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Horst Kaisers
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Auswahlmenü Kriegsende und amerikanische Gefangenschaft II./Artillerie Regiment 117 Kriegstagebuch Dezember 1941 bis Januar 1943 Chronik Mai 1943 bis zur
Vernichtung am 12. Mai 1944 Prütznow von März 1945 bis
Mai 1946, ein Tagebuch von Brunhilde Dallmann Familie Kaiser aus Prütznow und Labes Stammbaum der Familie Kaiser und Eitzen und Treffen in der Lüneburger Heide |
Meine letzten Kriegstage und die
Gefangenschaft
Tagebuch
von Horst Kaiser Zeittafel
25.03.1945
Abmarsch aus Braunschweig 01.04.1945
Beförderung zum Unteroffizier 04.04.1945
Einsatz an der Weser bei Groß-Wieden 05.04.1945
Einsatz am Süntel bei Zersen 11.04.1945
Einheit aufgelöst 17.04.1945
Gefangennahme 19.04.1945
Ankunft im Lager Rheinberg 22.05.1945
Abtransport aus Rheinberg 25.05.1945
Ankunft im Lager Le Mans 12.07.1945
Abtransport nach Mailly-le-Camp 18.08.1945
PW-Camp Baltimore II bei Chalons zur Marne 29.12.1945
Abtransport nach Stenay Mitte/Ende
Januar 1946 Abtransport nach Münster 15.02.1946
Abtransport nach Bad Segeberg und Entlassung 15.02.1946
ca. 17 Uhr Ankunft in Malente Über meine letzten
Kriegstage und meine Gefangenschaft bei den Amis habe ich in meinem
Notizbuch, das ich bei mir hatte, Tagebuch geführt. Die Blätter sind 8 x 13
cm groß. Ich habe mit Bleistift geschrieben und meine Handschrift Sütterlin
benutzt, die heute (2004) nur noch die Älteren lesen können. Daher und weil
die Schrift sehr klein ist, habe ich das Tagebuch abgeschrieben, und zwar wortgetreu.
Ich konnte damals sehr klein schreiben. Zusätze,
die ich jetzt – 2004 - gemacht habe, sind Kursiv geschrieben. Die erste Seite in
doppelter Größe:
Und nun zwei Seiten in
Originalgröße:
Und
das als Beispiel für die Größe meiner Schrift, die ich heute kaum noch ohne
Lupe lesen kann: Kriegsgefangenenlager
Rheinberg Begonnen am 4. Mai 1945 Ich will diesen Bericht über die letzten
Tage des großen Völkerringens mit einem Abschied beginnen. Am Sonntag, den 25. März 1945 war ein Teil der
Offiziers-Nachwuchs-Abteilung der Artillerie 31, deren 2. Batterie, 2. Zug, ich als Obergefreiter und Teilnehmer des 21.
Lehrgangs angehörte, in Braunschweig morgens zu einem gemeinsamen Kinobesuch
angetreten. Es war ziemlich kühl und alles war froh, als „Der große König“
anlief. Wir wurden in die Zeit geführt, wo Friedrich der Große in den
schlesischen Kriegen trotz vieler Niederlagen nicht verzagte, sondern seine
Truppen bei Leuthen zum Sieg führte. Gerade als der Choral von Leuthen
ertönte, wird der Film unterbrochen. Die 2. Batterie muss sofort in die
Kaserne zurück. Unterwegs wird schon viel von einem bevorstehenden Einsatz im
Westen gemunkelt. Vor der Unterkunft gibt der Chef, Hauptmann Bertram, genaue
Befehle. Die ganze O.N. Abteilung (Offiziers-Nachwuchs-Abteilung) setzt sich
in der kommenden Nacht in Marsch nach Westen zur weiteren Ausbildung. Der
Nachmittag ist ausgefüllt von Vorbereitungen. Abends habe ich noch
Gelegenheit, meinen Koffer zu Frau Bogdahl, Siedlung Mascherode,
Dachdeckerweg 12 zu bringen. Um 0,15 Uhr treten wir mit vollem Gepäck zum
Abmarsch an. Nachts nehmen wir Abschied von Braunschweig. Ob wir es jemals
wieder sehen? Es folgt jetzt ein
mehrtägiger Marsch. Die erste Nacht mussten wir unser Gepäck tragen, in den
anderen Nächten wird es gefahren. In den Unterkunftsorten werden wir von der
Bevölkerung freundlich behandelt und, da wir keine Feldküche haben, mit
warmen Essen versorgt. Überall hört man die bange Frage: „Wie wird sich der
Krieg weiter entwickeln? Wird der Amerikaner bis Mitteldeutschland vorstoßen?“
Ich habe immer noch eine leise Hoffnung, dass eine Wende eintritt. Karfreitag, den 30. März bringt eine nette Überraschung. Mit einem
Kameraden will ich versuchen, bei einem Bauern zu frühstücken. Der kleine Ort
heißt Messenkamp (im Deister). Wir
fragen, ob die Leute nicht wüssten, wo es für uns Kaffee gibt. Wie erwartet,
werden wir eingeladen und essen uns an Schmalz, Leberwurst und Fleischwurst
satt. Zum Schluss lädt uns die Frau zum Mittagessen ein. Da haben wir nochmal
geschmaust. Es gab ganz fetten Schweinebraten (ca. 1 Pfund pro Mann) und als
Nachtisch Birnen, Pflaumen und Pudding mit ganzen Erdbeeren. Wir waren den
Leuten sehr dankbar. Der nächste Tag brachte
uns als Überraschung, dass wir mit mehreren Mann zur Schreibstube kommen
müssen. Dort werden unsere Personalien überprüft. Vermutlich will man uns
kurz vor dem bevorstehenden Einsatz noch befördern. Abends marschieren wir
noch 5 Km nach Kathrinhagen. Hier werden wir wieder in
einer Scheune untergebracht. Ostern steht vor der Tür. Wir sollen einen Tag
Ruhe haben. Am Ostersonntag, 1. April 1945,
morgens gehen wir Kaffeetrinken mit schönem Osterkuchen. Nach dem
Frühantreten verhandele ich mit dem Bauern wegen Kartoffeln und Möhren zum
Mittagessen. Nachdem wir sie vorbereitet haben, übernehme ich das Kochen.
Unterdessen hat sich der Bauer von Kamerad Mensing und Vojtech überreden
lassen und uns gegen einige Zigarren einen
Hammel spendiert, so dass wir noch ein prima Gulasch haben. -
Inzwischen kommt leider der Befehl „In den Quartieren bereithalten zum
Abmarsch“, so dass wir Kartoffeln und Möhren als Eintopf kochen. Um 15 Uhr
ist dann Antreten. Dabei werden die erwarteten Beförderungen ausgesprochen
und eine Einteilung für den in den nächsten Tagen zu erwartenden
infanteristischen Einsatz vorgenommen. Ich bekomme eine Gruppe in Stärke 1 :
7. Im Anschluss daran schieße ich als „Ehrensalut“ eine Panzerfaust ab. Als
wir im Quartier ankommen, ruft unser Zugwachtmeister, Oberwachtmeister Hopke,
die drei frisch beförderten Unteroffiziere Heinz Dornieden, Günter Janecke
und mich und Lorenzen zu sich. Er nimmt uns mit zum Kaffeetrinken. Auf dem
Heimweg vom Antreten hatte ihn eine Frau mit 4 Mann eingeladen. Wir riechen
gleich beim Betreten der Stube einen herrlichen Bohnenkaffeegeruch. Auf dem
Tisch steht für jeden ein herrliches Stück Butterkremtorte und anderer
Kuchen. Leider müssen wir zu schnell wieder weg, da wir abends mit dem ganzen
Zug Wache haben. Wir neuen Unteroffiziere sitzen im Wachlokal und nähen
unsere Schulterklappen. – Am nächsten
Tag gehe ich um die Mittagszeit zu den Leuten, die uns am Vortag so nett mit
Kaffee bewirtet hatten, um mir die Schulterklappen mit der Maschine nähen zu
lassen. Die drei Mädels machen sich dabei, sie mit der Hand zu nähen. Ich
bekommen noch Mittag. Im Laufe des Gesprächs erfahre ich, dass es Evakuierte
aus Gelsenkirchen sind. Zum Kaffee hat sich Owm. Hopke und Günter Janecke
wieder eingefunden. Nachher müssen wir wieder zur Wachablösung. Wir drei
neuen Unteroffiziere ziehen dann in ein neues Quartier. Zum Abendbrot sind
wir wieder bei den Mädels. Wir lernen uns näher kennen, spielen
Gesellschaftsspiele und gehen erst um 3 Uhr zu Bett. Mir hat besonders ein
etwas stilleres Mädel gefallen, Lotte Maschmeyer. Sie wohnen bei Tischler
Hahn. Als ich in mein Quartier
komme, macht der Wirt noch Krach, weil es so spät ist. Am Morgen muss ich
nach dem Frühantreten nochmal Unterricht machen über Panzerfaust. Das hängt
mir schon langsam zum Hals raus. Anschließend geht es wieder zu Maschmeyers.
Die Luft ist ziemlich dick. Der Kommandeur erwartet für diesen Nachmittag den
Einsatzbefehl. Ich bin gerade mit rasieren und waschen fertig, als Owm. Hopke
uns den Befehl zum sofortigen Abmarsch bringt. Schnell muss ich noch von
Maschmeyers die Wäsche holen, die schon eingeweicht ist. Der Abschied von
Lotte fällt sehr schwer. Doch vor dem Abmarsch findet sich noch Gelegenheit,
einige Zeit mit ihr zu sprechen, da wir Deckung vor Tieffliegern nehmen
müssen. Zum Abschied tauschen wir Bilder aus.
Auf dem Marsch überrascht
uns ein furchtbarer Gewitterguss. Wir sind vollkommen nass. Als wir über den Süntel sind, sehen wir die Weser vor uns.
Nach 2-stündigem Halt, bei dem wir furchtbar frieren, marschieren wir weiter
nach Großen-Wieden. Hier können
wir in einem ehemaligen Gefangenenlager etwas schlafen, müssen aber um 3 Uhr
raus zur Einweisung. Der Amerikaner ist noch nicht ran. Morgens gehen wir
dann in Stellung. Meine Gruppe liegt dicht an der Weser, hinter uns 300 m
Wiese. Alle anderen Gruppen des Halbzuges liegen dicht am Dorf. In dieser
Stellung warten wir auf den Ami. Es bleibt aber alles ruhig. Nur am
jenseitigen Ufer hört man hinter der Höhe das Panzergeräusch. Wir wurden
langsam eingekesselt, denn bei Rinteln und Hameln ist er bereits über die
Weser gegangen. Am Sonnabend, den 4. April 1945 mittags müssen wir uns
plötzlich sammeln und sollen an anderer Stelle zur Verstärkung eingesetzt
werden. Wir essen noch kräftig Zucker, der in einem Saal steht. Nachdem wir
ein Stück in Richtung Hess. Oldendorf marschiert
sind, drehen wir wieder um. Es war blinder Alarm. Wir ziehen also in die
alten Stellungen. Doch am Sonntag Mittag
geht es endgültig mit einem großen LKW los zur 3. Batterie, Hauptmann Stamm.
Wir finden uns noch mit einigen Männern zusammen, die versprengt waren. Doch
meine Gruppe erhält einen Sonderauftrag. Hptm. Stamm fährt mit mir eine
Strecke auf dem Süntel ab, die wir ablaufen müssen. In der Nacht noch laufe
ich die ca. 8 km zweimal mit, um meine Leute einzuweisen. Unser Quartier ist
in einer Gastwirtschaft in Zersen. Morgens organisiere ich
dann Fahrräder für die Streife und für mich ein Motorrad. Mittags essen wir
fabelhaft. Fleisch bekamen wir von der Flak, die geschlachtet hatte.
Nachmittags gegen 5 Uhr bringt eine Streife dann die Meldung, dass ein
Leutnant berichtet hat, der Amerikaner sei mit 300 Mann im Anmarsch, unseren
Kessel vom Rücken her zu zerschlagen. Ich versuche noch, den Leutnant selbst
zu erreichen, finde aber nur noch 2 Begleiter, 2 Volkssturmführer, die mir
alles bestätigen. Daraufhin werden wir abends einem Zug zugeteilt und
beziehen Stellung auf dem Süntel. Morgens gehen wir nochmal runter nach
Zersen und bleiben über Tag in Ruhe. Verpflegung bleibt aus, was uns aber
nicht zu schlecht stimmt, da wir gutes Mittagessen hatten. Am nächsten Morgen,
Mittwoch, den 11.4.45. hört man
starken Gefechtslärm, doch der Ami stößt an uns vorbei auf Hess. Oldendorf
zu. Gegen Abend ist der Kessel so klein geworden, dass es aussichtslos
erscheint, weiter Widerstand zu leisten. Alle schweren Waffen werden
gesprengt. Ich gehe für ½ Stunde von meiner Gruppe fort. Als ich zurückkehre,
sind alle getürmt. Der Rest der dort sich befindenden Leute bekommt noch
Verpflegung. (Ich habe 3 Büchsen je 850 gr., ¾ Brot und ½ Pfund Schmalz).
Dann kommt der Befehl, uns einzeln durchzuschlagen. Ich gehe mit einem
jüngeren Kanonier Braschos aus Essen, zusammen. Wir schließen uns 3
Luftwaffenoffizieren von einer Eisenbahnflakbatterie an, die Karte und
Kompass haben. Um 19 Uhr ca. gehen wir los. Es ist ziemlich warm. Als erstes
Hindernis kommt ein Wald, in dem wir die Masse der nachfolgenden Landser
abhängen können. Dann liegt um 24 Uhr die Reichsautobahn vor uns. Sie ist
jedoch unbenutzt. Durch eine größere Ortschaft gehen wir stur durch und
marschieren die Hauptstrasse lang. Gegen ½ 4 Uhr klopfen wir an einem
Bauernhof an und versuchen Quartier zu bekommen. Sie öffnen jedoch nicht,
weil es bei Strafe verboten ist vom Ami, deutsche Soldaten auf der Flucht zu
begünstigen. In einem anderen Haus orientieren wir uns nach der Karte und
gehen dann in einen nahe gelegenen Wald. Dort schlafen wir den Tag über. Am 2. Tag liegen als
Hindernis zunächst eine stark befahrene Reichsstrasse und dann der Mittellandkanal vor uns. Die
Brücke ist nicht bewacht, so dass es ungehindert weiter geht. Vorher
versuchten wir noch, Wasser zu bekommen. Als wir im letzten Haus des Dorfes
klopften, kam die Antwort: „Warrum aufmachän?“ Es war anscheinend ein Ami.
Wir schnappten uns unsere Sachen und türmten in einen nahen Wald. Den Tag
wollen wir in einer Försterei verbringen, doch werden wir durch einige
Lichter abgeschreckt. Wir wollen den Tagesanbruch im Wald abwarten. Da
stellen wir fest, dass es von Amis wimmelt. Also schlafen wir im Dickicht.
Abends brechen wir schon früh auf und gehen an einem Waldrand lang. Hinter
uns leuchtet von Zeit zu Zeit eine Taschenlampe auf und jemand ruft. „Boys,
boys!“. Wir warten noch etwas, bevor wir weitergehen. Die Nacht verläuft ohne
Zwischenfall. Morgens gehen wir in ein Bahnwärterhaus, das in der Nähe von
Neustadt am Rübenberg liegt. Wir
schlafen in 2 Bodenkammern, waschen uns und essen schöne Bohnensuppe.
Mehrmals kommen Amis, um nach Eiern zu fragen. Da ein Flugplatz nur wenige
hundert Meter entfernt ist, gehen wir
erst gegen ½ 10 Uhr los. Vor uns liegt die Leine. Wir haben erfahren, dass
die Brücke unzerstört, aber bewacht ist. Kurz vor der Brücke liegen wir dicht
an einer Straßengabel, als mehrere Autos mit hellen Scheinwerfern ankommen
und mehrmals hin und her fahren, aber wir bleiben unentdeckt. 2 Offiziere gehen
vor und stellen fest, dass es unmöglich ist, über die Brücke zu kommen. Also
wollen wir es weiter nördlich versuchen. Plötzlich sind wir in einem größeren
Ort, Neustadt am Rübenberg. Wir
versuchen, ihn zu umgehen, was auch
gelingt. Als wir wieder nach Osten an die Leine wollen, kommen wir auf eine
Strasse, auf der der Ami Benzin und Öl gelagert hat. Die Posten verraten sich
durch lautes Sprechen und Trampeln. Also geht es weiter querfeldein bis wir
uns im Wald festlaufen. Es hilft kein Kompass, wir legen uns schlafen. Als es dann hell wird,
finden wir den Weg sofort wieder und auch die Eisenbahnlinie von Neustadt
nach Bremen. In einem Bahnwärterhaus erkundigen wir uns nach der Lage und
erfahren, dass in der Nähe eine gesprengte Brücke über die Leine ist. Solange
es der Wald zulässt, marschieren wir bei Licht weiter. Ein plötzlich
auftauchendes Auto verrät, dass der Ami in der Nähe ist. Wir machen Rast. Am
Abend müssen wir unbedingt die Leine überqueren. Ob wir ein Boot finden? Wir
marschieren am Ufer abwärts, müssen vor einigen sprechenden Posten wieder
Deckung nehmen und hören plötzlich
starkes Rauschen. Als wir rankommen, sehen wir die gesprengte Brücke. Es ist
Mondschein, und wir können erkennen, dass wir bis zur Mitte der Brücke
kommen, dort aber ein schwarzes Loch ist. Wir gehen weiter, doch nach 50 m
machen wir kehrt, und nun versucht ein Oberleutnant, hinüber zu kommen. Als
er zu 2/3 drüber ist und noch keine nassen Füße hat, klettere ich nach. Die
anderen folgen ebenfalls. Bis zum ersten Pfosten liegt schon ein Brett. Von
dort bis zum nächsten steht eine Fähre. Nun kommt das Hindernis, nämlich bis
zum gegenüberliegenden Ufer. Der Oberleutnant versucht es wieder als erster
und kommt auch rüber, allerdings wird er ziemlich nass, trotzdem er lange Stiefel
an hat. Ich taste nun mit einer Stange die Strecke vor mir ab und komme mit
nassen Füßen bis zur Mitte. Von dort aus muss ich am Geländer lang rutschen.
Dabei komme ich mit dem linken Bein bis zum Knie ins Wasser, während das
rechte trocken bleibt. Am anderen Ufer schütte ich gleich das Wasser aus den
Schuhen, während die anderen nachkommen. Wir marschieren noch bis zum
Hellwerden, lassen eine ziemlich lange amerikanische Autokolonne vorbeifahren
und legen uns dann wieder in einen Wald. Der jüngere Oberleutnant geht auf
Erkundung. Er kommt zurück mit der Nachricht, dass im nächsten Dorf kein
Gegner ist und dass um 10 Uhr ein Bauer uns Verpflegung bringen will. Wir
sind hocherfreut, als wir das Paket auspacken. Es sind 2 Brote drin und eine
Leberwurst, ½ Blutwurst und ca. 1 Pfund Butter, für jeden 2 Eier und eine
Flasche Himbeersaft. Wir lassen es uns herrlich schmecken. Abends geht es wieder früh
weiter. Noch 2 Nachtmärsche, und wir wollen in Elze, der Heimat des Leutnants sein. Im Mondschein sehen wir
plötzlich einen Lkw stehen und machen einen Umweg. Dann gehen wir durch eine
Ortschaft in Richtung Burgdorf. Ungewollt laufen wir durch Groß-Burgwedel. Da
wir ziemlich müde sind, legen wir uns am Ortsausgang an einen Strohschober
und schlafen 1 Stunde. Danach marschieren wir noch 5 km. und legen unser
Ruhequartier in eine niedrige Schonung. Ein Oberleutnant geht im nahe
gelegenen Dorf frühstücken. Es ist unbesetzt. Mittags gehen Braschos und ich
los. Wir wollen anständig Mittag essen. An einer zerstörten Scheinwerferstellung
warnen uns Evakuierte vor den Polen. Wir bekommen ein Stück Speck und Brot.
Trotzdem gehen wir weiter und schleichen uns von hinten an einen Bauernhof
ran. Auf unsere Bitte um Essen, will uns die Bäuerin Bratkartoffeln geben.
Doch da hören wir, dass draußen Polen nach uns fragen. Die Bäuerin sagt, wir
seien schon wieder fort und benachrichtigt uns. Wir müssen raus, und zwar
über die Diele, deren Tür zur Strasse offen ist. Dabei sehen uns die Polen
und holen uns zum Bürgermeister. 17. April
1945, ¾ 2 Uhr. Dieser erklärt uns, dass wir uns als
Gefangene zu betrachten hätten. Die Polen des ganzen Dorfes sind plötzlich
da. Die beiden Polen des Bürgermeisters, eines ziemlich alten Mannes, führen
große Reden, wir hätten uns Zivil besorgen sollen oder zur anderen Zeit,
nicht gerade mittags kommen sollen. Sie wären vom Ami bestimmt worden, auf
deutsche Soldaten zu achten. Ich verhandele noch, ob sie uns nicht laufen
lassen wollen, doch es hilft nichts. Ein Polen fährt mit dem Fahrrad nach
Groß-Burgdorff, den nächsten amerikanischen Streifenposten zu
benachrichtigen. Unterdessen verstecke ich meine Uhr im rechten Schuh und
mein Geld im linken. Evakuierte aus Ostpreußen und dem Westen bedauern uns
und geben uns Brot. Wir bitten sie, die 3 Offiziere zu benachrichtigen und
uns aus den Mänteln die Soldbücher zu holen. Inzwischen kommt der Pole mit
dem Bescheid wieder, dass wir um ½ 7 Uhr abgeholt werden sollen. Wir bitten
die Bäuerin nochmal um Essen, bekommen aber nichts. Eine ostpreußische
Frau holt uns dann rein und gibt uns Bratkartoffeln mit Rührei. Dazu essen
wir eine Büchse Blutwurst, die uns die Zivilisten außer dem Soldbuch
mitgebracht hatten. Danach setzen wir uns in die Sonne und überlegen, ob wir
fliehen sollen. Mit Rücksicht auf die Bevölkerung redet Braschos solange, bis
wir bleiben. Wir warten, dass der Ami uns abholt, aber es wird 7 Uhr, und wir
sind immer noch da. Plötzlich erscheint der Pole mit einem Karabiner und
durchsucht uns nach Waffen. Inzwischen hatten uns die Frauen noch die Mäntel
und meinen Brotbeutel mit ½ Brot und 2 Büchsen Schweinefleisch geholt. Nun
erklärt der Pole uns, er will uns nach Schillerslage
zum amerikanischen Posten bringen. (Den Namen des Ortes meiner
Gefangennahme weiß ich nicht mehr). Also ziehen wir los. Bewacht werden wir
von dem Polen mit dem Karabiner und einem zweiten Polen, der eine Pistole
haben soll. In der Ferne zieht ein starkes Gewitter auf. Wir sind froh, dass
wir über Nacht bei dem Regen ein Dach über dem Kopf haben werden. Da kein Ami
in Schillerslage zu finden ist, liefert uns der Pole beim Bürgermeister ab,
der uns am nächsten Morgen nach Burgdorf bringen lassen soll. Wir bekommen
noch Bratkartoffeln und Milchsuppe und legen uns dann auf Matratzen, die die
Frau auf die Erde gelegt hat, schlafen. Morgens gegen ½ 8 Uhr
stehen wir wieder auf, waschen uns und bekommen wieder Bratkartoffeln. Dann
bringen uns 2 Polen nach Burgdorf. Beim ersten Posten der „Military Policia“
werden wir kontrolliert und festgehalten. Er lässt uns zum Wachlokal
schaffen, wo wir sofort auf einen Lkw steigen müssen. Es geht bald los,
fahren auf der Autobahn nach Westen an Hannover vorbei und halten in
Stadthagen auf dem Marktplatz. Von dort geht es weiter nach Bückeburg.
Unterwegs ziehen Franzosenkolonnen heimwärts. In Bückeburg empfangen wir in
einem großen Verpflegungslager Verpflegung für die Amis. Dabei kommt ein Ami
und fragt, ob wir Uhren hätten. Als wir verneinen, müssen wir uns von ihm
durchsuchen lassen, doch er findet nur einen Füllhalter und will mein
Verwundetenabzeichen haben. Letzteres muss er mir aber auf Befehl eines
Vorgesetzten lassen. Meine Uhr im Schuh findet er nicht. Beim
Verpflegungsempfang staunen wir über die Art und Menge der amerikanischen
Verpflegung und unser Hunger wird immer größer. Wir bekommen nichts ab.
Danach empfangen wir in einem Lager, das sich 4 km auf einer Strasse entlang
erstreckt, Benzin. Dort lagern die 20-L-Kanister in langen Stapeln bis zu 6
Stück übereinander. Dann geht die Fahrt zurück nach Stadthagen. Dort läuft
uns beim Verpflegungsteilen nochmal das Wasser im Mund zusammen. Wir bleiben
hier, bis uns der Ami auffordert, auf den Anhänger eines Personenwagens zu
klettern. Es geht wieder nach Bückeburg zum Benzinlager und von dort aus
weiter in Richtung Westen. Bei der Porta Westfalika fahren wir über die Weser
und landen schließlich in Bielefeld. Auf dem Sportplatz Brackwede ist ein
großes Sammellager eingerichtet, wo ich Wachtmeister Wagner und
Oberwachtmeister Körber, zwei alte Bekannte von der O.N.-Abteilung als Ordner
treffe. Ich erfahre, dass unser Chef und auch Oberleutnant Dörr, unser
Zugführer, bereits durch sind. Gegen Abend empfangen wir als Verpflegung 2
Büchsen, eine mit Hühnerfleisch und eine mit Keks, Kaffee, Zucker usw.
Anschließend werden wir zu 60 Mann
in einem Eisenbahnwaggon verladen. Die Türen bleiben offen und die Frauen
schleppen Wasser bis zur Abfahrt. Es ist sehr heiß. Die Bahnfahrt geht sehr
langsam über Hamm (Westf). – Münster, wo wir wieder verpflegt werden. Diesmal
mit 2 Kartons pro Mann, in denen Schokolade, Büchsen, Keks usw. sind. Bei
Wesel fahren wir über den Rhein. Kurze Zeit darauf halten wir am 19.04.1945 an einem Stacheldrahtzaun und
werden ausgeladen. Es ist das Lager Rheinberg
Das
Lager liegt unmittelbar am Bahnhof Rheinberg. Es findet
eine getrennte Unterbringung von Uffz. (Unteroffizieren)
und Mannschaften statt. Im Uffz.-Lager, das auf einer herrlichen Wiese ist,
treffe ich Günter Janecke wieder. Er
erzählt mir, dass auch Heinz Dornieden da sei, den ich noch am selben Tag
treffe. (Anmerkung: 2 der frisch
beförderten Uffz.) Er ist mit noch 3 R.O.B. (Reserve-Offiziers-Bewerbern) von einem
Lehrgang aus Bergen zusammen. Wir 5 schließen uns zusammen. Die Adressen der
4 Kameraden sind: Heinz Dornieden, Duderstadt (Harz), Herzbergerstrasse (Am
Wald) (2.2.21), Gerhard Borsch, Magdeburg-S., Lemsdorfer Weg 26 (29.6.26),
Joachim Moritz, Woltershausen Kr. Alfeld (Leine) (23.5.26), Emil Kabisch,
Könnern (Saale), Hallische Strasse 17 (14.11.26). Zur Verpflegung gibt es
für 20 Mann einen großen Karton mit Konserven und Keks. Auch am anderen Abend
bekommen wir ihn wieder. Da es nachts windig ist, buddeln wir uns etwas ein.
Am Tag ist es warm. Es werden Hundertschaften eingeteilt und Gruppen zu 10
Mann. Zelte sollen kommen. Zur Verpflegung gibt es jetzt Küchenverpflegung,
d.h. 8 Keks (ab und zu etwas mehr oder weniger), Fleisch mit Bohnen und
Kartoffeln, Sauerkraut oder Spinat, Tomaten, Zucker, Brausepulver, Kaffee. Es
ist ziemlich wenig, man wird nie satt. Zum Überfluss fängt es auch noch an zu
regnen, doch die Sonne, die zwischen den Schauern durchkommt, trocknet
wieder. Es werden laufend Neue antransportiert, ca. 200.000 Mann werden schon
hier sein. Wie nicht anders zu erwarten, laufen viele Parolen über die
militärischen Ereignisse, aber es wird noch gekämpft. Warum führt Hitler
diesen aussichtlosen Kampf noch weiter?
Man hat sehr viel Zeit und macht sich Gedanken über die Zukunft. Es
ist alles so ungewiss. Noch schlimmer wird alles,
als mit dem Mondwechsel eine Regenperiode einsetzt. Es gelingt uns, in ein
Zelt zu kommen, die inzwischen aufgebaut sind. Jede Hundertschaft hat ein
Zelt, in dem ca. 70 Mann sind. Man kann nachts nur sitzen. Da wir eine
günstige Ecke geschnappt haben, werden wir viel angemeckert, bis der
Hundertschaftsführer eine endgültige Einteilung vornimmt. Die so schöne Wiese
ist umgewandelt in ein Schlammfeld. Loch liegt neben Loch. Überall hausen
welche zusammengekauert unter Zeltbahnen und Decken. Eine Schande ist es, wie
man alles zusammengepfercht hat. Es sind viele da, die über 50, ja über 60
Jahre alt sind, sogar Amputierte hat man angebracht. Noch schlimmer sieht es
in dem Mannschaftslager aus. Dort sind keine Zelte. Jetzt werden 2 Küchen
gebaut. Es soll täglich zweimal ½ Liter warmes Essen geben. Da das Lager
ziemlich groß (ca. 16.000 Uffz.) ist, klappt es nicht so recht. Die Küchen
kochen Tag und Nacht, so dass wir meistens nachts um 3 Uhr Essen bekommen.
Aber es ist doch schön, wenn man warmes Essen bekommt. Es soll täglich eine
Gemüsesuppe und eine Milchsuppe geben. Unsere Küche ist mit 2 Suppen im
Rückstand. Die kalte Verpflegung wird etwas schlechter. Der Ami tröstet uns
damit, dass Brot gebacken werden soll. Wir sind sehr schlapp. Eines Tages heißt es dann:
„Sämtliche Hundertschaften mit Gepäck antreten“. Wir hoffen, dass wir abtransportiert
werden. Das Regenwetter hat aufgehört, nur ab und zu regnet es noch. Doch
statt rechts runter zur Bahn, geht es links wieder auf eine große Wiese. Wir
dürfen uns nicht eingraben und hoffen immer noch, dass wir abtransportiert
werden. Die Verpflegung wird noch schlechter, es gibt keinen Keks mehr, auch
sind die Küchen noch nicht fertig. Es sieht wieder nach Regen aus, fängt auch
langsam wieder an. Um 2 Uhr nachts heißt es plötzlich: „Hundertschaften 1 bis
53 fertig machen zum Abtransport!“ Es ist großes Hallo und Durcheinander.
Aber es ist nur eine Parole. Die Aufregung haben 16 Mann zur Flucht benutzt.
Es regnet stark und wir 5 hocken uns unter unsere eine Zeltbahn. Ab und zu
nicken wir mal ein. Gegen Morgen lässt der Regen etwas nach. Der aufkommende
Wind trocknet. Es gibt die Verpflegung, die sonst in die Küche ging, zum
Selbstkochen. Daraus kochen wir uns eine fabelhafte Milchsuppe und am
nächsten Morgen eine gute Bohnensuppe. Mittags hört es auf zu regnen.
Trotzdem buddeln wir uns ein kleines Loch, in dem wir gedrängt hocken können
und das wir mit einer Zeltbahn überspannen. Das Wetter wird aber wieder
besser, sogar heiß. Da macht sich eine leichte Erfrierung an den Füssen
bemerkbar. Man hat furchtbares Kribbeln in den Zehen und kann nur schlecht
gehen. Unsere Verpflegung kochen wir
immer noch selbst. Ich bin zum Koch ernannt. Meine Beschäftigung macht mir
viel Spaß, und es schmeckt auch immer gut, sei es Bohnen oder Milchsuppe.
Aber nie ist sie so reichlich, wie am ersten Tag. Nur Holz ist sehr knapp,
und nach Wasser muss man z. T. lange anstehen. Einen Tag haben wir uns bei
furchtbarer Hitze morgens um ¾ 11 Uhr angestellt, über Tag 2-stündlich
abgelöst und abends um ½ 10 Uhr endlich Wasser gehabt. So langsam kommen auch
die Küchen in Gang. Das Essen ist gut, immer dick und ein guter ½ Liter. Zur
Abwechslung gibt eines Abends 5 Keks und am folgenden Tag ½. Als Ersatz gibt
es mehr Kartoffeln. Am 8.5.1945 hört man nachmittags um 15 Uhr
starkes Schießen von Geschützen. Wir erhalten abends durch den
Wehrmachtsbericht die Bestätigung für unsere Vermutung, dass Waffenstillstand
ist. Es herrscht allgemeine Freude. Wir sind uns aber bewusst, dass wir einer
sehr schweren Zeit entgegen gehen. Ich mache mir Gedanken, was ich nach
meiner Entlassung machen soll. Nach Prütznow will ich noch nicht zurück,
bevor die Sache mit den Russen geklärt ist. Ich will mich nicht gleich weiter
nach Sibirien verschicken lassen. Wenn wir mal entlassen werden, will ich
nach Sebent gehen. Entweder will ich dann in die Landwirtschaft gehen oder
Lebensmittelkaufmann werden. Wer weiß, wie Mama darüber denkt. Immer wieder
wandern meine Gedanken zu Mama und Papa und Karl-Heinz. Besonders an die
letzten beiden muss ich viel denken. Leben sie noch? Sind sie in
amerikanischer oder russischer Gefangenschaft? Sind sie gesund? Für Mama muss
es noch viel schlimmer sein. Sie weiß von keinem von uns dreien etwas. Es
geht ja auch keine Post. Aber es geht ja allen Deutschen so. Warum hat es so
kommen müssen? Ohne Krieg wäre alles
viel schöner gewesen. Wir hätten noch unsere Heimat, könnten unseren Beruf
erlernen und ausüben und hätten ruhiges Leben gehabt. Aber die deutsche
Führung wollte zuviel. Wir kleinen Leute mussten mitmachen. Nun steht eine
ungewisse Zukunft vor uns. Der Nationalsozialismus hat uns ja allerhand gute
Sachen gebracht, aber werden wir in Zukunft unter dem Amerikaner oder
Engländer nicht ebenso leben können? Man muss abwarten. Inzwischen schwirren dolle
Parolen im Lager über Entlassung, Abtransport usw. umher. Aber es bewahrheitet
sich nichts. Auf jeden Fall sind wir der Entlassung durch den
Waffenstillstand etwas näher gekommen.
Zur Verpflegung gibt es jetzt Weißbrot, für 20 Mann eins. Am nächsten Tag
schon für 8 Mann eins. Es ist ja nur eine dicke Scheibe, schmeckt aber sehr
gut. Da erscheint eines Tages
eine Kommission. Sie sortiert die Hundertschaften durch. Es kommen raus: SS,
S.D., alle mit Luftwaffensoldbuch, alle Panzer-Grenadiere, -Jäger und alle
mit mehr als 6 Dienstjahren. Wir 5 werden aber auf Grund unseres jugendlichen
Aussehens auch mit aussortiert. Wir kommen in ein Waldlager und sind 1534 Mann. In der nicht vollen
Hundertschaft sind wir. Verpflegung empfangen wir für 50 Mann und kochen uns
wieder sehr gutes Essen. Am 2. Tag kocht aber die Küche schon, aber nicht so
gut wie im vorhergehenden Lager. (Vergessen habe ich noch, dass wir im alten
Lager eines Abends eine sehr dünne Milchsuppe bekamen, die der
Hundertschaftsführer beanstandete. Da er Nudeln, Zucker, Milchpulver und
Rosinen fand, die der Koch zur Seite gestellt hatte, bekamen wir morgens
einen dicken Nudelpamps nach.) Zur Abendverpflegung gibt es 1/3 Brot. Fett,
Käse und Sauerkraut behält die Küche für ein gutes Essen am nächsten Tag.
Aber daraus wird nichts mehr. Wir kommen am Sonnabend in ein anderes Lager.
Dort haben wir mit der Verpflegung großes Glück. Wir empfangen für 32 Mann
fast soviel wie für 100. Ich koche uns 6 Liter dicken Milchgries, 3 Liter
Griespudding mit Rosinen und 3 Liter Griessuppe süß mit Kaffee, außerdem 5
Liter Sauerkrautsuppe mit Fleisch. Abends beim Verladen haben wir Pech. 24
Mann bleiben zurück. Am nächsten Tag kommen
neue. Wir werden einer anderen Hundertschaft zugeteilt und sollen abends
verladen werden. Wir gehen in die
Löcher zurück. Das war der 1. Pfingsttag,
20.5.45. Gegen ½ 10 Uhr kommt ein furchtbares Gewitter, das bis 24
Uhr dauert. Wir schöpfen das Wasser eimerweise aus dem Loch. Nachdem wir bis
2 Uhr ein schönes Lagerfeuer unterhalten haben, fängt es an sich einzuregnen.
Es regnet bis in den Nachmittag hinein. Verpflegung gibt es warm. Auf dem
Bahnhof stehen 2 Transportzüge, aber es wird niemand verladen. Endlich am 22.5. gegen ½ 10 Uhr morgens beginnt unser Verladen. Mit 40 Mann kommen wir in einen großen G.-Wagen, der größer als die gewöhnlichen ist (20 t). Wir können alle bequem liegen. Als Marschverpflegung bekommen wir für 5 Mann einen Menü-Karton. Das Beste darin sind 2 Büchsen mit Speckscheiben. Auch Wasser bekommen wir rein. Dann werden beide Türen mit Draht verschlossen. Um 15,20 Uhr verlassen wir endlich das Elendsnest Rheinberg mit unbekanntem Ziel. Vgl. hierzu: http://www.rheinwiesenlager.de/LagerJW.htm
Zunächst geht es ziemlich
langsam. Wir fahren über Krefeld nach Holland hinein. Dann geht es schneller über Belgien durch
Frankreich. Nach 48 Stunden Fahrt sind wir in Paris. Unterwegs werden wir von den Franzosen oft mit
Steinen beworfen. So etwas ist bei uns in Deutschland wohl nie vorgekommen.
Am nächsten Morgen fahren wir durch Le Mans und werden kurz darauf auf
dem Bahnhof Arnage (das ist ein Stadtteil von Le Mans) ausgeladen.
Es geht ca. 3 ½ km in ein bereits bestehendes Lager. Sofort nach der Ankunft
werden wir untersucht und dann in Zeltbaracken untergebracht. Abends gibt es
noch eine Suppe, für 8 Mann 1 Brot und für 6 Mann eine Dose Tomaten. So geht
der 25. Mai zu Ende.
Dienstag,
den 29.5. Ich will diese Aufzeichnungen ab heute in
Tagebuchform fortsetzen. Erstens habe ich das vorhergehende alles
nachgeschrieben und zweitens will ich durch stichwortartige Aufzeichnungen
Platz sparen. – Aus dem gegenüberliegenden Lager 3 Transporte abgegangen.
Alles Kranke, angeblich zur Entlassung nach Deutschland. Morgens 40 Minuten
Sport, der täglich ist. Gutes Wetter. Jeden Mittag 13 Uhr ist Zählung. Die
übrige Zeit liegen wir lang. Dabei dösen wir vor uns hin, denken an unsere Zukunft
oder ans Essen. Dabei knobele ich allerhand Rezepte aus, die ich gesondert
notieren will, oder besser gesagt: Wünsche, was und wie ich essen möchte.
Gegen ½ 10 Uhr legen wir uns hin. Um 22 Uhr ist Zapfenstreich. Nachts ist der
Stacheldraht beleuchtet. Die Bewachungsmannschaften sind Franzosen. Sie
sitzen auf Türmen. Oft können wir beobachten, dass sie schlafen. Gestern
kippte einem sogar der Karabiner von oben runter; mehrmals ist er schon oben
auf der Plattform umgefallen. Hätte so was bei der Deutschen Wehrmacht
vorkommen können? – Schuhe reparieren lassen. Zur Verpflegung 1/5 Dose Fisch,
¼ Brot. Dazu täglich Brausepulver, das ohne Wasser auch gut schmeckt. Mit 60
Mann in der Baracke. Es ist eng, aber wir haben ein Dach über dem Kopf. Donnerstag,
den 31.5.1945 Gestern zur
Verpflegung: 1/3 Brot, ca. 100 gr.
Käse; heute ¼ Brot und Salat aus roten Beeten, Kartoffeln und Fleisch. Die
Mittagssuppe sehr dünn, daher heute Abend nicht satt geworden. Fühle mich sehr schlapp. – Beginn der
Erfassung. für jeden wird ein Vordruck ausgefüllt als Personalbogen. Ich habe
mein Gewicht mit 89 kg. angegeben. Was wiege ich wohl jetzt? Der Kaffee
morgens wird von den Holern ans Bett gebracht. Freitag,
den 1.6.45. Abends
um 19 Uhr noch Personalpapiere ausgefüllt
und Fingerabdrücke gemacht. Gefangenen-Nummer 2 820 388. – Verpflegung
sehr schlecht. Heute keine Milchsuppe nur Salat aus rote Beete, Mais und
Fisch zu 1/3 Brot. Am Tag wird geschlafen, da sehr schlapp. Kühles Wetter. Mo.
4.6.45. Heute Morgen
wieder beim Roten Kreuz gewesen. Es wurde eine Liste ausgestellt mit
Heimatanschrift und Berufsgruppe. Ich habe Sebent und 2 (Landwirtschaftlicher
Arbeiter) angegeben. Abends nochmal eine Liste innerhalb der Kompanie
aufgestellt. – Am Sonnabend und gestern Abend gab es eine etwas bessere
Milchsuppe mit viel Rosinen, heute eine salzige Eiersuppe. Mittagssuppe immer
gleich bleibend dünn. Ich hatte Sa. und So. starke Kopfschmerzen,
Leibschmerzen und Durchfall. Vom Revier Tabletten geholt. Doch die
Leibschmerzen sind eher noch stärker geworden, das andere besser. In der
Nacht wenig geschlafen. Mi.
6.6.45. Es geht mir wieder besser. Im Nebenlager ist wieder
ein Transport fertig, der wahrscheinlich morgen abgeht. Hoffentlich sind wir
die nächsten. – Gestern sehr guten Käse, Milchsuppe, heute am Tag der
Invasion Milchsuppe und 1/3 frisches Weißbrot. Milchsuppe etwas dicker. So.,
9.6.45. In diesen Tagen ist mit uns nichts weiter passiert.
Am 7.6. gingen 2 Transporte aus dem Nebenlager und heute 500 Kranke ab. –
Große Mode ist z.Zt. das Austauschen von Rezepten. Das hängt wohl mit der
sehr schlechten Verpflegung zusammen. Wir sind alle schlapp. (Aus den Rezepten habe ich ein Loseblatt-Kochbuch
erstellt auf dünnem braunen Papier, wohl als Papierservietten gedacht. Die
Rezepte sind mit Bleistift in Sütterlin geschrieben und nach Gruppen geordnet. Sie sind heute
noch vorhanden.). – Vorgestern und heute Abend keine Milchsuppe.
Vorgestern Rührei mit etwas Fett, Tee; gestern Milchsuppe, Gemüsesalat mit
Fleisch, ¼ Brot; heute Käse, 1/3 Brot, Tee. Wenn das so weitergeht, klappen
bald welche zusammen. (Später haben wir
gesagt: 90% der Verpflegung lieferte der Franzose.......in Form von Wasser). –
Als Abwechselung täglich Vorträge wie über Strafrecht, Rechtssachen
(Erbrecht), Literatur, Kunst (Maler und Bildhauer). „Eine Reise ins Weltall“. Mi.,
13.6.45. Heute hatte unsere Kompanie Arbeitsdienst. Wir
haben uns nicht totgearbeitet. – Mittags eine gute Suppe mit Speckgeschmack.
Gestern war sogar Speck drin. Abends nur 1/6 Brot, 3 ½ Keks, etwas Speck und
gute Milchsuppe mit eingeweichtem Keks. – Im Entlassungslager ist seit heute
ein Lautsprecher. Es herrscht Großbetrieb. Angeblich sollen morgen 5000 Mann
weg. Do.,
14.6.45. Heute fiel bei der Verlesung des nächsten
Transportes auch mein Name. Es sind alles Leute aus Norddeutschland, ostwärts
der Elbe. Wahrscheinlich kommen wir morgen ins Lager 9. Die Leute dort drin
sollen über Nacht fortkommen. – Verpflegung war heute: mittags eine dünne
Wassersuppe, abends süße Wasser-Milchsuppe mit Pflaumen und ¼ Brot. Es ist
zum Leben zu wenig, zum Verhungern zuviel. Sa.,
16.6.45. Heute sind wir ins
Abgangslager 9 gekommen. Wir mussten uns gleich auf SS (Blutgruppe unter dem
Arm) untersuchen lassen. Eine Kompanie ist hier 2000 Mann stark. Wir sind kp.
farmer 3, Gruppe 4. Sonst rechnen wir damit, Dienstag fort zu kommen. Die
Verpflegung ist hier gut. Es gab mittags eine ganz dicke Gemüsesuppe und
abends süßen Kaffee, 1/5 Brot, 3 ½ Keks und 3 Löffel Corned Beef Hash = Gehacktes)). Ich bin beide Mal satt
geworden. – Gestern Personalbogen unterschrieben. Di.,
19.6.45. Gestern wurde unsere
Vollzähligkeit nochmal überprüft und unsere Sachen kontrolliert. Meine
Drillichjacke musste dran glauben. Heute haben wir 1 Std. Sport gemacht. Im
übrigen warten wir auf den Befehl zum Abtransport. – Alfred Brentzke aus
Labes A + D getroffen. – Gestern war es sehr heiß, zum Glück ist es heute
bewölkt. – Verpflegung: So. nicht so dick, wie Sa., doch gut, abends ¼
Brot, dünne süße Eisuppe, 3 ½ Keks, 3
Löffel Corned Beef Hash. Davor für Arbeitskommando 1 L. süße Limonade. – Mo.
: statt Suppe nur süße Limonade, 1/5 Brot, sonst wie So. Brotkrumen in Wasser
mit Fleisch und Pfeffer und Salz vermengt. Heute Morgen 4 x Kaffee empfangen. So.,
24.6.45. Wir sitzen immer noch
hier. Die Verpflegung ist z. T. mies. Ich habe eine Mandelentzündung rechts.
Heute sind noch 1000 Mann ins Lager gekommen, so dass ca. 5.500 hier drin
sind. Hoffentlich geht es bald los. – Aus Wurow habe ich Erwin Falk
getroffen. Zum Zeitvertreib habe ich meine Essschüssel (Büchse) verziert.
Gestern Konzert. Sa.,
30.6.45. Wir hoffen noch immer auf
Abtransport. Seit Mittwoch ist die Verpflegung etwas besser geworden. 2 x
bekamen wir 10 gr. Schokolade. Suppen sind etwas dicker. Mittag gibt es um 10
Uhr, Abendessen um 16 Uhr. Mandelentzündung wieder gut. Sa.,
8.7.45. Gestern ging seit 3
Wochen der erste Transport ab. Morgen oder übermorgen werden die
Transportarbeiter verladen, und wir voraussichtlich Do. oder Fr. –
Verpflegung ist geblieben. 3 Tage in der Woche hatten wir abends statt
Milchsuppe süßen Milchkaffee oder –tee, weil zu viele Leute Durchfall hatten.
1 x mit 3 Mann, 1 x mit 9 Mann eine 80 gr.-Tafel Schokolade. Heute mal
Schokoladensuppe, etwas Käse, etwas Fisch. – Gestern und heute Nachmittag
Variete. – Ob ich an meinem Geburtstag - heute in 3 Wochen - in Sebent bin? Mi., 11
7.45. Heute Mittag um 11 Uhr
endlich mit 2000 Mann in Arnage verladen. Offene Kohlenwagen. Gestern starker
Regen, heute bewölkt aber warm. Verpflegung: 1 Brot, 10 Mann eine große
Büchse Erdnussbutter, 40 Mann 10 Pfund Zucker, 8 Mann 4 oc. Kaffee,
wahrscheinlich für 2 Tage. Dazu 1 Stück Käse. Do.,
12.7.45. Nach einer Fahrt über
Chartres, Versaille (Schloß), südl. Paris (Eifelturm), an der Marne entlang
über Meaux, Epernay, Chalons-Sur-Marne wurden wir überraschend ca. 50 km
südlich von Chalons-sur-Marne in Kalkgegend ausgeladen. Große Enttäuschung.
Jeder 3 Decken empfangen. 25 Mann im Zelt. Die ausgegebene Marschverpflegung
schon am ersten Tag gegessen. So.,
22.7.45. Wir sitzen noch in Mailly-le-Camp. Wer weiß, was man mit uns
vor hat. Das Wetter ist unbeständig. Mal Sturm, mal sehr heiß, dazu grelle
Sonne. Im Zelt darf man sich am Tag nicht aufhalten. Verpflegung viel besser
als Le Mans. Morgens Milchsuppe, mittags 1/5 Brot und Hash, Stew, Käse oder heute
Marmelade. Dazu süßen Kaffee oder Tee, abends Gemüsesuppe. Die Suppen sind
besonders seit dem 20.7.45 schön dick mit Mehl, Gries und Brot. Es gibt jedes
Mal eine Konservendose voll (3/4 Liter). Seit gestern bis voraussichtlich
Dienstag bekomme ich täglich ¾ l mehr, weil ich Schreiber mache.
Marketenderware: 2 Pck. Tabak, 3 Rasierklingen, ½ Stck. Feinseife,
Zahnpulver, Zigarettenblättchen. Mo.,
30.7.45. In der dritten Woche
sitzen wir jetzt hier in diesem Lager. Die Verpflegung hat wieder
nachgelassen. Besonders seit am Mittwoch ein Mann vom Roten Kreuz aus Genf da
war. An dem Tag gab es ganz dicken Gemüsepamps mit Nudeln. – Mein gestriger
Geburtstag verlief wie ein gewöhnlicher Tag. Zur Verschönerung hatte ich mir
1 Paket Tabak gegen Suppe und Brot (2 x 1/5 Brot und Aufstrich und 1 x
Milchsuppe) eingetauscht. Ich war so wenigstens mal richtig satt. Außerdem
bekam ich heute morgen einen Extranachschlag Milchsuppe mit Aprikosen. –
Heute werden alle, die aus dem russisch besetzten Gebiet stammen, ärztlich untersucht.
Die aus den englisch besetzten Gebieten konnten vorher wegtreten. Was tut
sich? Sa.,
4.8.45. Noch am Montag abend kamen die „Russen“ in Cage A
5.Von dort aus wurden sie als Arbeitskompanien auf Lkws verladen. Wir warten
hier in B 1 weiter. Ich mache Zeltältester. Am Montag sollen wir
wahrscheinlich nach B 2, dem Transportlager nach Deutschland. – Verpflegung
seit Dienstag wieder gut. Es gibt dicke Suppe. Dazu 1 Paket Tabak gegen 5 x
1/5 Brot und 3 x Hash eingetauscht. Wetter nach 10 kühlen Tagen seit gestern
wieder wärmer. Man fühlt sich nicht mehr so schlapp. Die Knie wackeln nicht
mehr. 6.8.45. Atombombenabwurf auf Hiroshima. So.
12.8.45. Wir sind noch in B 1. Am Freitag und Sonnabend
Regenwetter, heute Nachmittag wieder sehr warm. – Verpflegung noch gut. Heute mal etwas
anderes: Schmalz und ½ Matjeshering. Di.,
14.8.45. Heute Mittag plötzlich alles antreten. Das schöne
Essen. ¼ Brot und 150 gr. fettes Schweinefleisch mussten wir schnell runter
essen. Dazu hatte ich noch 1 Büchse sehr dicken Pudding. Dann wurden wir
sortiert nach Besatzungszonen, alle aufgeschrieben und kamen ins Cage A 5.
Hier sollen anscheinend Arbeitskompanien aufgestellt werden. Marketenderware
soll heute auch noch ausgegeben werden. Sa., 18.8.45. Heute
endlich abtransportiert. Als Marketenderware gab es noch 4 Pckt. Tabak, 4
Schachteln Streichhölzer, 4 Rasierklingen, Blättchen. – Bei unserer Abfahrt
um ½ 3 Uhr mit 40 Mann auf einem Lkw. Fahrt über Chalons sur Marne. Nach 1 Stunde im amerikanischem
Truppenlager ausgeladen. Zelte zu 4
Mann. Und dann die Verpflegung! Ausgehungert kamen wir her. Jetzt nach 3
Stunden habe ich noch 2 ½ Liter Suppe
und Brot stehen. Ich bin übersatt. Mo., 20.8.45. Gestern
überfressen, daher Durchfall. Heute erster Arbeitseinsatz. Abortlöcher buddeln.
Sehr müde. So.,
14.10.45. nun sind wir 8 Woche hier im PW.-Camp Baltimore II. Ich habe mich vollkommen
verändert. Die Verpflegung ist gut und reichlich. In den ersten Tagen konnten
wir ja das Fett nicht vertragen, daher mussten wir täglich 3 – 5 mal im
Laufschritt zum Abort laufen, der ca. 200 m von unserm Zelt entfernt ist.
Dabei kam es bei vielen vor, dass sie nicht mehr ganz hin kamen. Na, dann war
es eben passiert. Mir ging es einmal nachts so, denn ich kam nicht mehr
schnell genug aus dem Zelt. Sonst nahm man auf dem „unendlich langen“ Weg
eine Konservendose mit. Das sind nun aber alles Bilder aus der Vergangenheit.
Es kommt auch nicht mehr vor, dass man beim Zählappell morgens und abends vom
einen Bein auf andere treten muss, um „auszuhalten“. – Ja, ich habe mein
früheres Gewicht jetzt wieder. Und was essen wir hier! Zu Anfang holten wir
uns bei den Küchenkommandos zusätzliche Verpflegung. Dann war ich selbst mal
10 Tage auf Küchenkommando, wobei ich mich kräftig an den Leckereien der Amis
satt gegessen habe. Nun kommen wir mit der Küchenverpflegung aus, holen uns
ab und zu mal einen Nachschlag. Von der Küche gibt es morgens eine süße
Suppe, mittags Brot mit Hash, Rührei o.a., abends warme Gerichte (Suppen,
Kartoffeln mit Gulasch usw.) Ab und zu gibt es Kuchen. Brot ist immer genug
da. 2 mal wöchentlich gibt es K.-Ration, auch mal Schokolade. Wie gerne
würden wir etwas nach Hause schicken. Im Lager haben wir uns
auch nett eingerichtet. Wir leben in Bunkern mit 4 Mann zusammen. Es ist wie
ein Schiff gebaut und so hoch, dass ich aufrecht stehen kann. Jeder hat sein
Bett. Meins ist aus Zeltbahn gemacht. An jeder Seite ist eine Tür, deren
Oberteil als Fenster ausgearbeitet ist. Abends haben wir eine Petroleumlampe
mit Benzin und Salz brennen. Auch einen Benzinkocher haben wir. Im großen und
ganzen ist unsere „Hundehütte“ sehr gemütlich und warm. Und nun etwas über unsere
Arbeit, denn wir sind ja nicht zum Vergnügen hier. Arbeitszeit ist von
morgens 7 Uhr bis 11 Uhr und 13 bis 17 Uhr. Jeder 7. Tag ist frei. Die ersten 8 Wochen
unseres Hierseins hatten wir größtenteils C-Kommando. Dort wurden
verschiedene Arbeiten im ganzen Lager gemacht, z.B. Abortbau, zementieren,
Grabenbau, Fußwegebau usw. Ab und zu gab es zur Abwechslung mal Headquarter,
Müllabfuhr oder Quartermeester. Es ist immer leichte Arbeit. Man ruht sich
dabei immer genügend aus. Dann ging es mal auf
Küchenkommando. Dort ist die Arbeit ja schwerer, weil es von 7 bis 19 Uhr
fast ununterbrochen durch geht. Man muss die Töpfe abwaschen, Essraum säubern,
Spültöpfe auswaschen und Essen ausgeben. Die Zusammenarbeit mit den
Amerikanern war sehr gut. Wir bedauerten, als das Kommando zu Ende war. –Aber
ein neues Spezialkommando wartete: Elektriker. Mit 10 Mann erledigten wir die
laufenden Arbeiten im ganzen Lager. Nachmittags waren wir spätestens um 4 Uhr
im Lager. Ab 21.10. gehe ich wieder auf Küchenkommando. Im großen und ganzen
gefällt es uns hier ganz gut. Die Amerikaner sind fast alle sehr nett zu uns.
Durch die Unterhaltung mit ihnen vertiefe ich meine Englischkenntnisse. Ab
und zu kommt es natürlich auch vor, dass sie „Let’s go!“ sagen, was aber
meistens ein langsameres Arbeiten verursacht. Das einzige, was uns
traurig stimmt, ist, dass wir nicht schreiben können. Wie viel denke ich
Papa, Mama und Karl-Heinz! Wie sehr würde Mama sich freuen, dass ich alles
gut überstanden habe. Und was für Sorgen mache ich mir über Papa und
Karl-Heinz! Man lebt nicht mehr so gleichgültig und abgestumpft vor sich hin
wie in den großen Lagern bei schlechter Verpflegung. Aber die Gedanken
wandern auch zu den Mädels. Viel denke ich auch an Agathe, und dass es doch
gut ist, dass wir uns nicht gebunden haben. – Auch an Irma Rogge muss ich
viel denken. Ob auch jemand an mich denkt? Hier war
mein Notizbuch voll und ich musste auf losen Blättern weiter schreiben. Sie
bestanden aus dünnem braunem Papier, und die Bleistiftschrift ist schlecht
lesbar. Ich habe die Blätter beidseitig beschrieben. Soweit ich mich
erinnere, war es Klopapier. Aber die Blätter sehen so aus, als ob ich sie aus
einem Heft herausgerissen habe. Die Blätter haben eine Größe von 7,5 x 10,5
cm. Unten sind die ersten beiden Seiten in Originalgröße abgebildet.
6.
Dezember 1945 Und wieder sind 2 Monate
vergangen seit ich meine letzten Tagebucheintragungen machte. Mein zweites
Küchenkommando war prima. Ich war im Duschraum Heizer. In der freien Zeit
habe ich Wäsche gewaschen und dafür
ca. 700 Zigaretten bekommen. An einem Tag hatte ich mal 300 Stück.
Später war ich nochmal 4 Tage auf einem Küchenkommando als Offizierskellner
und danach nochmals 10 Tage als Dolmetscher in einer Küche. Das war ein guter
Posten. Ich arbeitete drinnen, hatte Büchsen zu öffnen, Brot zu schneiden und
Verpflegung zu sortieren. Es war schließlich soweit gekommen, dass ich mir
den Speiseplan ansah und Gemüse selbständig vorbereitete. Das Essen mussten
wir auch ausgeben. Es hat mir dort sehr gut gefallen trotz der vielen Arbeit,
die von 7,30 Uhr bis 19 Uhr keine Unterbrechung fand. Am vorletzten Tag kam
der Posten nicht, der und ins Stockage zurückbringen sollte. Da machten wir 16 Mann uns allein auf den Weg. Am Tor
meldete ich auf Englisch zurück, und
es fiel nicht auf, dass kein Ami dabei war. Am nächsten Morgen sagten wir es
dann und konnten als Strafe für die Einheit ins Lager zurück. Am Schluss
jeden Küchenkommandos machten wir 2 Tage frei. Dann ging es gewöhnlich auf
K-Kommando, d.h. Camp Engeneer. Dort wurden Zelte nachgesehen,
Wasserleitungsrohre isoliert und zum Schluss Eisenplatten gelegt als Fußwege.
Dies war ein gutes Kommando, da man spät raus ging, wenig tat und früh
zurückkam. Leider war das Leben im Lager nicht mehr ganz so schön. Es
erschien am Tor ein Schild, dass wir nicht vor 11,30 Uhr und 16,30 Uhr zurück
sein dürften. Mittlerweile ist auch das wieder verschwunden. Dann war fast wöchentlich Zeltkontrolle auf
Benzin, -Lampen, amerikanische Öfen und Verpflegung. Da Ende November
zeitweilig täglich 10 bis 15 Mann flüchteten, war es verboten, Verpflegung jeder
Art im Zelt zu haben. Wir versteckten sie einfach. Die einzelnen Posten waren
bei den Kontrollen sehr verschieden. Manche gingen in die Zelte, sahen sich
kurz um und gingen wieder raus. Andere suchten ganz genau. Einmal habe ich es
erlebt, dass ein Ami auf Befehl des Oberleutnants 260 Zigaretten zurückgeben musste.
Anschließend ging auch er nur in die Zelte und fragte „Prima, was?“. Doch
auch diese Kontrollen sind vorbei. Dafür kam ein Lautsprecher ins Lager und
ab und zu Kino. Leider gibt es nur englische Filme. Auch im Theater gab es nach
der Überdachung einige Konzerte. Als Bewachung haben wir jetzt Polen
bekommen. Ende Oktober 1945 durften
wir das erste Mal schreiben. „Ein Angehöriger der geschlagenen Wehrmacht
sucht seine nächsten Angehörigen“. 4 Wochen später durften wir eine 2. Karte
schreiben. Jetzt kommen die ersten Antworten. Gunnar bekam heute Abend als
erster aus unserm Zelt Antwort aus Hamburg. Hoffentlich kommt auch meine
Karte bald. Seit 15. Dezember ist das Truppenlager
geschlossen. Fast alle Verbände sind fort. Alle Einfahrten bis auf eine
geschlossen. Ein Stacheldrahtverhau wird gebaut, in dem alles zusammen
gefahren wird. Zu dieser Arbeit gehen wir ohne Posten raus, werden auch an
der Wache bei der Rückkehr nicht gezählt. In dieser Umzäunung wohnen auch die
Polen, die gefärbte Amisachen und deutsche
Karabiner haben. Hätten sie jemals gedacht, hinter Stacheldraht zu
wohnen, den ihnen die Deutschen bauten? Am Heiligabend mussten wir noch für
sie einen Abort bauen. Am 13.12. kam ich noch
kurz vor Toresschluss zu dem ersehnten Dauerkommando „Club Charles“. Dort wurde Coca Cola und
Eiscreme verkauft. Wir nahmen uns soviel wir wollten. Belegte Brote ließ
„D.B.“ machen. Zum Belegen wurden dolle Mischungen hergestellt, z.B. Hash,
Käse und Tomatensaft, Pfeffer nicht zu vergessen. Außer dem Verkauf hatten
wir für Sauberkeit und Wärme zu sorgen. Leider wurde aber schon am 18.12.
Schluss gemacht. Nachdem wir noch 3 Tage zum Aufräumen da waren, gingen wir
dann am Heiligabend zu denen, die ...verhauen. Vormittags bauten wir mit
großer Unlust ein Abortloch. Aber mit seinen Gedanken war man doch zu Hause.
Immer wieder fingen Gespräche über frühere Feste an. Und niemand war so
lustig wie sonst. Soldaten-Weihnachten hatte man schon erlebt, aber
PW-Weihnacht? (PW = Prisoner of War, Kriegsgefangener). Dann kam der Feierabend.
Der Abort war fertig und mit Rücksicht
auf Heiligabend gingen wir ins Lager zurück. Im Zelt wurde der
Weihnachtsbaum geschmückt. Aus Gummi, den wir mit Seidenpapier ausgestopft
hatten und mit Farbe angemalt hatten, hatten wir Kugeln hergestellt. Aus
Blech hatten wir Sterne und Kerzenhalter gemacht. In letzteren befanden sich
die 9 selbst gegossenen Kerzen. Lametta hatten wir von alten
Unteroffizier-Troddeln genommen. Als er fertig war, zogen wir ihn wieder
unter die Decke, denn dort war er aus Platzgründen aufgehängt. Da pfiff es
auch schon von der Küche „Essen empfangen“. Voller Erwartung stellten wir uns
in der ausnahmsweise langen Reihe an, denn es war in den letzten Nächten
immer gebacken worden und es hatte sich herumgesprochen, dass es den ersten
Teil geben sollte. Langsam schob sich die Schlange vorwärts. Endlich konnte
ich den ersten Blick in die Küche werfen. Ein herrlich geschmückter
Weihnachtsbaum stand auf dem langen Ausgabetisch und ein verlockender Geruch
nach Bohnenkaffee und Kuchen strömte mir entgegen. Dann legte mir der erste
einen Rosinenstriezel auf den Teller. Vom nächsten bekam ich 3 Stücke Gebäck,
die Pfefferkuchengeschmack hatten. Doch die Reihe war noch nicht zu Ende. 4
Tafeln Schokolade waren das letzte, bevor
mir der Kaffeetopf mit herrlichem gesüßten Bohnenkaffee und Milch
gefüllt wurde. Da kann man wohl sagen, dass es weihnachtlich war. Der
Weihnachtsbaum sollte erst um 11 Uhr angesteckt werden. Doch wie in Kindertagen
wollte die Zeit bis dahin nicht vergehen. So verkürzten wir sie uns mit
Spielen. Dann war es soweit.
Werner, auf den wir noch ¼ Stunde gewartet hatten, kam nicht, und so steckten
wir drei ihn uns an. Es wurde, nachdem wir uns etwas gewünscht hatten, ruhig.
Wir drei saßen auf unsern Betten und sahen den Baum an. Niemand sagte etwas.
Die Stille wurde nur durch leises Räuspern unterbrochen. An dem stärkeren
Atem konnte man die innerliche Erregung erkennen. In dieser Stunde wurde der
PW-Bunker zur Heimat. Alle Lieben waren da. Wie mag es Mama ergehen? Ist Papa schon entlassen und was macht
Karl-Heinz. Ob Mama wohl meine Post erhalten hat? Das waren die Fragen, die
mich bewegten. Langsam brannten die Lichte runter. Ob ihr zu Hause oder
besser in Malente wohl einen Tannenbaum hattet? Wer weiß es. Doch als PW darf
man die Traurigkeit oder Heimweh nicht gewinnen nehmen lassen. So verbrachten wir den Rest des Abends mit
weiteren Spielen. Als wir uns dann hinlegten, lag ich noch lange wach und
dachte an alle Lieben. In den Ohren klangen noch die Weihnachtslieder nach,
die wir am brennenden Baum gesungen hatten. Einer fing an zu summen, daraus
wurde ein leises Singen bis wir schließlich alle drei sangen. Der erste Weihnachtstag
wurde halb verschlafen. Am Nachmittag spielten wir Skat. (Zu
Weihnachten schenkte ich mir einen Anhänger, ca. 2,5 x 2,5 cm groß, den ein
Kamerad in einer Werkstatt aus Plexiglas
angefertigt, und den ich mit Zigaretten bezahlt hatte, mit einem Bild von Agathe und Mama.
) Abends setzte ich mich bei
Kerzenlicht hin und schrieb einen Brief. Ich schrieb mir meine
Weihnachtsstimmung vom Herzen. Ich kann ihn ja nicht abschicken. Aber das
Mädel, an das ich am meisten dachte - Agathe – wird ihn nach meiner
Entlassung schon erhalten (Anmerkung: er
liegt heute 2004 noch unabgeschickt in meinen Unterlagen). Anschließend unterhielt ich
mich mit Gunnar. Er ist leichter veranlagt und nimmt nichts schwer. Ach,
könnte ich das auch. – Schließlich kam Werner und unser Gespräch wandte sich
zur lustigeren Seite. Der zweite Weihnachtstag
war Arbeitstag. Ich hatte jedoch keine Lust, und so verkroch ich mich in
einen anderen Zelt. Abends holten wir uns den „Wackelnden Tisch“ von dem wir
viel gehört hatten. Es ist eine runde Holzplatte, darunter eine andere Platte
aus Holz, an der drei Holzbeine befestigt sind. Es dürfen keinerlei
Eisenteile dran sein. Wir setzten uns herum, legten die Fingerspitzen herauf
und fragten nach einiger Zeit: „ Ihr lieben guten Geister seid ihr alle da?“
Da hob sich der Tisch. Nun stellten wir weitere Fragen in die Zukunft und aus
der Vergangenheit. Wir haben uns totgelacht. Mir sagte er z.B., ich würde in
zwei Jahren heiraten, 3 Kinder bekommen, Agathe würde einen anderen lieben,
aber noch nicht verlobt sein. Gunnar sagte er, dass
seine Eltern tot sind. Etwas später kam Post, dass sie gesund sind. und sein
Bruder, der Offizier war, seit Juli zu Hause ist. Da haben wir den Tisch
rausgeworfen. Nun ist auch das Weihnachtsfest zu Ende und morgen beginnt der
Alltag. 01.
Januar 1946. Die letzten 8 Tage des
alten Jahres waren noch ziemlich ereignisreich. Am 28.12.1945 waren wir noch wieder in dem bekannten
Drahtverhau zum Arbeiten. Da noch nichts zu tun war, setzten Mang und ich uns
auf Kisten und dösten vor uns hin. Es ging alles gut, bis ein Ami kam und uns
dort sah. Ich verstand ihn nicht, und so holte er sich einen
Dolmetscher, durch den er uns fragte, ob wir geschlafen hätten. „Nein“. Wir
stritten uns da einige Zeit herum, schließlich ohne Dolmetscher. Je lauter er
schrie, desto lauter schrie ich mein „Nein!“. Endlich mussten wir uns an eine
Hallenwand stellen, während die anderen arbeiteten. Nach 20 Minuten schickte
er uns in eine Halle zum Betten abladen. Dort haben wir geschuftet bis
abends. Da standen noch 3 Lkw voll da, und andere sollten uns helfen. Diese
sagten aber, sie hätten ihre Arbeit fertig und kämen nicht. Das reichte dem
Ami und er holte sie. Wir konnten nun nach Hause gehen und die anderen
arbeiteten weiter. Im Lager bewahrheiteten
sich dann die Parolen, dass wir am nächsten Tag fortkommen sollten. So
packten wir morgens (29.12.1945)
unseren Seesack und warteten, bis wir gegen ½ 12 Uhr mit Lkw nach Suippes zum
Bahnhof gefahren wurden. Dort wurden wir verladen und fuhren um ¼ 4 Uhr in
Richtung Verdun ab. Gegen 23 Uhr hielt der Zug in Stenay an der belgischen Grenze. Es hieß aussteigen, und wir
mussten etwa 4 km mit dem schweren Gepäck zu dem großen PW-Lager, das z. T.
in Kasernen untergebracht ist, marschieren. Dabei ist mancher Schweißtropfen
geflossen. Im Lager wurden wir zonenweise gezählt und in Fluren
untergebracht. Schlafen konnte ich nicht, da wir nur sitzen konnten. Ich
unterhielt mich mit den hier schon lange liegenden PW, die noch nicht im Arbeitseinsatz waren. Auch von meinen
Verpflegungsvorräten gab ich ab. Am 30.12. morgens kam dann die Filzung.
Meinen Koffer hatte ich untergestellt und die anderen Sachen wurden nicht
nachgesehen. Nun zogen wir in große Stuben ein. Als erste wurde „Ami Ost“
aufgenommen. So kam der Jahresschluss
heran. In der Sylvesternacht wurde ein großes Lagerfeuer angezündet und
gesungen. Da irgendwoher Knallkörper ins Feuer flogen, wurde das Feiern vom
Ami verboten. Der heutige Tag verlief
ereignislos. Die Verpflegung hier ist ausreichend, aber niemals mit der
Verpflegung in Baltimore zu vergleichen. Seit heute Nacht ist
Frostwetter. Vorher war es regnerisch, aber nie kalt. 5. Januar
1946. Gestern Nachmittag wurden
meine Entlassungspapiere fertig. Zuerst kam die ärztliche Untersuchung.
Danach wurde dies schon so oft ausgefüllte „POW-Form“ ausgefüllt. Auf den
Entlassungsschein kam der Daumenabdruck rechts. Heute Morgen musste ich
zur Vernehmung. Zum Ami (F.J.D.). Ich war ja darauf vorbereitet wegen der
Jungvolksache. Als erstes fragte er mich „Sie sind aus dem Kreis Labes?“ Dann
hatte ich mich so langsam fest gelogen
und er schrieb auf mein Blatt „Pommern“. Ich gab es in einem anderen
Zimmer ab. Dann suchte ich Mamas Karte vor, die sie auf der Flucht
geschrieben hatte. Damit konnte ich beweisen, dass Mama in Schleswig-Holstein
ist. Ich zeigte sie ihm und er sagte dann, ich könnte nach Sebent gehen. Da
war ich froh. Meine Papiere, die vorher zerrissen worden waren, wurden dann
nochmal ausgeschrieben. Ich habe anständig geschwitzt dabei. So konnte ich dieses Mal
wieder beruhigt in den großen Saal, in dem 150 Mann lagen, schlafen gehen.
Die Beine wurden dem gegenüber liegenden ins Kreuz gelegt und dann in dem
selbst gepolsterten Bett fabelhaft
geschlafen. Ca. 6 Uhr abends geht es zu Bett und morgens um 6 Uhr steht man
auf. 7. Januar
1946. Gestern sind wir aus dem A-Lager in D 2
gekommen. Hier liegen wir wie die Heringe mit 134 Mann in einem Zelt. Wir
haben Strohsäcke und eine Decke mehr bekommen. Holz gibt es, dass man eine
Stunde heizen kann. Dann fängt der an der Decke hängende Atemdunst an zu
tauen und herunter zu tropfen. Es liegen hier schon 2000
Deutsche aus Britischer Zone, außerdem Berliner. Gestern ging seit Weihnachten der erste
Transport „Ami Ost“. Hoffentlich sind auch wir bald dran. Gunnar Twisselmann,
Hamburg 1, Münchener Löwenbräu, Bieberhaus blieb im A-Lager. oooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooo Mit diesem 7. Januar 1946
enden meine Aufzeichnungen. Einige Tage später wurden
wir, nachdem wir nochmal kräftig gefilzt wurden, mit der Eisenbahn abtransportiert und landeten in Münster.
Dort wurden wir in einer Kaserne untergebracht und mussten auf den
Weitertransport warten. Angeblich verzögerte sich dieser, da die Elbbrücken
in Hamburg unpassierbar seien. Die Verpflegung war hier sehr mäßig, und es gab
nichts zu tun als Skatspielen. Eines Tages war es dann
doch soweit. Es ging ein Transport per Eisenbahn nach Bad Segeberg, und hier
wurden wir sofort auf Lkw verteilt, von denen meiner mich nach Eutin brachte.
Von hier aus ging ich zu Fuß nach Malente und traf etwa zwischen 16 und 17 Uhr in der
Ringstrasse 23, unserer Anlaufadresse, ein. Tante Käte war gerade beim
Bügeln. Mein Entlassungsschein
trägt das Entlassdatum 3.2.1946.
Aber das war wohl vordatiert oder das Datum in Stenay. Ich bin wohl am 15.2.1946 in Malente angekommen, denn ich
habe meine ersten Lebensmittelkarten für den 16. bis 18.2.1946 bekommen. Am
5.3.1946 durfte ich mich dann polizeilich anmelden. Mama wohnte noch dort.
Karl Heinz war auch schon da. Er hatte sich aus der Tschechoslowakei durchgeschlagen
ohne in Gefangenschaft zu kommen. War unterwegs Ausweiskontrolle, hat er
immer sein Postsparbuch vorgezeigt. Da waren so viele Stempel drin. Papa war in
Thüringen/Sachsen in amerikanische Gefangenschaft gekommen, wurde aber von
den Amis an die Russen übergeben. Er kam nach Sibirien. Dort wurde er schwer
lungenkrank und eine russische Ärztin veranlasste seine Entlassung. Er
landete in einem Lager auf Rügen. Unsere Prütznower Nachbarn, die Familie
Otto Zietlow, war nach ihrer Ausweisung in Zitterpennigshagen bei Stralsund
gelandet. Als sie erfuhren, dass Papa in dem Lager und sehr krank sei, haben
sie gesagt, der darf dort nicht krepieren und haben ihn dort herausgeholt und
bei sich aufgenommen, obwohl sie selbst nur ein Zimmer hatten für mehrere
Personen. Er muss sehr viel Wasser im Körper gehabt haben. Sie haben ihn
aufgepäppelt, und als er reisefähig war, hat die älteste Tochter Erna Zietlow
(jetzt Erna Spiegel) ihn am 13. Oktober 1946 zu uns nach Malente gebracht, 2
Tage nach der Silberhochzeit meiner Eltern. Damit war die ganze
Familie wieder vereint. Karte ab
Braunschweig
Ende
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