim 6. Heft 2 Prachtbilder gegen die geringe Nachzahlung von 4 M. Und zum Schluß eine Lutherstatu als Spieldose welche 2 Lieder spielt gegen 3 M Nachzahlung. Der Mann konnte das alles so besprechen und Papa nahm. Als wir aber nachher nachdachten, konnten wir wohl denken, daß er ein Schwindler sei. Doch jetzt zu spät.

Dienstag. Der Candidat Herr Larans aus Stutthof hatte hergeschickt u. ließ Papa um seinen Frack bitten zu Hinzens Begräbnis. Papa gab. Nachher gingen die Eltern und Emilie nach Behrends, während Frau Annchen und ich uns Rollplatze backten.

Mittwoch. Heute Morgen war Nate mit einer Köchin bei uns. Wir mieteten sie. Sie bekommt 18 Thl u. 10 Ell. Leinwand. Nach Mittag sahen wir plötzlich eine dicke Rauchwolke hinter dem Gloddeschen Hause aufsteigen. In unserem Schrecken dachten wir es war bei Gloddes, aber später sahen wir das es im Dorfe war. Ich wollte sehr gerne hingehen, weil ich noch nie dicht bei einem Feuer gewesen bin, aber Mama ließ mich nicht. Nun frug ich einen vorbeireitenden Boten, wo das Feuer wäre ? Der sagte es war bei Paul Koschke, aber da viel Wind sei, ging noch mehr mit. Das mußte mich dann beruhigen. ‑ Donnerstag. Heute waren wir natürlich sehr neugierig Näheres über das Feuer zu erfahren. Der erste Bote war die Nate. Sie erzählte, der 15 jährige Sohn, der noch schwindsüchtig ist, hat mit einem Gewehr nach einem Vogel, welcher auf dem Dache saß, geschoßen u. dadurch habe sich das Feuer entwickelt. Heute wird das Mädchen von Hinzens begraben. Abends war es so still, daß wir das Läuten hören konnten. Wir bekommen heute die letzten Kartoffeln gesetzt. Und das Pflügen haben wir auch schon verricht. Wir goßen mal das Blumenstück, weil es schon eine Weile nicht geregnet hat.

Freitag. Nachmittags kamen ganz unerwartet Penners zu uns. Herr Penner trinkt oft, u. bei dieser Gelegenheit hat er sich vor einigen Jahren die linke Hand ab maschint. Sie waren mit dem jüngsten Knaben Gerhard zum Doctor gewesen; denn er hatte sich den Arm gebrochen u. noch gerade im Gelenk, wovon er wohl einen steifen Arm behalten wird. Wir ließen noch Behrends sagen. Herr Behrends kann, aber sie nicht, denn sie war nicht recht wohl. ‑ Sonnabend. Heute ist es furchtbar warm, so warm wie es im Sommer oftmals nicht ist.

Sonntag. Aber der Sonntag giebt dem Sonnabend an Hitze nichts nach, denn heute waren 19 Grad Wärme. Papa und Mama fuhren nach Albert Stankes, während wir Besuch bekamen. Janette Harder besuchte uns. Es ist ihr erster Besuch. Wir besprachen uns, daß wir Bußtag Bertha Ruhnau besuchen wollten. (Anm.: Zu Bußtag siehe die Erläuterungen von mir am Ende). Montag. Nach Vesper kam Frau M. Behrend mit Selma zu uns. Sie wollte mit Papa wegen Geldgeschichten sprechen. Und deswegen wollten sie morgen nach Tiegenhof fahren.

Dienstag. Morgens fuhren die Eltern nach Tiegenhof. Sie wollten gegen Abend zurückkommen. Emilie setzte mir eine Glucke. Gegen Abend kamen sie und hatten viel mitgebracht. Zuerst die Hauptsache. Wir haben neue Kleider bekommen, blaues Zeug, jedoch kein Besatz. Unsere besten weißen Hüte sind bei Krügers neu aufgearbeitet worden, ein weiß ‑ rothen Rosenknospen Strauß umschlossen mit weißen Spitzen u. hinten mit gelber Schleife. Für mich einen Sonnenschirm u. eine weiße Schaumperlenkette. Für Franzen zum Taufkleide u. noch Vieles andere.

Mittwoch. Weil es schon lange sehr warm gewesen ist, goßen wir heute das Blumenstück. Grün holte wieder Getreide, was er sehr oft thut.

Donnerstag. Durch Nate und durch Stamm bekamen wir zu erfahren daß die alte Frau Gethke im Dorfe gestorben ist. Große Hitze.

Freitag. Dieser Tag wäre bald ein Unglückstag gewesen. Nämlich Adolf ging Morgens an die Badewanne, welche an die Erde stand, u. wo Franz eben gebadet war. Mit einmal hören wir (wir waren zwar in der Stube, aber sahen nicht nach ihm), daß er plätschert u. sahen das er mit einem Arme u. dem Gesicht in dem Wasser. Glücklicherweise konnten wir ihn rasch herausziehen, wären wir 5 Min. später gekommem, wäre er ertrunken in der Badewanne. Erquicklicher Regen fiel hernieden. Da kam der Begräbnisbrief. Wir wurden eingeladen am nächsten Montag bei der Beerdigung der Frau Gethke gegenwärtig zu sein. Emiliens Glucke bekam 16 Küchlein aus. Sonnabend. Nachmittag fuhren die Eltern nach Heinrich Wills. Papa wollte dort die gekaufte Gerste bezahlen. Kaum waren sie fort, als es gehörig an zu regnen anfing. Als es aufgehört hatte, kam unsere neue Köchin Emilie Zelkau, wir nennen sie aber Marie, da hier schon jemand Emilie heißt.

Sonntag den 31. April. Mama erzählte daß wir heute Gäste bekommen würden. Als sie ,gestern bei H. Will gewesen waren, waren Erdtmann Behrends angekommen, welche in Thiergarth wohnen, heute wollten sie zu uns kommen. Sie kamen Nachmittag um 2 Uhr: Onkel, Tante Eweline u. Emma (5 Jahre). Ich kannte Eweline fast nicht, da wir uns sehr selten sehen. Zu Abendbrot gab es Büffsteak.

Montag. Unsere Gäste sind zur Nacht bei uns geblieben. Heute Morgen, nachdem sie tüchtig gefrühstückt hatten, fuhren sie fort, aber nicht nach Hause, sondern zu Dengels. Heute ist auch Begräbnis. Mine mußte mit Schmand gehen. Sie brachte uns einen Teller mit, welchen wir gewonnen hatten in einer Verlosung in Pasewark. Es ist ein weißer aber nicht Porzellanteller mit ein gemalte Blume inwendig. Wir klebten Tuten von Papa zur Beschirmung der Pflanzen.

Dienstag. Heute ist bei Teztlaffs Geburstag. Papa, Mama u. ich werden hin. Wir fuhren

hin. Ich habe mich ganz gut amüsiert, es wurde noch ein wenig getanzt. 3 Uhr Morgens zu Hause angelangt.

Mittwoch.  Buß‑u.Bettag. Als ich heute Morgen aufstand war ich ganz heiser, u. ich dachte schon, ich würde heute nicht nach Ruhnaus gehen können. Aber es ging. Bei Ruhnaus haben wir noch sehr getanzt, weswegen ich erst um 1/2 10 Uhr zu Hause kam.

Donnerstag. 0! heute haben wir große Wäsche vor. Ich darf dabei zwar nicht viel helfen, aber es ist dann doch anders wie sonst. Diese Nacht hat die Sau 8 Ferkel geworfen.

 

 

 

 

Leider fehlen die folgenden Seiten. Es gibt noch 1/2 Blatt mit folgendem Inhalt:

 

Am 24. Dezember 1882 habe ich bei Wilhelmine Litz, Tochter des Johann Lietz (unseres jetzigen Arbeiters) und seiner Frau geb. Siemund Pathen gestanden. Sie ward am 5. Dezember 82 geboren.

 

Andere Seite:

 

Meta starb am 26. März 1880. Im Alter von 2 Jahren 9 Monaten und 24 Tagen. Mittags um die sechste Stunde. Sie hatte ein dunkelbraunes Sarg, rundum mit einem grünen Kranze besetzt. Ein weißes Mullkleidchen hatte sie an. In der Vorstube stand sie. Es wurde gesungen. Was Gott thut, das ist wohlgethan, er giebt und nimmt auch wieder. Sechs Träger waren.

( Die Kirchenbucheintragung von Metas Tod ist am Ende dieser  Seite zu sehen.)

 

 

 

Das war ein Einblick in das Leben eines 14‑15 jährigen Mädchens in der Zeit vor über 100 Jahren ohne Plattenspieler, Radio und Fernsehen, ohne Disco aber mit Lust zum Tanzen. Fortbewegungsmittel waren die eigenen Beine auch über weite Strecken, das Fuhrwerk und das Pferd. Ein Fahrrad war unbekannt, es fand in Deutschland erst ab 1888 Verbreitung nach Erfindung des Luftreifens. Autos gab es noch nicht. Aber es ist möglich, dass die Eisenbahn von Stutthof über Steegen nach Danzig und nach Dirschau bzw. Marienburg schon bestand, obwohl sie nie erwähnt wird.

 

Ich habe mich bemüht, originalgetreu abzuschreiben mit Zeichensetzung und Rechtschreibung, auch wenn es offensichtlich Schreibfehler waren, wie z.B. einmal "Fleiß" statt "Fleisch", oder "das" mit s statt mit ss. Das Tagebuch wurde ja für sich selbst geschrieben und sicher nicht in der Erwartung, dass einer ihrer Enkel es abschreibt und damit unter ihren Nachkommen verbreitet. Man sollte es mehrmals lesen und sich auf jeden Fall die Karte zur Hand nehmen, um sich die Orte zu suchen und einen Begriff von den Entfernungen zu machen.

 

Nach den mir vorliegenden Unterlagen sind viele Namen Verwandte, z.B. Hans, Louise und Emilie Claasen aus Rehwalde (aus der 1. Ehe von Emilie Kleineisen, Schwester der Mutter der Schreiberin), A. Stanke (aus gleicher Linie, Mutter des 1. Mannes von Emilie Kleineisen = Hans Claassen), Tetzlaffs (aus 2. Ehe von Emilie Kleineisen, Tochter von Martin Kleineisen, den Großvater von der Schreiberin, also Schwester der Mutter), Dengel (Verwandte ihrer Großmutter väterlicherseits = Dengel), Wilhelm,

Carl, Erdmann, Heinr. und Julius Behrend (Brüder ihres Vaters).

 

Buß‑ und Bettag: Lt. Lexikon hat die Luth. Kirche von der Kath. Kirche die vier Quatembertage als Buß‑ und Bettage übernommen, von denen je einer in jeder Jahreszeit liegt, der im Frühjahr am Anfang der Pfingstzeit. Die Tagebuchaufzeichnungen sind hier vollständig. Der erwähnte Buß‑ und Bettag liegt genau 3 1/2 Wochen nach Ostern und damit 3 1/2 Wochen vor Pfingsten. Danach wurde also der Beginn der Pfingstzeit genau auf die Mitte zwischen Ostern und Pfingsten gelegt.

 

Cotillon (französisch cotillon: Unterrock), französischer Gesellschaftstanz mit unterschiedlicher Zahl teilnehmender Paare, als Form des Contredanse etwa um 1700 entstanden (siehe Volkstanz). Um 1800 wurde er auch in England und Nordamerika populär. Eine Variante des Cotillon entwickelte drei bis fünf komplizierte Figuren, die alle zu einer anderen Melodie getanzt wurden. Dieser Tanz wurde als Quadrille bekannt und war der direkte Vorläufer des amerikanischen Squaredance. Ende des 19. Jahrhunderts entwickelten sich die noch existierenden Formen des Cotillon zu amüsanten Tanzspielen mit Preisen, Pfänderspielen und häufigem Partnerwechsel.

Anleitung für das Zitieren dieses Artikels:

"Cotillon." Microsoft® Encarta® 2006

 

 

 

Falls Sie weitere Namen von Personen aus der Weichselniederung suchen, empfehle ich Ihnen, den Stammbaum der Familie Kaiser anzusehen mit den Vorfahren (mit Nebenlinien) der Schreiberin dieses Tagebuches Elise Aline Behrendt (Lichtkamper Ast). Beim Anklicken eines der sehr vielen Namen  erhalten Sie Daten mit Ortsangaben über dessen Geburt, Heirat und Tod.

 

 

 

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Kirchenbucheintragung  von Metas Tod (26. März 1880) (rot angekreuzt):